Mein Haus, das Treibhaus

Wer selbstgezogene Pflanzen im Garten will, muss sich jetzt an die Aufzucht von Setzlingen machen.

Bereits im Winter im Gartenfieber.

Bereits im Winter im Gartenfieber.

(Bild: istock/mphillips007)

Marina Bolzli@Zimlisberg

«Froschkönigs Goldkugel, Gelbes Posthörnli. Gibt es eigentlich auch einen hüpfenden Grünschnabel?», fragt der Kollege an einem dieser eiskalten Januartage, dabei guckt er erstaunlich traurig. Nur zu gern würde ich ihm mit einer spitzen Bemerkung antworten, aber nicht nur sein leidendes Gesicht hält mich davon ab.

Für einmal ist er nicht der Einzige, der mein Gartenfieber nicht gebührend ernst nimmt. Auch andere hielten die Samennamen in meiner letzten Kolumne für blühende Fantasie. Darum: alles wahr, nichts erfunden. Und mein Samenkatalog ist der Zollinger-Katalog. Viele der Sorten, die dieser Familienbetrieb anbietet, hat er von Privatpersonen erhalten. So existieren lang gehegte lokale Spezialitäten weiter. Eine gute Sache.

Doch das Katalogstudium liegt längstens hinter mir. Die Samentütchen sind eingetroffen, in ein paar Tagen geht die Setzlingsanzucht los. Zuerst sind Tomaten und Peperoni dran. Unsere Wohnküche, der hellste Raum im Haus, mutiert für einige Wochen zum Treibhaus. Der beste Platz am Fenster wird bestückt mit altem Mobiliar, das jährlich im Februar wieder aus dem Estrich heruntergeholt und geputzt wird. Darauf stehen die Saatschalen.

Sie sind gefüllt mit Anzuchterde – das ist wichtig, denn Anzuchterde ist im Gegensatz zu normaler Erde keimfrei. Und gerade junge Tomatenpflänzchen sind anfällig für Schimmel und andere Pilzkrankheiten, die sie über die Erde befallen können. In jede Vertiefung lege ich einen winzig kleinen Samen, drücke ihn an, lasse etwas Erde darüberrieseln und bedecke das Ganze mit einer feuchten Zeitung, damit es weniger schnell austrocknet. Für die Keimung braucht es kein Licht, nur Wärme und Feuchtigkeit.

Und dann, na ja, viel Liebe. Jeden Morgen gilt der erste Kontrollgang den Pflänzchen, sind sie schon gekeimt? Brauchen sie nun Licht oder erst noch etwas Wasser? Der zweite Kontrollgang gilt den Kindern, sind sie schon auf? Brauchen sie Frühstück, haben sie den Pulli verkehrt herum angezogen?

Gut einen Monat geht das so, dann, endlich, kommen die hoffentlich starken Setzlinge in grössere Töpfe. Und brauchen eine grössere Fläche. Sobald es die Temperaturen zulassen, wandern sie nach draussen ins ungeheizte Treibhaus. Und wenn Frost droht, gibt es den einen oder anderen Abendeinsatz für die ganze Familie. Rasch raus, vielleicht schon im Pyjama, barfuss, Hauptsache, Pflänzchen gerettet.

Diese unsichere Phase dauert unendlich lange, erst Mitte Mai gibt es Beruhigung, wenn die Pflänzchen endlich in den Garten gesetzt werden. Wobei die echten Probleme erst dann beginnen. Aber darüber will ich erst im Sommer reden. Bis dahin: So viel Geduld, so viel Unsicherheit. Ich muss seufzen, während ich an Carmelle, Mexican Honey und Vesuvio denke. Wie werden sich meine Tomatensämchen entwickeln? Der Kollege guckt immer noch ganz traurig. Nun seufzt er auch noch. Was er wohl hat? «Tomatensamen sind ja gut und recht, aber warum kriege ich hier eigentlich nie einen Namen?», fragt er schliesslich.

Diese Kolumne erscheint jeweils am letzten Montag im Monat.

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