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Vom Krebs geheilt, die Sorge bleibt

Wenn heute in der Schweiz ein Kind an Krebs erkrankt, liegen seine Überlebenschancen bei 80 Prozent – weltweit ein Spitzenwert. Weniger bekannt ist: Überlebende haben oft mit den Spätfolgen der Therapien zu kämpfen, wie das Beispiel eines ehemaligen Leukämiepatienten zeigt.

Wieder im Leben angekommen: Stephan Dommen, der an Blutkrebs litt, hat nach seiner Genesung mit Gleitschirmfliegen angefangen.
Wieder im Leben angekommen: Stephan Dommen, der an Blutkrebs litt, hat nach seiner Genesung mit Gleitschirmfliegen angefangen.
Pius Koller
Leidenszeit: Als 10-Jähriger  während der Chemotherapie.
Leidenszeit: Als 10-Jähriger während der Chemotherapie.
zvg
Spätfolgen: Hausarzt Andreas  Zoller prüft die Beweglichkeit der geschädigten Wirbelsäule.
Spätfolgen: Hausarzt Andreas Zoller prüft die Beweglichkeit der geschädigten Wirbelsäule.
Pius Koller
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Stephan Dommen rennt über eine schneebedeckte Wiese, im Schlepptau einen gelben Gleitschirm. Dann stoppt der junge Mann ab. «Heute ist es nicht ideal», sagt er und schaut schnaufend zurück auf den in sich zusammengefallenen Schirm. «Zu wenig Wind.»

Dass der 29-jährige Luzerner heute so sportlich unterwegs ist, ist nicht selbstverständlich. Als Kind ist er an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt, im Volksmund kurz Blutkrebs genannt. Während zweier Jahre schwebt der Primarschüler zwischen Leben und Tod. Immer wieder muss er ins Spital – «Chemoblocks machen», wie er sagt.

Oft fehlt er in der Schule, muss deshalb die dritte Klasse wiederholen. Seine bedrohliche Krankheit hält die ganze Familie – dazu gehören neben den Eltern noch drei Geschwister – in Trab. «Eine einschneidende Zeit», erinnert sich Dommen. Schliesslich aber kommt alles gut, und die Ärzte können ihn als geheilt erklären.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Kaum hat Stephan Dommen den Krebs überwunden, beginnen sich andere Beschwerden bemerkbar zu machen. Vor allem der Rücken bereitet ihm zunehmen Probleme. Abklärungen beim Hausarzt und bei ­Spezialisten im Paraplegiker­zentrum Nottwil zeigen: Die Wirbelsäule des noch nicht einmal 30-Jährigen weist bereits massive degenerative Veränderungen auf – mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Spätfolge der aggressiven Chemotherapien in der Kindheit.

«Heute habe ich chronische Rückenschmerzen», sagt Dommen. «An schlechten Tagen kann ich kaum mehr gehen und komme nur mit starken Schmerzmitteln über die Runden.»

Der Preis der Heilung

Stephan Dommen ist kein Einzelfall. Viele ehemalige Krebspatienten leiden später als Erwachsene noch an den Folgen der Krankheit und den damaligen Behandlungen. Laut Kinderkrebs Schweiz, einer Dachorganisation, die sich für die Verbesserung der Situation krebskranker Kinder und Jugendlicher einsetzt, gibt es hierzulande rund 8000 sogenannte Survivors wie Dommen, die als Kind den Krebs überlebt haben.

Die Mehrheit von ihnen, das heisst rund zwei Drittel, leidet allerdings an mittleren bis schweren Nachwirkungen. Neben den Knochen können auch Herz, Lunge und Nieren betroffen sein. Ebenfalls häufig sind Störungen an Augen, Gehör, Psyche sowie am Nerven- und Hormonsystem. Das ist die Kehrseite des Behandlungserfolgs gegen den Krebs. Nur ist dieses Phänomen in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt.

«Blöde Situationen»

Auch Stephan Dommen bekommt das zu spüren. Weil dem kräftigen Mann äusserlich nichts anzusehen ist, reagiert sein Umfeld nicht immer mit Verständnis, wenn ihn die Schmerzen wieder einmal plagen. Das führe manchmal zu «blöden Situationen», klagt der ausgebildete Rettungssanitäter. Seine Ärzte raten ihm deshalb zu einer leichteren Tätigkeit, bei der er sich körperlich schonen kann.

Doch davon will Dommen noch nichts wissen. «Ich bin gerne Rettungssanitäter», sagt er. «So kann ich nicht zuletzt auch etwas von dem zurückgeben, was die Medizin mir gegeben hat.»

Ein anderes Problem der Survivors ist, dass sich für ihre medizinischen Probleme oft niemand mehr zuständig fühlt. Die meisten Ärzte, die Stephan Dommen als Kind behandelt haben, sind inzwischen ohnehin pensioniert oder gar verstorben. So muss er sich immer wieder neue ärztliche Ansprechpersonen suchen.

«Trotz allem glücklich»

Mit solchen Schwierigkeiten sollen sich Betroffene künftig aber nicht mehr herumschlagen müssen. Noch dieses Jahr nimmt am Kantonsspital Baselland in Liestal eine interdisziplinäre Nachsorgesprechstunde für Survivors ihren Betrieb auf – ein schweizweites Pilotprojekt. Bald soll, auf Initiative von Kinderkrebs Schweiz, auch ein «Survivorship Passport» eingeführt werden. Ziel: die Langzeitnachsorge in der Schweiz zu regeln und zu vereinheitlichen.

Unterdessen hat Stephan Dommen seinen Gleitschirm wieder zusammengefaltet und in seinem Rucksack verstaut. Bald schon versucht er aber wieder abzuheben. Denn diesen Frühling will er das Brevet machen. «Trotz allem», sagt er später im Auto, «ich bin ja glücklich, dass ich überhaupt noch da sein darf.»

Mehr Informationen: kinderkrebs-schweiz.ch

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