Ein krönender Saisonabschluss

Das Gebirgsmassiv im Appenzellerland ist mit Wegen und Berggasthäusern geradezu überzogen. Doch es gibt auch einen anderen Alpstein, einen ruhigen, beschaulichen. Man findet ihn im Spätherbst auf der Alp Sigel, weitab vom Rummel.

Ganz schön anstrengend: Die letzten Höhenmeter am Bärstein verlangen Einsatz.

Ganz schön anstrengend: Die letzten Höhenmeter am Bärstein verlangen Einsatz.

(Bild: Daniel Fleuti)

Der Alpstein und das Appenzellerland – das ist wahre Liebe. Die Appenzeller verdanken dem Alpstein einen kleinen Anteil an den Alpen; das freistehende Bergmassiv setzt dem hügeligen Vorland gewissermassen die Krone auf. Und was für eine: Spitze Gipfel, kühne Felstürmchen, schmale Grate, tief eingeschnittene Täler und Schluchten, drei Bergseen und ein unübersehbarer Chef in der Mitte, der 2503 Meter hohe Säntis, prägen das Kalkgebirge.

Dieses landschaftliche Potenzial wissen die Appenzeller zu nutzen. Im Alpstein werden Kühe, Ziegen, Schweine, Hühner und Schafe gesömmert, würziger Bergkäse produziert und urchiges Brauchtum gelebt. Auf Ausflügler und Wanderer warten sechs Luftseilbahnen, das wohl dichteste Wegnetz der Schweiz und 27 Berggasthäuser, einige samt Übernachtungsmöglich­keiten.

Kein Gasthaus, kein Gipfel

Die Touristen wissen das Angebot zu schätzen. In Scharen strömen sie her, an schönen Tagen gleichen die Parkplätze bei den Bergbahnen solchen von Einkaufszentren, auf den bekannten Routen ist dann Völkerwandern angesagt. Trotzdem: Im Alpstein finden sich auch ruhige Ecken und einsame Touren. Sie liegen weitab von Bergwirtschaften, lassen bekannte Gipfel und Grate aus und versprechen auch sonst keine Höhepunkte, zumindest auf den ersten Blick.

Die Wanderung von Brülisau über die Alp ­Sigel nach Wasserauen gehört zu dieser Kategorie. Dennoch beinhaltet sie alles, was Wandern im Alpstein speziell macht: einen steilen Aufstieg, eine mit Seilen und Treppen gespickte Felspassage, eine weitläufige Alp zum Ausspannen und natürlich viel Aussicht, Sonne und den obligaten kniefressenden Abstieg. Das passt für den Saisonabschluss.

Das Wahrzeichen im Alpstein: Der Säntis mit seiner Antenne. Bild: Daniel Fleuti

Der Ausgangspunkt, das 500-Seelen-Dorf Brülisau, ist einer der Hotspots im Alpstein. Die Luftseilbahn zum Hohen Kasten mit seinem Drehrestaurant startet hier, das Postauto von Weissbad ist entsprechend voll. Zur Alp Sigel hingegen will niemand. Die ersten Mitwanderer werden uns erst gegen Mittag begegnen.

Apropos Mittag. Im Appenzell gehört zum Picknick ein Stück Appenzeller Käse. In der Dorfbäckerei gibt es ihn «mild», «reif» und «räss». Nach dem Unterschied zwischen reif und räss gefragt, lächelt die Frau hinter dem Ladentisch und meint: «Das merked Sie de scho.» Wir begnügen uns mit der Stufe mild und sind froh um die Wahl. Appenzeller ist sehr würzig, selbst in seiner schwächsten Form.

Mord auf dem Berg

Von Beginn weg verwöhnt uns die Sonne. Über sumpfige Weiden geht es in die Höhe, rundherum machen sich blühende Herbstzeitlosen breit. Eine erste Pause ist bei der Alp Cher verdient. Wir sind bereits ordentlich gestiegen, die Sitzbank mit Blick auf den Säntis kommt gelegen. Sein 123 Meter hoher Sendeturm versorgt das Land mit Fernseh- und Radioprogrammen und den Bund mit Wetterdaten.

Und er war einst Schauplatz einer schaurigen Geschichte. Am 21. Februar 1922 wurden auf dem Gipfel die Säntis-Wetterwarte Heinrich und Lena Haas ermordet. Der Täter, ein gewisser Anton Kreuzpointer, stieg bei höchster Lawinengefahr und Unmengen von Neuschnee mit Ski auf den Säntis, wohnte fünf Tage beim Ehepaar und erschoss dann die Frau in der Wetterstation und den Mann auf dem Gipfel. Nach der Tat soll er mit schönsten Telemarkschwüngen ins Tal zurückgekehrt sein. Später nahm er sich in einer Alphütte das Leben.

Zahme Gocht? Von wegen

Ein Blick auf den weiteren Wegverlauf holt uns aus der Vergangenheit zurück. Es warten der steile Zichzackpfad über die Alp Bärstein und die unbezwingbar scheinende Sigelwand. Ein Durchschlupf durch die Felsen ist erst auszumachen, wie man unter dem mächtigen Riegel steht. Zahme Gocht heisst der Kamin. Er ist mit Seilen, künstlichen Stufen und Geländern gespickt und spuckt uns nach zehn Minuten Kraxeln auf der Alp Sigel wieder aus.

Was für ein Szenenwechsel. Endlos scheint die Welt hier oben; es hat massenhaft Platz, sich unter der Herbstsonne niederzulassen. Die Kühe sind längst im Tal, die Alp winterfest gemacht. Die Alp Sigel ähnelt einem Dorf, rund ein Dutzend Alphütten und Ställe stehen nahe beieinander. Fünf Familien sömmern hier ihre Tiere, die neue Seilbahn bringt die Milch ins Tal und Ausflügler auf die Alp.

Grosser Berg, kleiner Mensch. Bild: Daniel Fleuti

Trotz der Bahn herrscht heute angenehm wenig Betrieb, und es wird gleich noch einsamer werden. Wen es in ein Berggasthaus zieht, zu Chäshörndli und Siedwurst, steigt jetzt ab zum Plattenbödeli. Wir hingegen schlagen den Weg ein Richtung Mans und Wasserauen, immer den Hang entlang, mit Blick auf den Sämtisersee, den Hohen Kasten und die Zacken der Bogartenflue. Die Alp Mans ist ein zauberhafter Ort, erfüllt von Ruhe und Harmonie und mit neuem Panorama.

Fast unbemerkt haben wir auf die andere Seite der langgezogenen Bergkette gewechselt, der Blick fällt nun auf die Ebenalp und den Schäfler. Weit, sehr weit unten glänzen Schienen in der Sonne. Wasserauen, das Ziel unserer Tour, ist noch einen zünftigen Abstieg entfernt. Wer diesen zusätzlich verlängern will: bitte schön. Nach der Alp Mans führt der linke Weg den Bogartenfirst entlang fast bis auf die Bogartenlücke. Etwas knieschonender ist der rechte Pfad direkt ins Tal. Dort angekommen, blicken wir zufrieden zurück und sagen dem Alpstein Adieu. Bald wird der Winter das Zepter übernehmen.

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