Haarige Sache

Januarloch-Kalender

Das Umfeld war skeptisch: Haare waschen mit Roggenmehl – kann das gut gehen? Ja, es kann. Es ist sogar sehr zu empfehlen.

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Marina Bolzli@Zimlisberg

Die Tochter schaut kritisch. Der Mann klopft Sprüche. Und die Kollegin macht sich Sorgen. Wenn man sich mit Roggenmehl die Haare waschen will, scheint das niemanden kaltzulassen. Dann erst recht, denke ich mir.

Und kaufe mir im Supermarkt für ein paar Franken ein Kilogramm Roggenmehl. Besser gesagt Roggenschrotmehl, denn das ist das einzige, was ich auf die Schnelle finde. Doch glaubt man den zahlreichen Bedienungsanleitungen im Internet, sollte auch das funktionieren.

Das Internet. Man findet da die Lösung zu allen Problemen. Und wenn ein Dutzend Erfahrungsberichte aufploppen, die sich dem Thema «Haare waschen mit Roggenmehl» widmen, könnte man meinen, dass sei ein Gebiet, mit dem sich alle beschäftigen.

Doch ich schiebe den Selbstversuch noch etwas hinaus. Nur der Kollegin lässt mein Vorhaben keine Ruhe. Ein paar Tage nachdem ich ihr davon erzählt habe, schickt sie mir eine E-Mail. Darin steht: «Von wegen billigem und natürlichem Shampoo: Besser als mit Roggenmehl (food waste!) solltest Du die Haare entweder mit Natron oder Heilerde waschen.» Meine Kollegin ist um Jahrzehnte lebenserfahrener als ich. Als junge Frau war sie lange Zeit auf Reisen, weil es in den damaligen Drittweltländern zeitweise an allem mangelte, hat sie aus der Not heraus die Haare mit reiner Kernseife oder Eigelb, verquirlt mit Cognac, gewaschen.

Das finde ich beeindruckend, umstimmen lasse ich mich aber nicht. Am Haarewaschen mit Roggenmehl überzeugen mich mehrere Aspekte: Roggenmehl soll die Haare nicht nur säubern, sondern auch pflegen. Zudem hat es einen pH-Wert von 5,5 – gleich wie die Haut – damit erübrigt sich eine nachträgliche Essigspülung, die bei fast allen anderen alternativen Waschmethoden nötig ist. Und: Roggenmehl wird in der Schweiz und Europa angebaut, es hat also keinen langen Transportweg hinter sich.

Dann nehme ich all meinen Mut zusammen. Rühre das Mehl mit dem Schwingbesen in lauwarmes Wasser ein. Im Internet gibt es Rezepte mit Mengenangaben. Aber ich merke: Das Mischverhältnis spielt keine grosse Rolle, man kann das Shampoo dünner oder dicker machen. Für mein mittellanges Haar braucht es höchstens drei Esslöffel Roggenmehl. Ich rühre – und die Tochter freut sich schon, dass ich am frühen Morgen Omeletten zubereite. Als ich ihr vom Shampoo erzähle, zieht sie die Augen zu Schlitzen zusammen.

Der Mann macht Sprüche über den Teig, den ich ins Haar rühre. Eine unbegründete Angst, denn Roggenmehl hat im Gegensatz zu anderen Mehlen viel weniger Gluten und verklebt nicht. Etwas Herzklopfen habe ich trotzdem, als ich die dickflüssige Masse auf mein Haar tropfen lasse und langsam einmassiere. Sie schäumt sogar ein bisschen, fühlt sich eigentlich angenehm an, fast wie ein Peeling. Ich lasse das Shampoo einige Minuten einwirken und wasche es danach warm aus.

Es klebt nicht, im Gegenteil, ich kann die Haare gut durchbürsten. In der Bürste hängen danach aber viele beige Schuppen. Das ist das Roggenschrot. Es wird mir noch den ganzen Tag aus den Haaren rieseln, meinen nackten Nacken bedecken und die Tochter zu Sprüchen animieren: «Hey, da hängt etwas Mehl in deinen Haaren.» Haha, Mehl ist da keins. Nur Anfängerschrot. Doch das lässt sich vor dem Verrühren aussieben. Oder dann kaufe ich mir feines Roggenmehl.

Denn: Die Haare sehen schön aus. Glänzend. Sie fühlen sich auch gut an. Und im Gegensatz zu den 44 (!) Inhaltsstoffen, die ich auf meiner alten Shampooflasche zähle, weiss ich nun, was ich in mein Haar massiere: Mehl und Wasser. So einfach wie effizient. Und was übrig bleibt, wird in den Brotteig eingearbeitet.

Berner Zeitung

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