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Königliches Hemd

Viele Berner Schwinger tragen Hemden aus dem Toggenburg. Weil das Sägemehl so leicht ab­zuwischen ist. Und vielleicht auch ein bisschen, weil es so gut aussieht: Modecheck vor dem Unspunnen-Schwinget.

Fast nicht zu schlagen: Das ostschweizerische Schwingerhemd. Und Matthias Sempach in ebendiesem.
Fast nicht zu schlagen: Das ostschweizerische Schwingerhemd. Und Matthias Sempach in ebendiesem.
Andreas Blatter

«Die Schwinger haben zum Appell pünktlich und in der vorge­schriebenen Kleidung anzutreten», so stehts im Regulativ des Eidgenössischen Schwingerverbands. Die Turnerschwinger tragen Weiss, den Sennenschwingern hingegen wird vorge­schrieben, ein «strapazierfähiges, farbiges, nicht grelles Hemd, dunkle lange Hose (keine Mode- oder Fantasiehemden)» zu tragen.

Ein Reglement, viele Umsetzungen: Diese nicht grellen, strapazierfähigen Hemden sehen bei jedem Sennenschwinger anders aus (warum wer welche Farbe trägt, war diese Woche ja bereits zu lesen). Schaut man sich die «Bösen» genauer an, sticht ein Schwingerhemd hervor, nicht wegen seiner Farbe, sondern weil die Schwinger, die es tragen, grad so aussehen, als ob sie im Ausgang gewesen wären oder bei einem schicken Essen. Also topmodisch und ziemlich sexy.

Auch die letzten beiden Berner Schwingerkönige, Matthias Sempach und Matthias Glarner, tragen dieses schöne Textil, ja ­überhaupt die Schwinger aus der Region: Remo Käser, Matthias Siegenthaler oder der Solothurner Christoph Bieri. Das Hemd heisst Libero und kommt aus Ebnat-Kappel, es ist ein Klassiker der Firma Kauf, die seit 1904 Textilien herstellt, es ist zusammengesetzt aus 50 Prozent Baum­wolle und 50 Prozent Polyester.

So ziemlich sorgenfrei

Das Kleidungsstück überzeugte schon früh: Die mehrfachen Schwingerkönige Karl Meli und Rudolf Hunsperger schwangen sich schon in den Sechziger­jahren in solchen Hemden zum Sieg. In den Siebzigern stach das Libero dann sozusagen alle Konkurrenten aus: «Es passte einfach alles zusammen», sagt der heutige Geschäftsführer der Toggenburger Firma, Michael Kauf, «der Schnitt – eng anliegende Hemden waren der letzte Schrei –, die Qualität, das Marketing, die Tatsache, dass es nicht gebügelt werden musste.» Allerdings hatte das Textil damals vor allem als Businesshemd Erfolg, und es war gefertigt aus 66 Prozent Polyester und 33 Prozent Viscose.

Die Schwingerversion von heute, weich, bügelfrei und jetzt auch manchmal mit Edelweissmuster, das eine viel jüngere Erfindung ist, hat laut Kauf einen Vorteil, was auch Schwinger bestätigen: Man könne das Sägemehl gut abwischen. Lustigerweise schwingen die Toggenburger – nicht wie die Berner – immer noch im Barchethemd, also in aufgerauter Baumwolle, an der das Sägemehl kleben bleibt. Nur der Noldi Forrer, sagt Kauf, trage ein regionales Hemd, die Edelweissversion mit Stehkragen.

Trends wiederholen sich

Was das «strapazierfähig» im Regulativ angeht, müssen sich die Schwinger nicht sorgen. Das Hemd vertrage was, sagt Michael Kauf, es sei fast nicht kaputtzukriegen. Das hänge mit dem Produkt an sich zusammen, «Jersey kann man dehnen, bis er verrupft.» Es halte um die fünfzig Waschgänge aus, vermutet er. Die Schwinger kaufen die Jerseyhemden übrigens ab Stange. ­Sonderanfertigungen gibt es nur noch für Matthias Sempachs Freizeitkluft.

Trends in der Mode wieder­holen sich. Das kommt diesem Hemd – und dessen Nachfolgekollektionen (zum Beispiel für die Fans des FC St. Gallen) – zugute: Was vor dreissig, vierzig Jahren in war, ein eng anliegendes Hemd, ist heute Standard. An den Erfolg der Libero-Hemden in den Siebzigern konnte Kauf allerdings nicht mehr anknüpfen. Trotz äusserst attraktiver Kampagne (siehe kleines Bild). Trotzdem: Ginge es ums Äusserliche, würden es die Berner Schwinger in ihren Ostschweizer Hemden immer in den Schlussgang schaffen.

Schauderhaftes von Gölä

Ein anderer Berner König, jener von 2010, bleibt beim Kleidershoppen im Kanton. Wenger Ki­lian schwingt in einem Hemd vom Märithüsli. Wer sonst noch mit jenen sogenannten Jennihemden in den Ring steigt, wollte die Firma aus Meiringen nicht verraten, das sei Berufsgeheimnis, man könne sich ja auf der Website informieren, liess sie verlauten.

Im Netz lächelt unter anderem Stucki Christian in die Kamera (in dunkelrotem Edelweisshemd, kurzärmlig), aber die eigentliche Attraktion der Berner Oberländer Fabrik ist zurzeit sowieso: Marco Pfeuti, besser bekannt als umtriebiger Mundartmusiker Gölä. Er steht Pate für eine Kollektion mit Unter- und normalen Hemden, Boxershorts und Damenpantys. Das Muster auf den Textilien sieht aus wie Edelweissdesign in Dunkelgrau. Doch anstelle der Blumen prangen Totenköpfe.

Ja. Da mag es manch einen schaudern. Wahrscheinlich sogar einen «Bösen».

Das Libero-Hemdist im Wullehus in Konolfingen erhältlich oder im Outlet von Kauf in Ebnat-Kappel SG. Göläs Linie «Urchig» gibts beim Märithüsli in Meiringen.

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