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Der Klassenbeste

Der Solothurner Manillio war mit seinem letzten Album enorm erfolgreich. Nun ist er zurück. Mit Goldkronen und einem Album, das als Begleitung zum Kochen taugt.

Fotografieren mag er nicht. Manillio kontrolliert lieber selbst, welche Bilder von ihm veröffentlicht werden.
Fotografieren mag er nicht. Manillio kontrolliert lieber selbst, welche Bilder von ihm veröffentlicht werden.
PD/Mirjam Kluka

Manillio öffnet den Mund – und es glitzert. Im Video trägt er Goldzähne. Mit seinem letzten Album «Kryptonit» ist der Solothurner Rapper, der in Bern lebt, so richtig durchgestartet. Das war 2016. Und als das Album vor einem Jahr Goldstatus für 10'000 verkaufte Exemplare erreichte, liess er sich diesen Erfolg vergolden.

Die beiden Goldzähne sind aufsetzbar, er trägt sie im Video zum Song «Vakuum», der ein Loblied auf seine Freunde ist, gespickt mit diesen wunderschön poetischen Wortbildern, für die er von seinen Fans geliebt wird: «Vögu dräie Kreise über ds Va­kuum».

«Vakuum» ist einer von vierzehn Songs auf seinem neuen Album «Plus Minus», das diese Woche erscheint. Dass sogenannte Grills – Schmuckstücke auf den Zähnen – bei US-Rappern sehr beliebt sind, vergisst er zu sagen. Was will ein netter Schweizer Rapper mit diesem Gangster-Accessoire? «Ich habe Goldzähne immer cool gefunden als Schmuck und als Hip-Hop-Ding», sagt Manillio jetzt. Dann lacht er fast schüchtern. Heute trägt er die Zähne nicht.

Weniger hart

Manillio, der eigentlich Manuel Liniger heisst, sitzt im Café Luna Llena im Berner Breitenrain. Es sitzt oft hier, denn es ist praktisch zwischen seiner Wohnung und seinem Studio gelegen. Während der Aufnahmen zum neuen Album kam er mit Band hier in den Garten, trank Mate.

«Ich habe Goldzähne immer cool gefunden als Schmuck und als Hip-Hop-Ding.»

Manillio

Jetzt ist es kalt, Manillio trägt ein Wollkäppi, das gerade nicht über die Ohren reicht, und trinkt eine heisse Schokolade. Er sagt, er hatte schon genug Kaffee für heute. Er muss über sein neues Album sprechen, ein Bild will er keins von sich machen lassen. Weil er findet, in der Zeitung sehe er nie so aus, wie er gerne aussehen möchte. Dabei über­lege er sich sehr viel, bevor er ein Pressebild mache, zum Beispiel, was er anziehe, wie er sich präsentiere. Tatsächlich, in echt sieht er massiv weniger hart aus als auf den Bildern.

«Aui hei äs Handy»

Manillio nimmt seine Aufgabe ernst. Auch während des Interviews. Die Frage kann noch so banal sein, er antwortet überlegt und ernsthaft. Und trotzdem lässt einen das Gefühl nicht los, dass er in diesem Moment eigentlich lieber ein bisschen auf dem Handy rumdrücken würde, wie er es vor dem Interview gemacht hat. Immer wieder schielt er darauf – schliesslich nimmt er es entschlossen vom Tisch weg und legt es in die Tasche.

«Aui hei äs Handy, aues hett äs Ändi, i hoffe, mir chöi d’Usnahm si», rappt er im Song «Minus». Es ist einer dieser Sätze, die ihm tagelang durch den Kopf geisterten. Er muss sie dann irgendwann aufschreiben, in einen Song einbauen. Woher diese Sätze kommen, weiss er nicht. Vielleicht muss man diese Kurz­poesie sowieso mehr als Impulse begreifen. Und Impulse hat Manillio viele.

Er gilt als nachdenklicher und poetischer Rapper, Lieblingskind von Kritik und Publikum gleichermassen. Politisch sind seine Texte nicht, und wenn man ihn trifft, fällt als Erstes auf: Dieser Mann lebt Hip-Hop. «Ich hab schon immer Hip-Hop gehört», sagt er jetzt, «Hip-Hop ist eine Mitmachkultur.»

Darum führte für ihn kein Weg daran vorbei: Sprayen, breakdancen, rappen. «In den Aufsätzen war ich Klassenbester, also habe ich angefangen, Songs zu schreiben.» Sein grosses Vorbild: Greis. Dieser gehört nun zu seinen Freunden, genau gleich wie Lo & Leduc, die alle auf dem neuen Album auftreten. «Die Szene ist überschaubar, also lernt man sich schnell kennen», sagt er.

Einer der Älteren

Manillio ist kein Anfänger mehr, er ist jetzt 31, er ist etabliert. Seit sechs Jahren lebt er von der Musik. Manche nennen ihn OG. OG heisst Original Gangster. Harte US-Rapper sagen einander gerne so. Aber in der beschaulichen Schweiz, kann hier ein Aufsatzgenie zum Original Gangster werden? «Ich finde, das ist kein Titel, den man sich selber gibt», sagt Manillio.

«Ich glaube, man darf schon sagen, dass ich die Szene mitgeprägt habe.»

Manillio

Seine Freunde Nativ und Cobee hätten den Ausdruck benutzt, sicher auch mit einer Prise Humor. «Aber ich glaube, man darf schon sagen, dass ich die Szene mitgeprägt habe.» Nativ und Cobee sind auch Rapper, sie sind Teil der neuen Generation nach Manillio, «für sie bin ich einer der Älteren, das wurde mir auch erst mit der Zeit bewusst». Mit Cobee hat er einen Track aufgenommen, «180 km», ein treibender Liebessong.

Die Musik. Sie ist auf «Plus Minus» fröhlich, «ich höre oft Musik, wenn ich koche, also wollte ich ein Album produzieren, das man in der Küche hören kann.» Wieder schaut Manillio ernst. Tatsächlich ist die melancholische Komponente nun weniger dominant. «Die letzten beiden Alben waren für mich eher Songwriter-Alben, das aktuelle finde ich wieder mehr ein Rap-Album», sagt er.

Er arbeitet mit vertrauten Produzenten zusammen, Sir Jai, Ruck P und Wainvel. Der Sound ist sauber, perfekt abgestimmt, mal hart, mal leise, mal sanft, mal grob. Ob auch der grosse Hit darunter ist? Vielleicht das unbeschwerte und verspielte «Bises hell wird»? Oder «Psst!», eine ironische Betrachtung über sich als Rap-Star? Oder «Mond» mit dem eingängigen Refrain?

Oder vielleicht auch keins. «Das letzte Album war schon Nummer eins in den Charts, nun habe ich das gehabt, es ist mir nicht mehr so wichtig», sagt Manillio. Und, was ist wichtig? «Happy sein.»

«Mir wei schine – u i rede nid vo Wintersportgrät. Mir wei schine, nie verglüeihe, lueg, mir griffe nach de Stärne», rappt er in «Minus».

Zumindest das Glitzern ist da.

Manillio: «Plus Minus», Universal. Erscheint am 30. 11. Plattentaufe: Sa, 26. 1., Bierhübeli, Bern.

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