Her mit dem Essen von gestern

Januarloch-Kalender

Wie essbar ist das Essen von gestern? Weitgehend sehr, zeigt sich in der Äss-Bar –wo mit unschlagbaren Preisen gegen die Verschwendung von Essen gekämpft wird.

Viel Essen für wenig Geld: Die Ausbeute aus der Äss-Bar.  Foto: Raphael Moser Ihr gestriges Brot gib uns heute: Die Berner Filiale im Kellergeschoss der Marktgasse 19. Foto: PD / Äss-Bar Bern, Ruben Ung

Viel Essen für wenig Geld: Die Ausbeute aus der Äss-Bar.  Foto: Raphael Moser Ihr gestriges Brot gib uns heute: Die Berner Filiale im Kellergeschoss der Marktgasse 19. Foto: PD / Äss-Bar Bern, Ruben Ung

Michael Feller@mikefelloni

Der Laden ist rappelvoll. Ein Dutzend Kundinnen und Kunden steht vor der Theke im kleinen Kellerladen. Die Äss-Bar verkauft an der Berner Marktgasse die Ware, die gestern niemand wollte. Offensichtlich ist diese tags darauf heiss begeht. Kein Wunder: Das Sandwich kostet 3 Franken, die Vermicelles 2.50, kleine Gebäckstücke gibt es für 1 Franken. Hinten an der Wand lockt die Brotauslage. Das beste Argument für die Äss-Bar ist klar: Die Preise sind unschlagbar. Aber sind es auch die Produkte? Darf man Ware von gestern mit gutem Gewissen verkaufen?

Halber Preis oder günstiger

Seit bald vier Jahren gibt es die Berner Äss-Bar. Zusammen mit den Kollegen in Zürich und Freiburg betreiben die Initianten schweizweit 8 Filialen. Und das gute Gewissen ist sozusagen der Kern der Sache: Weil sie nicht zusehen konnten, wie essbare Lebensmittel in der Biogasanlage landeten, setzten die Gründer eine bestechende Idee um: Sie nehmen Bäckereien die nicht verkaufte Ware vom Vortag ab und verkaufen sie zu tiefen Preisen, zum halben Preis oder günstiger.

Dabei gewinnen alle: Die Kunden kaufen günstig ein und unterstützen eine gute Sache. Die Bäckereien erhalten, statt die Entsorgung der überschüssigen Ware zu bezahlen, einen kleinen Teil des Erlöses. Und für die Umwelt ist auch etwas getan. Die Nahrungsmittelproduktion macht 31 Prozent des Energieverbrauchs aus. Wer sich gegen Nahrungsmittelverschwendung engagiert, schont Ressourcen.

Ihr gestriges Brot gib uns heute: Die Berner Filiale im Kellergeschoss der Marktgasse 19. Foto: PD / Äss-Bar Bern, Ruben Ung

Doch ein gutes Gewissen allein schmeckt noch nicht. Die Behauptung des Äss-Bar-Slogans «Frisch von gestern» soll jetzt einmal einem Praxistest unterzogen werden. Wir kaufen für unser Team-Zmittag Sandwichs, Birchermüesli, Salate, einen Börek und Desserts für alle. Reichlich Essen für fünf Personen zum Preis von einem Zmittag im Restaurant – für eine. Für die Salate kaufen wir im Laden gegenüber, dem «Gmüesgarte», Salatsauce für 1 Franken. Zurück im Pausenraum der Firma breiten wir die Einkäufe aus – und lassen sie uns schmecken.

Einer der vier Gründer der Berner Äss-Bar ist Simon Weidmann. Er ist ein Idealist, aber einer mit Bodenhaftung. «Wir sind ein normales Unternehmen, gewinnorientiert, aber nicht gewinnmaximierend», sagt er. Die Berner Filiale vergrössert den Kundenstamm seit der Eröffnung 2015 stetig. Heute arbeiten zwanzig Personen in der Berner Filiale. Sechs Fahrer holen täglich mit dem Lastenvelo (in der Stadt) oder dem Kühlwagen (in der Agglomeration) die unverkaufte Ware in den Bäckereien ab.

Dreizehn Personen verkaufen im Laden und zählen 500 bis 550 Kunden pro Tag. Bei weitem nicht nur Studierende oder andere Menschen mit schmalem Budget. «Auch die Leute der Privatbank oben im Haus oder Polizisten auf Streife kommen vorbei», sagt Weidmann. Auch viele alte Leute nehmen die steile Treppe in den Kellerladen unter die Füsse. Sie finden, früher habe man das Brot auch nicht nach einem Tag weggeschmissen.

Meiste Bäckereien mit dabei

Letztes Jahr verkaufte der Laden 65 Tonnen Lebensmittel. «Wir werden nicht reich damit», sagt Weidmann. Doch die Äss-Bar schafft Arbeitsplätze und bezahlt marktübliche Löhne. Dabei setzt man auf organisches Wachstum. «Sobald die Vitrine bereits am Nachmittag wieder leer ist, schauen wir uns nach neuen Quellen um.» Mittlerweile sind die meisten Berner Bäckereien mit an Bord.

Wir sind satt. Das Birchermüesli war lecker, die Salate verblüffend gut, die Sandwichs auch. Klar: Das Brot ist nicht taufrisch, und das Salatblatt zwischen den Scheiben hat schon straffere Strukturen gesehen. Aber das kann man wirklich noch essen, kein Problem. Vermicelles, Orangentörtchen: toll. Bei der Schoggimousse schmeckt man auch keinen Unterschied. Einzig der Börek, ja, der war gestern wohl bedeutend besser, die Halbwertszeit des Blätterteigs ist eben kurz. Nichtsdestotrotz, wir sind zufrieden. Gutes tun, Gutes essen, was will man mehr?

O Januar: Nach dem hellen und konsumintensiven Dezember ist man übersättigt und pleite. ImJanuarloch-Kalender finden Sie täglich eine Idee, wie man ausweniger mehr machen kann.

Berner Zeitung

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