Gefühle im Schüttelbecher

Kino

«American Honey» ist ein faszinierender Trip durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und ein schwelgerischer Abgesang auf den amerikanischen Traum.

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Sie will dazugehören. Und irgendwann ist sie drin. Die 18-jährige Star (Sasha Lane), die eben noch mit jüngeren Geschwistern in Abfallcontainern nach Essen wühlte, sieht den coolen Jake (Shia LaBeouf) auf einer Supermarktkasse tanzen. Tags darauf schliesst sie sich seiner Gruppe aus wilden jungen Amerikanern an, die in Bussen durchs Land zieht – unter Aufsicht der strengen Krystal (Riley Keough). Die Gruppe verkauft Zeitschriftenabos. Aber die Zeitschriften sind egal. Hauptsache, es gibt Geld.

Zwischen Rausch und Ödnis

«American Honey» verkörpert den amerikanischen Traum. Und mehr noch dessen Kehrseite. Um sich zu spüren, rasen diese Jugendlichen durch den Mittleren Westen. Ausgelassen und hoffnungslos. Zwischen Rausch und Ödnis. Frei und abhängig zugleich. Diese Gegensätze presst die englische Regisseurin Andrea Arnold in ein fast quadratisches Bildformat. Zu flirrenden Aufnahmen mit viel Gegenlicht pumpt Hip-Hop auf der Tonspur, der die Gruppe vorwärtstreibt.

Star bleibt das Zentrum des Films. Sie begehrt Jake, obwohl sie dessen verlogene Verkaufsmethoden hasst. Sie setzt auf Ehrlichkeit und schlittert öfter nur knapp an einer Vergewaltigung vorbei. Aber das Leben geht weiter. Und die Dinge spitzen sich zu: Die Gruppenanführerin Krystal verachtet Star, weil Jake nicht nur ihr bester Verkäufer, sondern auch ihr Toyboy ist.

Ausgezeichnet in Cannes

«American Honey» spielt mit ­diesen Kontrasten, lässt klare ­Regeln immer wieder auf (Ausbruchs-)Fantasien prallen. Das ist ein starkes Stück, und es erstaunt wenig, dass Andrea Arnold damit am Filmfestival Cannes bereits zum dritten Mal den Jurypreis gewann. Allein schon der Mut, dieses Roadmovie über­wiegend mit schauspielerischen Laien zu bestücken, beeindruckt.

Dieser Umstand bürgt für Authentizität und Atmosphäre, hat aber auch eine Kehrseite: Ausser Star, Jake und Krystal wird keine Figur zu einem wiedererkenn­baren Charakter entwickelt. Das schadet der Gruppendynamik im Film, die so zu beliebigem Rudelverhalten herabgemindert wird. Schade, denn abgesehen davon hat Arnold punkto widerstrebender Gefühlswelten alles richtig gemacht.

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