Die Rückkehr der Handschrift

Schreibwarenfirmen verkaufen mehr Stifte, man trifft sich abends zum Briefeschreiben, und es gibt stapelweise Bücher zum Thema: Von Hand schreiben ist plötzlich wieder in.

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Nina Kobelt@Tamedia

Schreibschrift ist schwer zu lernen. Das war sie schon immer. Dank dem digitalen Fortschritt (sprich: Tablets im Klassenzimmer) sind aber Kinder immer ­weniger gezwungen, von Hand zu schreiben. Das ist gut (allerlei Nerven werden geschont) und schlecht: Gemäss diversen Studien wächst eine Generation von Dümmeren heran. Den Kindern von heute fehlt die kognitive ­Herausforderung, die das Von-Hand-Schreiben mit sich bringt.

Auch soll ja die gute alte Schnürlischrift von der Basisschrift ab­gelöst werden (die Kantone können selber entscheiden, wann oder ob sie mit der Umsetzung an Schulen anfangen wollen, Bern legt sich nicht fest). Und gerade jetzt scheint das Von-Hand-Schreiben wieder total in Mode zu kommen. Lettering nennt sich das Zeichnen von Buchstaben, das zurzeit allgegenwärtig ist in Kursen, auf Internetforen und in Büchern (siehe unten).

Tinte statt Tastatur

Lettering ist aber nicht gleich Kalligrafie, wie die Kunst des schönen Schreibens genannt wird. Sondern mehr ein Ausdruck von Emotionen, kreativen Anfällen oder sonstigen Botschaften.

Schreibwarenhersteller wie Faber Castell oder Caran d’Ache bestätigen, was man vor allem online (skurril, oder?) beobachten kann: Ersterer vertreibt bereits erfolgreich diverse Handlettering-Sets – weil die Verkaufs­zahlen von entsprechenden Filzstiften angestiegen sind – und erklärt sich den Trend mit einer Rückbesinnung auf analoge Werte. Die Schweizer Firma Caran d’Ache vermeldet ebenfalls einen starken Verkaufsanstieg und damit auch einen Anstieg der Produktion von Farbstiften.

Nachdem sich der Trend Malbücher für Erwachsene nicht unbedingt hatte durchsetzen können, hat Handlettering eine echte Chance, sich zu etablieren. Denn viele Menschen haben selbst noch im Handyzeitalter nicht aufgehört, Geburtstagsbriefe und Weihnachtskarten zu schreiben, und haben das Malen und Zeichnen und Schreiben von Buchstaben immer gepflegt.

Bier trinken, Briefe schreiben

Wie Silja Bähni und Olivia Hübscher. Die Freiburgerin und die Bernerin lernten sich als Studentinnen in Aarhus kennen – an einem Post-a-letter-Anlass. In Dänemark, sagen sie, seien solche Events weit verbreitet: Man trifft sich in einem Restaurant und schreibt Briefe. Vor allem in Studentenstädten: Die Post spendiert die teuren Briefmarken. Das ist auch in Bern so, wo Silja Bähni und Olivia Hübscher solche Abende organisieren. Sechzig Leute kommen durchschnittlich, um wieder einmal einen Brief zu schreiben, und weil die Nachfrage so gross ist, wird es auch in Freiburg bald einen monatlichen Post-a-letter-Abend geben. Bilder, Magazine oder Bücher kaufen die Organisatorinnen im Brockenhaus, ausserdem werden sie von Papeterien unterstützt.

Handschreiber sollen übrigens auch schlauer sein. In einer Studie liess man Studenten Vorlesungen von Hand schreiben oder in den Computer tippen. Die langsameren Von-Hand-Mitschreiber konnten mehr Lernstoff speichern als die Labtop-Nutzer: Weil sie nicht alles mitschreiben konnten, trennten sie automatisch Wichtiges von Unwichtigem und konnten sich so mehr merken.

Post a letter, nächste Veranstaltung: 21. 12., 16–21 Uhr, Museum für Kommunikation, Bern, gratis.

Berner Zeitung

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