Wie geht Leben?

Die 31-jährige Journalistin und Filmemacherin Yvonne Eisenring hat Schweizerinnen und Schweizer über 80 interviewt. Ihre Videoserie erscheint ab Mittwoch auf unserer Website.

Yvonne Eisenring hat Schweizerinnen und Schweizer über 80 interviewt.

Yvonne Eisenring hat Schweizerinnen und Schweizer über 80 interviewt. Bild: Yvonne Eisenring

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Wie geht Leben? Wenig interessiert mich so sehr wie diese Frage. Ich überlege mir immer wieder: Was ist wichtig im Leben, und was sind gesellschaftliche Normen? Wo setze ich mir Limiten, die nicht nötig wären? Was will ich tun? Was glaube ich tun zu müssen, weil es andere tun? Wofür will ich meine Zeit und Energie verwenden? Was sind meine Möglichkeiten? Was bleibt pures Wunschdenken?

Was macht die Menschen glücklich, die ich liebe, und was macht mich glücklich? Wie viel Geld muss ich verdienen, um mir das Leben zu ermöglichen, das mich glücklich macht? Wie lebe ich, damit ich im hohen Alter sagen kann, dass ich ein gutes Leben hatte? Und wie, damit ich nichts bereue? Was gibt dem Leben Sinn? Gibt es überhaupt einen Sinn?

Ich glaube nicht an selbst ernannte Life Coachs oder Ratgeber mit Gspürschmi-Titel. Aber ich glaube an Geschichten. Geschichten von Menschen, die viel Lebenserfahrung haben. Sie sind die Profis. Die Experten. Die Connaisseurs. Sie stehen auf dem Balkon des Lebens – sie wissen, wie Leben geht.

Mit zehn Schweizerinnen und Schweizern über achtzig habe ich lange Gespräche geführt. Ich fragte sie, was sie bereuen, worauf sie stolz sind, was sie geprägt hat und welches die Wendepunkte ihres Lebens waren. Ich wollte wissen, worin sie den Sinn des Lebens sehen und wie sie leben würden, wenn sie noch einmal ganz am Anfang stehen würden.

Ich war berührt, wie ehrlich sie antworteten. Wie genau sie sich erinnerten, wie offen sie erzählten und dass gewisse Wunden nie verheilten. Der Mensch ist so zerbrechlich und gleichzeitig so verdammt zäh, dachte ich oft. Einige erlitten schmerzhafte Verluste und leiden noch heute darunter. Andere wurden, wie es schien, durch Schicksalsschläge angespornt.

Jede Lebensgeschichte war anders, und doch gab es erstaunliche Parallelen: Die Wendepunkte und die Momente, die sie noch einmal erleben wollten, hatten fast immer mit dem Privatleben zu tun. Von der Karriere wurde gerne erzählt, aber stolz waren die meisten auf persönliche, nicht-materielle Erfolge. In Liebesdingen bereuten einige, dass sie nicht mutiger oder ausdauernder waren. Bei beruflichen Angelegenheiten eher, nicht schneller einen Schritt in eine andere Richtung gewagt zu haben.

Im Alter noch einmal «steiverliebt»

Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie Leben geht, habe ich nicht bekommen. Ich selber lebe, als hätte ich nicht mehr viel Zeit. Vermutlich hat es damit zu tun, dass ich schon als Jugendliche viele Menschen verloren habe, die mir nahestanden.

Dass das Leben plötzlich vorbei sein kann – auch wenn man glaubt, erst gerade damit angefangen zu haben oder in der Mitte zu sein –, lernte ich früh. Wenn ich an die Antwort einer Protagonistin denke, scheint mir diese Art zu leben nicht völlig verkehrt: Sie bereut, dass sie nicht mehr Sachen unternommen, dass sie nicht mehr erlebt hat.

