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Von Spinnern in Unterwäsche

Ein Dokumentarfilm zeigt die Entwicklung des Laufsports in den letzten 50 Jahren.

Daniel Böniger

Boston, 1967: Als einzige Frau rennt Katherine Switzer beim Marathon mit. Dies allerdings nur, weil man sie aufgrund der ungenau ausgefüllten Anmeldung für einen Mann hält. Bei Kilometermarke 3 wird der «Schwindel» entdeckt. Jock Semple, einer der Organisatoren, springt aus einem Bus, rennt der Läuferin hinterher, packt sie, schreit: «Raus aus meinem Rennen!» Von Switzers Begleiter wird er aber weggeschubst, sie läuft zu Ende. Erst zwei Tage später folgt die Disqualifikation.

Los Angeles, 1984: Erstmals dürfen Frauen am olympischen Marathon teilnehmen, an der Spitze läuft Joan Benoit. Als sie ins Olympiastadion einläuft, jubeln 90 000 Zuschauer. Und zu Hause vorm TV schaut die Welt zu – auch dann noch, als gegen Ende der Übertragung die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess auf der Tartanbahn in Richtung Ziel mehr torkelt als läuft.

Beim ersten Olympia-Marathon für Frauen 1984: Joan Benoit. Foto: PD
Beim ersten Olympia-Marathon für Frauen 1984: Joan Benoit. Foto: PD

Beides sind Szenen aus dem Dokumentarfilm «Free to Run» des Schweizer Regisseurs Pierre Morath, der heute im Lunchkino startet. Zumindest für Läufer ist das absolut sehenswert.

Schwitzen und Bier trinken

Nicht nur laufende Frauen, die sich ihre Startnummern erst erkämpfen mussten, werden thematisiert (man glaubte im Ernst, ihnen könnte der Uterus herausfallen). Sondern auch die Entwicklung des Laufsports im Allgemeinen, bei dem in den späten Sechzigern plötzlich nicht mehr das Gewinnen im Zentrum stand: «Frisches Gras riechen, schwitzen und danach ein Bier trinken», umschreibt es einer, der damals dabei war. Damals, das meint eine Zeit, in der die ersten Läufer ausserhalb der Stadien noch als «Spinner in Unterwäsche» abgetan wurden. Manche, so erfährt man, frönten dem Laufsport nur nachts, weil ihnen ihr Hobby peinlich war.

Der Film widmet sich auch Fred Lebow, der aus dem New York Marathon das gemacht hat, was er heute ist: der wichtigste Event im «Big Apple». Dass mit kritischer Note auch Schattenseiten dieser Erfolgsgeschichte gezeigt werden – man erinnert sich an den Hurrikan Sandy im Jahr 2012, als der Anlass erst nach Protesten abgesagt wurde –, muss man Regisseur Morath hoch anrechnen.

Am eindrücklichsten sind dennoch die heroischen Sequenzen: Als bei Lebow, der 23 Jahre lang die Renn­leitung in New York innehatte, ein Hirntumor diagnostiziert wird, beschliesst er, bereits schwer gezeichnet, nochmals am Rennen teilzunehmen. Wie er nach 42 Kilometern erschöpft über die Ziellinie läuft, von allen umarmt wird – eine weitere ergreifende Szene, mit der sogar Nichtläufer etwas anfangen können.

«Free to Run» läuft am 4. März in Anwesenheit des Regisseurs Pierre Morath im Lunchkino, Arthouse Le Paris, 12.15 Uhr; ab 10. März regulär in den Kinos.

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