Dido im düsteren Zauberwald

Regisseurin Anna Drescher präsentiert Henry Purcells einzige Oper «Dido and Aeneas» in Biel und Solothurn als Kopfgewitter vor dem Freitod. Das Solistenensemble ist erlesen, Andreas Reizes Dirigat ein Feuerwerk.

Aeneas (Jonathan Sells) findet bei Dido (Carine Séchaye) kein Liebesglück. Foto: zvg / Marshall Light Studio

Aeneas (Jonathan Sells) findet bei Dido (Carine Séchaye) kein Liebesglück. Foto: zvg / Marshall Light Studio

Troja fällt, und der Held entkommt. Besser noch: Der Prinz findet in Karthago eine Herzensdame. Sie heisst Dido und ist dort Königin. Die Götter müssen verrückt sein, denn sie wollen die Liebenden trennen.

Das britische Supertalent Henry Purcell (1659–1695), bekannt für die Semi-Oper «King Arthur», vertonte die Geschichte aus einer eigenwilligen Sicht – aus derjenigen von Dido. Mitschuldig an dieser speziellen Lesart des Splitters aus Vergils Epos «Aeneis» ist Librettist Nahum Tate. In der Oper «Dido and Aeneas» werden aus den Gottheiten nebst anderen eine Zauberin und zwei Hexen. Mächtige Geister, die nicht das Gute wollen und deren Kronengebilde auf unheilvolle Weise mit dem Haupt verwachsen sind.

Regisseurin Anna Drescher legt den Fokus bei der Premiere in Solothurn auf eine innerlich zerrüttete Herrscherin. Sie wählt dafür ein metaphysisches Narrativ und eine mystisch-poetische Umgebung. So zeigt Theater Orchester Biel-Solothurn eine Frau, deren Selbstzerstörung unabwendbar ist. Der Zuschauer sieht die ursprüngliche Handlung als Gedankenfetzen einer Todesentschlossenen vor dem Ableben. Dieser stringente Blickwinkelmit Bühne und Kostümen von Hudda Chukri geht ans Eingemachte.

Zauberwald und Bunker

Didos Lament, einer der berührendsten Sterbegesänge, ist in Teilen am Anfang der Oper zu hören. Diese wurde 1684 auf Schloss Windsor uraufgeführt und 1689 in London der Öffentlichkeit präsentiert. Die Königin von Karthago ist in einer Welt ohne Auswege gefangen. Der nahende Abgrund präsentiert sich im schummrigen Zwielicht als Zauberwald, wo Schatten regieren und unheimliche Wesen nach allem Lebendigen greifen. In der helleren Ausleuchtung sieht man einen Bunker mit Stahlwänden, aus denen sinistere Stimmen ertönen.

Anfänglich steckt die unglückliche Gebieterin in einem rosa Ballkleid, das von innen leuchtet. Ist es Hoffnung oder Verglühen? Es dauert nicht lange, bis ihr die Vertrauten einen Kampfanzug montieren, der die Ästhetik moderner Science-Fiction-Filme bedient. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden zur Synchronizität. Mario Bösemann garantiert stimmige Lichteffekte für den Tanz des Todes, und Damien Liger setzt das Miniballett diabolisch in Szene.

Wenn in Didos Gedankenpalast die Erinnerungen toben und auch Optionen für ein Lieto Fine auftauchen, lassen sich ein paar Tücken dieser Lesart nicht ausmerzen. Das Regieteam sorgt zwar für einen konzisen Spannungsbogen und authentische Figuren. Dennoch lösen die multiplen Mehrfachrollen manchmal einen Sturm im Kopf aus. Die Verwandlung Didos in eine Magierin mit langen Spinnenfingern erschliesst sich nur mitTates Text.

Facettenreiche Titelpartie

Carine Séchaye besitzt als Dido und mit zwei zusätzlichen Parts den erforderlichen Facettenreichtum. Ihr Mezzosopran schwingt düster wie kraftvoll in allen Lagen und betört mit Gänsehaut auslösendem Diminuendo. Séchaye veranschaulicht ein vielschichtiges Bild einer Frau, die den Tod nicht nur als Befreiung, sondern als Kampf erlebt. Jonathan Sells gibt Aeneas mit virilem Impetus.

Sein intensiver Bariton wirkt zu Beginn brüchig in den Höhen und kommt erst später auf Touren. Xiang Ting Teng ist eine bezaubernde Belinda mit glockenklarem Sopran und berückendem Melos. Als Hexe legt sie eine gehörige Prise Gift in ihre wendige Stimme. Mezzosopranistin Viktoria Kadar wurde als zweite Dame kongenial besetzt. Mit blitzender Präzision rundet der Chor unter Valentin Vassilev die starke Ensembleleistung ab.

Henry Purcell war ein unkonventioneller Geist. Dirigent Andreas Reize verleiht seiner Oper eine Intensität, die von den ersten Takten an ein wohliges Prickeln auslöst. Sein Dirigat des Sinfonie-Orchesters Biel-Solothurn muss den Vergleich mit namhaften Barockorchestern nicht scheuen. Reize schafft eine enorme Transparenz, er ist mal zart, mal aufbegehrend, und er hebt die Rhythmik sowie die tänzerischen Elemente hervor. Der Klangkörper hat Zug, und diese Spannung bleibt auch in der feinen Lyrik erhalten.

Vorstellungen: bis 5.6., Premiere in Biel am 26.4.

Berner Zeitung

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