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Regelmässig mässig

Bei manchen Läufern fragt man sich: Wovor sind die bloss auf der Flucht? Der Herzpatient Charly Schäfges läuft mit dem Berner Personal Trainer Eric-Pi Zürcher. Langsam. Aber gesund.

Eric-Pi Zürcher ist Personal Trainer. Zu seinen Hauptaufgaben gehört es, seine Kunden zu motivieren, regelmässig Sport zu treiben, ihnen zu helfen, den «inneren Schweinehund» zu überwinden. Aber in den allermeisten Fällen muss er sie zu diesem Zweck zunächst einmal bremsen. Ein Widerspruch? «Nur ein scheinbarer», sagt der 39-jährige Berner: «Tatsache ist, dass insbesondere Männer nach der Maxime ‹No pain, no gain› trainieren – also: ohne Schmerz kein Preis.» Seiner Beobachtung nach seien zum Beispiel beim Joggen acht bis neun von zehn Männern zu schnell unterwegs. «Dauernd zu intensiv zu trainieren», sagt Eric-Pi Zürcher, «macht aber keinen Sinn.» Es macht vielleicht keinen Sinn, aber es beeindruckt. «Ich muss zugeben», sagt etwa Charly Schäfges, «dass ich mir schon sehr langsam vorkomme, wenn ich nach Eric-Pis Vorgaben durch den Bremgartenwald oder die Aare entlanglaufe – und von allen überholt werde.» Aber man gewöhne sich rasch daran. Und: «Ich weiss mittlerweile, dass mir das Langsamlaufen gesundheitlich viel mehr bringt.»

Der Experte gibt Sicherheit

Charly Schäfges hat Anfang Jahr einen Herzinfarkt erlitten und nimmt nun, da er sich körperlich so weit gut davon erholt hat, für ein paar Wochen Zürchers Dienste als Personal Trainer in Anspruch: «Ich habe zwar schon vor dem Infarkt regelmässig gejoggt. Aber für den ‹Wiedereinstieg› gibt mir der Beistand eines Experten Sicherheit.» Denn ganz alleine Sport zu treiben, sagt er, sei im Moment noch mit einem etwas mulmigen Gefühl verbunden: Klar, gewöhne er sich nach und nach daran. Und klar, erleichtere ihn die Einschätzung seines Kardiologen, dass die Gefahr, beim Sport einen plötzlichen Herzstillstand zu erleiden, bei ihm nicht grösser ist als bei einem Gesunden: «Aber trotzdem ist es beruhigend, vorerst jemanden an meiner Seite zu wissen.»

Dies umso mehr, als dieser Jemand im konkreten Fall sehr erfahren ist und mit der gebotenen Vorsicht ans Werk geht. So berät Eric-Pi Zürcher seit bald zwanzig Jahren Sporttreibende. Und bevor er zusammen mit Charly Schäfges auch nur einen Schritt gejoggt ist, hatte er sich eingehend bei dessen Kardiologen informiert, welchen Schaden sein Herz genau genommen hat, wie belastbar er aus medizinischer Sicht ist und welche Medikamente er einnehmen muss. «Zudem», erklärt er, «habe ich mit Charly einen sogenannten Laktatstufentest absolviert, um zu eruieren, welche Trainingsintensitäten für ihn ideal sind».

Die Ergebnisse des Tests, so Zürcher, deckten sich mit den Empfehlungen, die Charly Schäfges’ Kardiologe gemacht habe: «Er sollte bei einer Herzfrequenz von 120 bis maximal 130 Schlägen pro Minute trainieren. Das ist der für ihn richtige Belastungsbereich. Wenn er sich an diese Werte hält, zahlt er sozusagen auf sein Gesundheitskonto ein.» Bei einem intensiveren Training, so der Personal Trainer weiter, würde Schäfges Laktatgehalt im Blut Werte erreichen, die für einen Gesundheits- und Breitensportler keinerlei Sinn machen. Eric-Pi Zürcher: «Das ist natürlich sehr vereinfacht erklärt, aber grundsätzlich bildet sich bei zu hartem Training zu viel Säure, was den Körper in eine Stresssituation versetzt.» Stress jedoch habe Schäfges als selbstständiger Architekt schon genug. Da solle ihn der Sport nicht noch zusätzlich stressen. So kommt es, dass Zürcher und Schäfges, der zur Herzfrequenzüberwachung grundsätzlich mit einem Pulsmesser läuft, beim gemeinsamen Joggen an der Aare vergleichsweise gemütlich unterwegs sind. Dabei bleibt ihnen genügend Luft, um während des Laufens ein wenig zu plaudern: «Das ist nebst der Pulsuhr eine gute Kontrolle», sagt Zürcher: «Wer sich noch unterhalten kann, läuft bestimmt nicht zu schnell.»

Im Grundlagenbereich

Für Charly Schäfges und die meisten anderen Breitensportlerinnen und -sportler, die sich vorab zur Erhaltung ihrer Gesundheit bewegen, genüge es vollauf, vier bis fünf Mal pro Woche eine Stunde in diesem sogenannten Grundlagenbereich zu trainieren: «Mit anderen Worten: lieber mässig Sport treiben, dafür regelmässig», sagt Zürcher. «Ambitionierte Sportler sollen zwecks Leistungssteigerung durchaus zwischendurch auch schneller und härter trainieren», ergänzt er und nimmt nochmals das bereits erwähnte «No pain, no gain»-Motto auf: «Aber auch diese sollten es damit nicht übertreiben. Mehr als 10 bis 20 Prozent des ganzen Trainings sollten es nicht sein, mehr bringt nichts und ist sogar kontraproduktiv.» Alles andere als kontraproduktiv ist das, was Zürcher – nebst dem obligaten Stretchen am Ende des Trainings – mit Schäfges zwischendurch in Joggingpausen macht: kleine Koordinations- und Kräftigungsübungen: «Da er den Grossteil des Tages sitzend im Büro verbringt, ist das zusätzlich zum Joggen zur Stärkung seiner Muskulatur sinnvoll», sagt der Profi. Schäfges beisst bei einer Liegestützübung, bei der es darum geht, die Körperspannung zu halten, tapfer auf die Zähne, lächelt – und ist bald darauf froh, kann er sich danach wieder joggend «erholen».

Flucht oder Training?

Den beiden kommt an der Aare ein Läufer entgegen. «Wow», meint Charly Schäfges, «ist der schnell!» «Ja», pflichtet ihm Eric-Pi Zürcher bei: «Aber achte mal auf sein rotes Gesicht und seinen gehetzten Blick. Der bewegt sich voll im sauren Bereich. Trainiert er, oder ist er vor irgend etwas auf der Flucht?»

Eric-Pi Zürcher (39) verfügt über einen eidgenössischen Fachausweis als Fitnessinstruktor und ist unter anderem als Dozent, Konditionstrainer für diverse Teams und Personal Trainer tätig. Infos zu Training und Preisen: 079 243'08'32.

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