Zarte Pflänzchen

Das Jahresziel unserer Autorin: An Ostern Salat aus dem eigenen Garten ernten. Dafür muss sie früh im Jahr beginnen.

Die ersten Salatsetzlinge gibt es bereits früh zu kaufen.

Die ersten Salatsetzlinge gibt es bereits früh zu kaufen.

(Bild: iStock)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Neulich besuchte er mich zu Hause. Beim Rundgang durch den Garten rümpfte er die Nase und reagierte wie im bekannten Zürcher Witz mit dem Meer. Das habe er sich anders vorgestellt. Schöner. Grösser. Blühender. Wir sind hier nicht bei der «Landliebe», gab ich schnippisch zurück. Und überhaupt: Ein Garten im Februar, das ist eine triste Sache. Ein paar Spinatblätter, etwas schrumpeliger Zuckerhut, Nüssler, dessen Blätter sich unter dem Schnee gelb verfärbt haben, klägliche Erdbeerstöcke, die zwischen dem Unkraut kaum zu erkennen sind.

Der Kollege, der noch immer keinen Namen hat (wäre es doch nur eine Kollegin, dann hätte ich dieses Problem nicht: Ich würde sie Erika nennen – oder Jasmin. Aber so?), auf jeden Fall: Er grinste. Sein Blick war auf das Frühbeet gefallen, die Couche, wie ich sie nenne, er sagte dazu «Sarg» und: «Wen willst du hier beerdigen?»

Niemanden. Die Couche ist mir Altar. Heilig. Ohne sie könnte ich mein Jahresziel vergessen. Eigenen Salat an Ostern. Und meine Ausgangslage ist besser als auch schon. Ostern findet in diesem Jahr spät statt, erst in der zweiten Hälfte April. Und eben, die Couche ist jetzt schon parat. Das war anstrengend. Ein Loch musste gegraben werden, tief und lang wie ein Grab, und ich muss zugeben, ich war froh, dass mein Mann Hand anlegte. Schweissarbeit. Dann schichteten wir Blätter, Mist und Kompost ein, bedeckten das Ganze mit einer dicken Lage feiner, krümeliger Gartenerde. Auf den Holzrahmen legten wir die Gärtnereifenster, durch die das Sonnenlicht das Beet wärmen kann. Wärme von oben und von unten. Das alles soll die Pflänzchen zu Höchstleistungen antreiben. Die Pflänzchen. Das ist der wohl heikelste Punkt. Wo kriegt man die her, so früh im Jahr?

Ich kenne nur einen Ort, der so perfekt den Spagat schafft und sowohl auf die Bedürfnisse der bodenständigen Bauern als auch der trendigen Stadtgärtnerinnen eingestellt ist: die Landi. Meine Salatpflanzzeit ist unmittelbar auf die Landi abgestimmt. Sobald die ersten Setzlinge dort auftauchen – und sie tauchen früh auf –, gibt es kein Halten mehr. Ich kaufe, setze, fiebere mit. Nur hin und wieder, nachts, wenn ich aufwache und nicht wieder einschlafen kann, komme ich ins Grübeln: Wo kommen diese Pflanzen her? Wie sind sie zu dieser kühlen Jahreszeit schon so drall und gross geworden? Und ist es umwelttechnisch vertretbar, sich zwecks Erreichung des Jahresziels aller möglicher Mittel zu bedienen? Also auch Pflänzchen zweifelhafter Herkunft? Natürlich, nachts scheinen alle Probleme grösser. Am Morgen tröste ich mich damit, dass ich ja noch verbissener sein könnte. Dass ich etwa mein Frühbeet mit Strom beheizen könnte. Oder dass ich Dünger streuen könnte. Schneckenkörner. Oder dass ich die Couche nachts mit einem Grablicht wärmen könnte.

Ich lächle meinen Kollegen an. Er lächelt zurück. «Wie wärs mit Oleander?», fragt er. Ich nicke. Einverstanden, Oleander.

Berner Zeitung

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