In Haus und Leben von Charlie Chaplin

Charlie Chaplins einstiger Wohnsitz oberhalb von Vevey wurde im letzten Jahrzehnt in einen aufwendigen Themenpark rund um den weltbekannten Filmkomiker umgestaltet. Am Wochenende hat Chaplin’s World die Tore geöffnet.

Hineintauchen wie ein kleiner Junge:?Chaplin’s World bietet perfekt orchestriertes Chaplin-Chaos.

Hineintauchen wie ein kleiner Junge:?Chaplin’s World bietet perfekt orchestriertes Chaplin-Chaos. Bild: zvg

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Was hätte ich als kleiner Junge dafür gegeben, in die Welt von Chaplins Filmen eintauchen zu können? Alles, denn er war der Held meiner Kindheit. Ich wünschte mir damals, die Welt wäre flackernd, schwarzweiss und alle Menschen darin stolpernde Akrobaten.

Wäre ich noch dieser Junge, dann würde heute ein Traum wahr. Ich erhalte Einlass in Chaplins Reich: in ein Haus, in dem mein Idol mehrere Jahrzehnte verbrachte, in ein Museum, das seine cineastischen Universen detailverliebt aufleben lässt. Aber ich bin nicht mehr dieser kleine Junge.

Ich bin hier als Kritiker und werde das Gebotene streng bewerten. Begeistert mich das Museum, suche ich nach dem Haar in der Suppe. Werde ich enttäuscht, dann behalte ich das mehrheitlich für mich, schliesslich ist der Respekt vor dem geehrten Künstler enorm.

Es geht los: In einem Kinosaal wird eine Filmcollage gezeigt. Und da haben wir es bereits, das Haar in der Suppe – die Sitzreihen sind flach, die Leinwand liegt zu tief. Statt Chaplins tänzelnde Beine sehe ich Hinterköpfe. Egal, das dauert ja nur wenige Minuten.

Nun hebt sich die Leinwand, und unter ihr hindurch darf man eintreten in die «Easy Street», eine nachempfundene ärmliche Gasse als Filmkulisse. Durch ein Fenster sieht man die schäbige Behausung des Tramps in «The Kid». Der Kinderdarsteller Jackie Coogan steht als Wachsfigur an der Hauswand.

Es laufen Filmausschnitte auf Monitoren. Um die Ecke gehts weiter, hinein in den «Circus». Hier werde ich angelacht von einer Wachspuppe von Roberto Benigni, nebenmir steht Michael Jackson. Wie bitte? Das sind zwar beides keine Lieblinge von mir, aber die Dinger sehen täuschend echt aus, und ihr Bezug zu Chaplin leuchtet ein.

Nun geht es in den Keller, steile Stufen hinab. Es ist dunkel, die Augen richte ich auf einen übergrossen Filmausschnitt, in dem Chaplin virtuos mit den Tücken einer Treppe hadert. Obwohl nicht schwindelfrei, arbeite ich mich ohne Fehltritt in das Untergeschoss vor.

Und hier stehen zwei Prunkstücke: die brüchige Hütte aus «The Gold Rush», die auf einer Wippe montiert ist und schaukelt, wenn man in ihr herumrennt. Sowie das imposante Zahnradgetriebe, durch das sich Charlie einst für «Modern Times» treiben liess.

Spätestens jetzt erwacht der Spieltrieb in meinen Pressegefährten. TV-Kameraleute positionieren ihre Moderatoren in der schwankenden Hütte und lassen sie ungelenk balancierend ihre Texte sprechen. Andere Journalisten haben erblickt, dass man sich fotogen zwischen die Zahnräder legen kann.

Chaplin’s World ist eine Oase für Selfie-Maniacs, neben einer Charlie-Wachsfigur posierend oder als Charlie verkleidet, für Gross und Klein. Jeder darf sich für ein Foto mit aufgesetzter Melone hinter ein drapiertes Trampkostüm stellen, nur der karierte Schnurrbart bleibt optional. Dazwischen: wertvolle Originalrequisiten, Texttafeln, viel Interaktives.

Weitere Dekors, eines origineller als das andere. Ich staune, aber es überfordert mich. Zu viele Displays, zu viele Fragmente für einen Meister der langen Form. Ich will raus aus dieser lauten Verhackstückelung, so sehr ich sie bewundere. Bloss: Der Ausweg, er findet sich nicht.

Ich trete den Rückweg an, warte an der Treppe, weil ein Fernsehmoderator ebendiese für seinen Kameramann spektakulär hinunterstürzen will. Ich eile durch den Zirkus und renne dort fast eine lebensechte Wachsfigur von Federico Fellini um, weil ich Roberto Benigni ausweichen möchte. Ich bin zurück in der «Easy Street».

Nur ist die Leinwand wieder unten, der Film läuft nochmals, sie wird gleich hochgehen und eine nächste Horde Journalisten einlassen. Hier will ich nicht ertappt werden. Also den ganzen Weg zurück, vorbei an einer Woody-Allen-Attrappe, die gerade eine Bank überfällt. Noch eine Hintertür, und ich gerate an eine künstliche Oona Chaplin, die ihrem gealterten Mann Filme vorführt.

Endlich draussen. War das Kafka? Nein, es war ein perfektes orchestriertes Chaplin-Chaos. Und ich bin darin eingetaucht wie ein kleiner Junge. Nochmals, bitte!

«Chaplin’s World» in Vevey ist seit diesem Wochenende offen: www.chaplinsworld.com (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2016, 10:10 Uhr

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