Alles in die erste Lebenshälfte reinpacken zu wollen, wäre aber wohl genauso falsch. Für eine Kehrtwende oder einen neuen Anlauf ist es nie zu spät. Zwei Personen verliebten sich mit über siebzig noch einmal wie zu Teenagerzeiten. «Steiverliebt» seien sie gewesen. Ein Interviewpartner fand mit über sechzig seinen Traumjob. Und jemand machte kurz vor dem Pensionsalter sein Hobby, die Kunst, zum Beruf und kann heute mit über achtzig gut davon leben.

Ein hartes und strenges Leben – und trotzdem zufrieden

Was ich ebenfalls gelernt habe: Wer sich Zeit nehmen kann für Dinge, die glücklich ­machen, hat irrsinniges Glück. Dieses Glück hatten nicht alle. ­Einige waren so arm, dass Risiko und Freiheit unerreichbar blieben. Andere konnten nicht selber ­bestimmen, wie ihr Leben aussehen soll, weil sie zum Beispiel als Frau wenige Rechte hatten.

Es überraschte mich, dass ein sehr hartes und strenges Leben scheinbar kaum Einfluss darauf hat, wie zufrieden oder dankbar eine Person rückblickend ist. Und dennoch ist mir, wenn ich solche Lebensgeschichten höre, unangenehm beim Gedanken daran, wie privilegiert ich bin, wie privilegiert viele in meinen Alter sind – und wie unzufrieden einige wirken. Zu gross die Auswahl, zu zahlreich die Möglichkeiten, das sei das Problem, höre ich immer wieder. Ich wünschte, sie könnten sich mit einer dieser zehn Personen an den Tisch setzen.

Mir ist nach diesen ­Gesprächen noch bewusster, wie unendlich dankbar ich für die Tatsache, dass ich so viele Möglichkeiten habe, sein kann und bin. Dass ich diese Möglichkeiten auch nutzen kann und tatsächlich sehr viel selber in der Hand habe, begriff ich lange nicht. Es war meine Vorstellung von «Wie Leben sein muss», die mir früher im Weg stand.

Das Leben ist kein Ponyhof, wurde mir, wie den meisten Menschen, gesagt. Du musst Geld anhäufen. Duräbissä! Erwarte nicht zu viel! Spass und Leichtigkeit sind nur die Zückerli zwischendurch! Erst ein Erfolg, der auf Kampf oder Krampf folgt, ist ein würdiger Erfolg. Das wahre Leben ist hart. Ist es nicht hart, ist es nicht wahr.

Nicht nur Zuckerwatte und Gumpischloss

Heute glaube ich, dass richtig ist, was ich als sinnvoll und wertvoll erachte – und was niemandem schadet. Ich bin selbstständig, weil es mir mehr behagt, weil mein Rhythmus anders ist: Nachts bin ich produktiv, tagsüber tue ich nur so als ob.

Ich wechsle immer wieder den Wohnort – einfach, weil ich es liebe. Und ich verbringe viel Zeit mit Freunden und Familie, weil ich glaube, dass es nichts Wichtigeres gibt. Natürlich arbeite ich: So viel, dass ich mir das Leben, das mich glücklich macht, ermöglichen kann. Ich weiss heute – nicht erst seit kurzem, das habe ich in den letzten Jahren nach vielen Kehrtwenden und Rückschlägen herausgefunden –, was ich tun kann, damit ich glücklich bin. Nicht für das ganze Leben, nur für den Moment.

Mein minimales mathematisches Verständnis sagt mir jedoch: Addiert man die Momente, hat man irgendwann ein ganzes Leben. Ich weiss auch, dass man vieles nicht beeinflussen kann und den eigenen Kurs ständig anpassen muss. Das Leben ist längst nicht nur Zuckerwatte und Gumpischloss, aber an neun von zehn Tagen drehe ich fast durch vor Freude, weil ich es so schön finde.

Ob es wirklich so schön ist? Ich weiss es nicht. Laut einer 86-jährigen Interviewpartnerin kommt es vor allem darauf an, wie man das Leben betrachtet. Sie sagt: «Mein Glas ist immer voll. Ich rechne einfach noch die Luft dazu.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 20:34 Uhr

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