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Handarbeit zum Wohl der Füsse

In der Garage steht eine teure Limousine. Im Kleiderschrank hängen Massanzüge. Und am Handgelenk blinkt eine kostbare Uhr. Doch selbst wer all dies schon besitzt, kann noch zulegen – mit gediegenem Luxus für die Füsse.

Mit zwei Nadeln genäht: Schuhmacher Werner Schäfer sticht mit zwei Nadeln beidseitig ein, um das Oberleder und die Brandsohle fachgerecht zu verbinden.
Mit zwei Nadeln genäht: Schuhmacher Werner Schäfer sticht mit zwei Nadeln beidseitig ein, um das Oberleder und die Brandsohle fachgerecht zu verbinden.
Urs Baumann

Gentlemen wissen: Den wahrhaft gepflegten Mann erkennt man an seinen Schuhen. Der Massanzug aus der Londoner Saville Row mag noch so gut sitzen, die Goldknöpfe an den doppelten Manschetten des Hemdes noch so blinken. Wer dazu Billigschuhe mit angeschweissten Gummisohlen und schräg abgetretenen Absätzen trägt, fällt auf. Unangenehm: Er wird in Direktionsetagen und an noblen Feten schnell als Parvenü eingestuft – bestenfalls als Aufsteiger und Karrierist.

Wer sich also in eine noble Schale stürzt, sollte über dem Boden nicht vorzeitig von Prunk auf Punk umschalten, sondern zum eleganten Anzug einen nicht minder guten Schuh tragen. Aber wer sich da auf höchstem Niveau bewegen will, hat keine allzu grosse Auswahl. In der Schweiz gibt es nur noch eine Handvoll Schuhmacher, die rahmengenähte, nichtorthopädische, Schuhe anbieten. Die meisten dieser Schuhe werden rahmengenäht – aber mit der Maschine. Einer dieser Handwerker macht sich jedoch noch die Mühe, seine Schuhe – alle sind Massarbeit – tatsächlich noch von Hand zu fertigen.

Der Mann heisst Werner Schäfer, lebt und arbeitet in Praz FR vis-à-vis von Murten und sticht die Löcher für die Naht seiner Schuhe von Hand ein. Anschliessend näht er das Oberleder mit sich kreuzenden Nadeln gegenläufig doppelt an der Brandsohle fest. Der Fachausdruck dafür lautet «handeingestochen».

Schuhe für 2700 Franken

Schäfer benötigt für die Herstellung eines Paars Schuhe drei bis vier Monate. Entsprechend teuer sind seine Stücke: «Ein Paar kostet 2700 Franken», sagt der Schuhkünstler.

Wer seine Schuhe im Discount zu kaufen pflegt, mag ob solcher Preise zusammenzucken. Es gibt aber ausreichend Leute, die sich derart teure Stücke leisten können und wollen: «Ich habe derzeit 21 Paar Schuhe in Arbeit», sagt Werner Schäfer nicht ohne Stolz.

Ihr Vorteil: Die handgefertigten Schuhe halten mindestens zehn Jahre lang, ohne etwas von ihrem Glanz oder ihrer Eleganz einzubüssen. Werner Schäfer: «Natürlich muss der Kunde sie alle sechs bis zwölf Monate mit neuen Sohlen nachrüsten lassen. Aber der Schuh selbst behält seine Form.»

Da liegt ein weiterer Vorteil der Handgenähten: Sie sind leicht zu reparieren. Billigschuhe muss man wegwerfen, wenn die Sohle defekt ist – und das ist oft schon nach zwei, drei Monaten Gebrauch der Fall. Denn sobald die dünne Sohle über dem zumeist hohlen Absatz durchgetreten ist, füllt sich der Schuh bei feuchtem Wetter mit Wasser. Die Folge: Er beginnt hässlich zu quietschen und beschert seinem Träger nasse Socken.

Passend zum Sportwagen

Die Modellwahl der klassischen Schuhe ist zwar begrenzt (siehe Kasten rechts). Aber Schäfer bietet seinen Kunden doch immerhin 18 verschiedene Schuhe zur Auswahl an. Und für Sonderwünsche gilt die Beschränkung ohnehin nicht. «Einer meiner Kunden fährt einen roten Ferrari», berichtet Schäfer. «Der wünschte sich Oxford-Schuhe im exakt gleichen Rotton.»

Schäfer sandte dem Mann gut ein Dutzend gefärbte Lederstücke. Der Kunde verglich die Farbtöne mit seinem Wagen – und schickte das Stück mit der übereinstimmenden Nuance zurück. Nun freut sich der Ferrari-Fan auf einen exklusiven Schmuck für seine Füsse.

Für Frauen wenig attraktiv

Schuhe für Frauen stellt Schäfer nur selten her. «Die Mode wechselt viel zu häufig», winkt der Schuhmacher ab. «Vor allem die Farben sind stark dem modischen Wechsel unterworfen. Deshalb ist es für Frauen auch kein Anreiz, dass sie handgefertigte Schuhe zehn Jahre lang tragen könnten.»

Ob es die kostbaren Schuhe in der Schweiz noch lange zu kaufen gibt, scheint fraglich. Werner Schäfer ist 66 Jahre alt und hatte sich eigentlich in den Ruhestand zurückziehen wollen. Schäfer: «Ich arbeite so lange, wie ich Spass daran habe und die Gesundheit es zulässt.» Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Der hätte auch keinen leichten Start. Einerseits vermögen nur wenige Schuhmacher überhaupt noch den Anspruch des «Schuhemachens» einzulösen. Andererseits gibt es viele der nötigen Werkzeuge gar nicht mehr zu kaufen.

Unschätzbares Geschenk

Hinzu kommt, dass ein früherer leitender Mitarbeiter der Bally-Schuhfabrik den Schuhkünstler in Praz ins Herz geschlossen hatte. Als Bally die Produktion von Luxusschuhen in der Schweiz aufgab, sandte der Mann aus der Bally-Chefetage einen Lieferwagen nach Praz und schenkte Schäfer den nicht mehr benötigten Vorrat an Holzleisten – ein wahrer Schatz für den leidenschaftlichen Handwerker.

Apropos Holz: Das gehört bei Werner Schäfer auch zum Lieferumfang, mit dem er seine Kunden beglückt. Zu jedem Paar Schuhe legt der Schuhmacher massive Holzschuhspanner bei. Hinzu kommen eine Bürste, zwei Lappen zum Polieren, eine Büchse Schuhcreme, ein Imprägnierungsmittel und ein Stoffbeutel zum Aufbewahren der Schuhe. Denn zum erstklassigen Schuh gehört eine ebensolche Pflege (Kasten links).

Auch eine alte Schuhmacher-Tradition wird bei Schäfer noch gepflegt: Wenn der Kunde seine fertigen Schuhe abholt, wird ihm ein Glas Wein zum Anstossen kredenzt.

Seit neustem ist Werner Schäfer auch als Berater tätig: Er half mit, die Schuhwerkstatt des Zürcher Opernhauses aufzubauen. Dort will er einige Wochen pro Jahr selbst mitarbeiten – um den Akteuren auf der Bühne zu historisch korrektem Schuhwerk zu verhelfen.

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