Schritt für Schritt ins Jahr 2019

Manchmal braucht man Hilfe, um es gesund und munter ins neue Jahr hinüber zu schaffen. Ein Fährmann kann da helfen – und ein vorangehender Spaziergang.

Sinfonie in Grau: Die Aare im Januar. Foto: Urs Baumann

Sinfonie in Grau: Die Aare im Januar. Foto: Urs Baumann

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Wie ein alter Zug hat das neue Jahr Fahrt aufgenommen. Schwer kämpft sich das Triebwerk in kreisrunden Bewegungen durch diese ersten Tage, ächzt, stöhnt und zischt. Noch dauert es, bis diese riesige Masse ihre volle Geschwindigkeit erreicht hat. Ähnlich geht es uns selber im Januar.

Durch all die Feierlichkeiten und die langen, leuchtenden Nächte hatten wir noch gar nicht die Zeit, das vergangene Jahr hinter uns zu lassen und das begonnene willkommen zu heissen. Vielleicht ist jetzt der richtige Moment, da der Alltag seine Arme wieder um uns gelegt hat, sich noch einen Moment dafür zu gönnen, in sich hineinzuhorchen: bei einem Spaziergang – zum Beispiel die Aare entlang.

Angefangen bei der sich im Winterschlaf befindenden Gelateria di Berna, dort unten an der Marzilistrasse. Los geht es über Strasse und zwischen den eisernen Toren hindurch, hinein in die Stille des Marzilibads. Kein Geschrei ist zu vernehmen, kein Gelächter, keine springenden Pingpongbälle.

Keine Gerüche nach Sonnencreme und Chlor, nur leere Becken und gefrorene Rasenflächen. Die hohen Bäume ragen nackt in einen eisengrauen Himmel, ein paar Krähen kreisen und lassen bei ihrer Landung die Äste krachen. Noch passiert nichts in der Seele. Die Beine machen ihre Arbeit.

Nur gehen, atmen und schauen. Hinüber, weiter, Schritt für Schritt an den kalten, verlassenen Garderobenschränken vorbei, bis ans Ufer. Die Steine unter den Schuhen knirschen, dazwischen kleine Inseln aus Schnee. Das granitgraue Wasser zieht vorbei, still, schwer und friedlich. Keine Boote, keine aufblasbaren Einhörner oder Flamingos, nur die stumme Kraft des Wassers, das einem entgegenkommt.

Wenn es dann unter der Brücke durchgeht, vorbei an den Beachvolleyball-Feldern, wo keine nackten Oberkörper in der Sonne glänzen, vorbei an den verlassenen Fitnessgeräten, kommen die ersten Erinnerungen auf an die leichten, lichtdurchfluteten Tage vom vergangenen Jahr. Der Mantel und das Halstuch werden plötzlich zur Last.

Vielleicht weht einem jetzt ein eisiger Wind entgegen, wenn es an der offenen Uferstelle vorbeigeht, wo jeweils die kleine Strandbar steht. Deshalb hält man kurz inne und schaut aufs vorbeiziehende Wasser. Die Aare ist jetzt taubengrau und reflektiert die wenigen hellen Risse im wolkenverhangenen Himmel.

Die Steine knirschen, die Krähen krächzen, ein eisiger Wind pfeift einem um die Ohren, in der Seele regt sich etwas.

Plötzlich blitzen darin die Bilder auf, die Erinnerungen an diesen langen, schwülen, trockenen Sommer. Man denkt an den kurzen Frieden, der sich in einem breitmacht, wenn man aus dem kühlen Wasser steigt und die Sonnenstrahlen am Körper buchstäblich spürt. Oder an das Entzücken, wenn schöne, halb nackte Körper an einem vorbeiziehen und Lust und Lebenshunger durch einen hindurchströmen.

Weiter geht es die eiskalte Aare entlang, vorbei an dem Sportplatz zur Rechten, die Steine knirschen, die Krähen krächzen, die Äste krachen. Schon kommt die Brücke in Sicht, wo man vielleicht hinuntergesprungen ist oder zugesehen hat, wie junge Leute sich wagemutig in das Wasser stürzten, kopfüber oder gar mit einem Salto, und vielleicht sinniert man in diesem Moment über den eigenen Mut nach, denkt zurück an Momente im vergangenen Jahr, in denen man etwas gewagt hat oder feige war.

Die Aare kommt einem bleischwer entgegen, wie all die Dinge, die man zu ertragen, zu schleppen hatte, die einem in der Seele schmerzten, dem Herzen wehtaten. All die Verantwortung, die man zu tragen hat, und die Ohnmacht, die man manchmal spürt. Sie können nochmals kommen, die Ängste, die Verluste, die Verwirrungen, die Fehler, die man begangen hat, die Entscheidungen, die man treffen musste, die Verletzungen, die man erlitten und zugefügt hat. Einfach nur weitergehen, Schritt für Schritt.

Schon führt der Weg durch das verlassene Eichholz, weit und breit kein Mensch, kein Geräusch, die Feuerstellen sind verlassen, die Mülleimer weg, nur leere Flächen, dunkle Äste vor einem lichtgrauen Himmel. Und schon tauchen neue Bilder auf, wärmende Erinnerungen an weinselige Stunden an lauen Sommerabenden, an Gespräche mit Freunden, Konzerte, Open-Air-Filme, an Reisen, an spontane, schwüle Nächte voll unverhoffter Erregungen.

Aber auch das ist alles passé, der Sommer, die Wärme, das Jahr 2018 und nach einer langen Rechtskurve nun auch das Eichholz. Weiter, weiter. Immer noch setzt man einen Fuss vor den anderen, beharrlich, mit aufrechtem Gang, den Fluss entlang. Die Steine knirschen, die Krähen krächzen, ein eisiger Wind pfeift einem um die Ohren, in der Seele regt sich etwas. Ein noch unbestimmtes Gefühl. Weiter, weiter. Schritt für Schritt.

Und während das Jahr und die Aare und die Krähen an einem vorbeiziehen und man grübelt und seufzt und lacht, kommt dort, wo die Gürbe in die Aare mündet, die Bodenacker-Fähre in Sicht. Man überquert den kleinen Steg, schreitet zum metallenen Pfosten und drückt auf die Klingel. Während der Fährmann am anderen Ufer in aller Seelenruhe das Boot von den Seilen löst und dann herüberfährt, ist der Moment gekommen, sich zu verabschieden von diesem heissen und trockenen Jahr, das die Nummer 2018 trägt.

Es ist Zeit, dem freundlichen Mann die obligate Münze in die Hand zu drücken – zwei Franken sind es nur – und mit ihm hinüberzufahren. Nur eine Minute dauert die Fahrt, aber drüben wartet ein neues Jahr und ein erster Spaziergang – diesmal flussabwärts, der Zukunft entgegen.

Berner Zeitung

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