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Von der Steinöde zur Augenweide

Sparsame Hausbesitzer und Verwaltungen freuen sich über pflegeleichte Anlagen. Gärtner ärgern sich über Schotterwüsten. Richtig angelegte Steingärten sind besser als ihr Ruf.

Beispielhafter Steingarten: Landschaftsgestalter Fritz Wassmann lobt die Anlage im Berner Botanischen Garten als «Gebirgslandschaft en miniature».
Beispielhafter Steingarten: Landschaftsgestalter Fritz Wassmann lobt die Anlage im Berner Botanischen Garten als «Gebirgslandschaft en miniature».
Christian Pfander
Schotter in Bethlehem.
Schotter in Bethlehem.
Peter Steiger
Einöde in Zollikofen.
Einöde in Zollikofen.
Peter Steiger
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Als fantasielos und lebensfeindlich bezeichnen sie die Kritiker. Steingärten haben in der grünen Branche wenig Freunde und viele Feinde. Aber es gibt sie, die Argumente, die dieses schlechte Image aufpolieren: Am richtigen Ort richtig angelegt und richtig unterhalten, machen Steingärten Sinn und Freude.

Der Aufbau ist recht simpel. Wer eine solche Anlage will, ­bedeckt die Fläche mit einem ­unkrautdichten Vlies. In dieses schneidet er Löcher und pflanzt dort die gewünschten Gewächse. Über die Folie kommt Schotter. Je nach Gusto kann dieser einheitlich oder unterschiedlich sein, verschiedene Grössen oder mehrere Gesteinsarten ent­halten.

Die Rache der Natur

Ein Steingarten erfordert wenig Pflege – zumindest am Anfang. In den ersten Jahren wächst hier kaum Ungeplantes. Deshalb ­seien solche Anlagen bei manchen Immobilienverwaltungen und Hausbesitzern beliebt, erklärt Rolf Struffenegger vom Branchenverband Jardin Suisse. Doch bald räche sich die gebeutelte Natur auch übers Portemonnaie. Verwehtes Laub lasse Humus entstehen und später Pflanzen spriessen. Diesen unerwünschten Gästen beizukommen, sei aufwendig.

Kampfbericht

Das Vorgehen, den ungebetenen Emporkömmlingen beizukommen, erinnert eher an einen Kampfbericht als an Gartenpflege: Weil Jäten im Geröll besonders mühsam ist, greift man gerne zu Gift oder fackelt die Pflanzen mit einer Art zivilem Flammenwerfer ab. «Steingärten können das Bodenleben zerstören», erklärt Struffenegger. «Sie erwärmen sich unter Sonnen­bestrahlung übermässig und beeinträchtigen die Biodiversität.» Gartenprofi Struffenegger bezeichnet die Anlagen als «Steinöden», die sich auch wirtschaftlich nicht lohnen würden: Sie zu unterhalten, sei auf die Dauer gleich aufwendig wie die Pflege von Humusgärten.

Vielfalt statt Wüste

Weil man mit Schotterarealen sparen könne, seien Steingärten bei manchen Immobilienbesitzern beliebt, argumentiert die Liegenschaftsexpertin Cécile Urben. Sie führt in Affoltern ZH ein Beratungsbüro für Hauswartungen und Verwaltungen. «Humusgärten brauchen mehr Pflege, sind damit teurer, aber auch schöner und ökologisch sinnvoller», fasst sie zusammen.

Ob Steingärten tatsächlich als Geröllwüsten ins Auge stechen, ist eine Geschmacksfrage. Immerhin hat sich die Gestaltung in den letzten Jahren entwickelt. Die Gartenbauer verwenden unterschiedliche Gesteinsarten und -grössen oder pflanzen auch mal hübsch blühende Gewächse wie Lavendel oder dafür geeignete Rosenarten.

Argumente für richtig angelegte Steingärten findet Peter Wullschleger, der Geschäftsführer des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten. Zwar betont auch er, dass ihm die meisten heute in der Schweiz angelegten Steinwüsten missfallen. Doch sei es möglich, solche Anlagen reizvoll und ökologisch sinnvoll zu gestalten.

Gebirgslandschaft im Kleinen

Er regt unter anderem an, sich an historischen Vorbildern zu orientieren. «Steingärten sind Teile von Alpengärten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebt waren.» Die Pflanzen seien wichtiger als die Steine. Diese würden lediglich dazu dienen, einen passenden Lebensraum zu schaffen. «So können hier Pflanzen wachsen, die Wärme, Trockenheit und nährstoffreiche mineralische Böden brauchen.»

Gartengestalter Fritz Wassmann führt in Sublingen bei Schaffhausen ein Atelier für Ökologie und Gartenkultur. Er lobt den Steingarten im Berner Botanischen Garten. «Es ist eine Gebirgslandschaft en miniature mit sehr vielen verschiedenen Pflanzen, die meisten aus den Bergen.» Fast alle im Mittelland angelegten Areale seien eigentlich keine Stein-, sondern Schottergärten. Aber auch diese könnten mehr oder weniger ansprechend gestaltet werden.

Mit Geländemodellierungen und harmonischen Bodenformen sei einiges zu erreichen. Weil sie meistens gut besonnt seien und die Steine die Wärme speichern würden, könnten hier auch mediterrane Pflanzen gedeihen. Wassmann nennt etwa Wacholder, Berberitzen, Zwergformen von Fichten oder pflegeleichte Rosen. Der Fachmann rät überdies, solche Anlagen tierfreundlich zu gestalten, und schlägt Vogeltränken und Insektenhotels vor.

Für Steingärten gilt das Gleiche wie für Humusanlagen: Wenn es gelingt, die richtige Mischung zwischen lebensfremder Einöde und chaotischem Wildwuchs zu finden, entstehen statt Schotterablagerungen Augenweiden.

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