Hadern auf der A1

Auf dem neuen Album «Gott» verbindet der Berner Rapper Baze Hip-Hop mit elektronischen Klängen. Der 38-Jährige zweifelt an der Menschheit, ringt mit sich selbst und zeigt sich einmal mehr als begnadeter Geschichtenerzähler.

Der Berner Baze bewegt sich mit seinem neuen Album «Gott» wieder näher am Hip-Hop.

Der Berner Baze bewegt sich mit seinem neuen Album «Gott» wieder näher am Hip-Hop. Bild: PD

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Wenn Baze rappt, dann schleppt er die Worte hinter sich her wie einen Karren über den modrigen Waldboden. Es liegt etwas Schwerfälliges, Gebetsmühlenartiges in seiner tiefen Bärenstimme. Und doch ist da viel Leichtigkeit in seiner Art, Geschichten zu erzählen. Auch wenn die Geschichten alles andere als leicht sind.

Baze ist ein Schwermütiger. Es geht in seinen Texten um gescheiterte Lebensentwürfe, verpasste Chancen, Aha-Erlebnisse, um die Macht der Gedanken. Um die Party, die längst dem Kater und Selbstzweifeln gewichen ist.

Zeit

Auch auf dem neuen Album «Gott» ist das so. Düstere, mal sphärische elektronische Beats begleiten Baze, während er mal rappt, mal sprechsingt. Es ist keine triste Bankrotterklärung an das Leben, wie es der Vorgänger «Bruchstück» war. Der pessimistische, zum Sarkasmus neigende Grundton dominiert aber auch hier.

Während Baze sich auf «Bruchstück» weit vom Hip-Hop entfernt hat, mit radiountauglichen Songs, von denen kaum einer unter fünf Minuten dauert, ist der 38-Jährige nun wieder näher am Hip-Hop. Aber immer noch wohltuend weit davon entfernt, mit unaufdringlichen, monotonen Beats, die den Fokus auf die Stimme lenken. Eine Schublade findet sich auch für dieses Album, das gemeinsam mit dem Schweizer Produzenten Ben Mühlethaler entstanden ist, nicht sofort.

Basil Anliker, wie Baze bürgerlich heisst, will es seinem Publikum nicht leicht machen. Man muss manche Songs mehrmals hören, bis sie ihre volle Wirkung entfalten. Muss diesen Geschichten Zeit geben, so wie Baze sich Zeit lässt, sie zu er­zählen.

«Lueg, am Änd vom Läbä söttisch doch chönne sägä, i ha mer wenigschtens es paar Gedanke gmacht.»Baze

Auch die erste Single «A 1» braucht ein wenig Zuwendung. Sonst rollt der Song an einem ­vorbei wie die grauweisse Auto­kolonne auf der Gegenfahrbahn. Der Blutdruck tief, die Beats blechern und unruhig wabernd. «Du bisch d Bluetbahn vo mym Land, mit emne Pulsschlag zwüsche 0 und 180», heisst es da.

Baze rast aber nicht via A 1 in die Freiheit, sondern kommt in der Einöde des Lebens kaum voran, versucht ruhig zu bleiben «i Zyte, wo jede seit: Ds Läbä isch churz, s chunnt uf jedi Sekunde aa.»

So kann man die «A 1» als Symbol des Lebens sehen, das sich eben selten auf der Überholspur, sondern auf Baustellen und Umfahrungen abspielt. «Uf dir isch so viu Zyt lige blibe, tuusig gstoleni Stund, wo nümm zrügggisch, mir roue witer uf und ab i dere Blächlawine, schnuufe dys Gift, bis is villech de mau ds Glück fingt.» ­

Irgendeinisch fingt ds Glück eim, also? Während Kuno Lauener im gleichnamigen Song von Züri West das Happy End nach der Durststrecke besingt, geht es bei Baze nur um die Durststrecke.

Sinn

Richtige, falsche und gescheiterte Lebensentwürfe sind in den zehn Songs auf «Gott» direkt oder indirekt immer wieder Thema, und so könnte man wohl auch den Albumtitel verstehen. Sinnfragen wie «Was zählt am Ende des Lebens?» und «Was ist Glück?» ziehen sich durch das Album. «Lueg, am Änd vom Läbä söttisch doch chönne sägä, i ha mer wenigschtens es paar Gedanke gmacht», heisst es etwa im wunderbaren Stück «Ds gmachte Bett», das sich rhythmisch und musikalisch von den anderen Songs abhebt.

Begleitet von einem klatschenden Beat, ist es wie ein Weckruf aus der Lethargie. «Lueg, daheim flügt is Tili ufe Gring, vor üser Huustür ligt d Wäut wines früsch gmachts Bett, u i springe dry», spechsingt Baze.

Und in den letzten Atemzügen des Albums keimt sie doch noch irgendwie auf, die Hoffnung. Wenn du springst, springen wir auch, Baze!

Baze:«Gott», Eret, erscheint heute. Albumtaufe: Freitag, 2. November, Dachstock der Reitschule, Bern. Weitere Daten und Informationen: www.baze.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 09:45 Uhr

Preisregen für Baze

Vergangenes Jahr hat der Berner Musiker und Grafiker Baze den mit 15'000 Franken dotierten Musikpreis des Kantons Bern bekommen. Dieses Jahr wird er neben vierzehn anderen Kulturschaffenden als erster Rapper überhaupt mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet (25'000 Franken). In der Jury­begründung vom Mai 2018 heisst es: «Baze hat mit Alben wie ‹D’Party isch vrbi› (2010) und vor allem ‹Bruchstück› (2017) die Fesseln des Rap gesprengt. Ausgehend vom normal irrsinnigen Alltag, sinniert der Melancholiker über Leben und Tod, ein präziser Beobachter, ein messerscharfer Texter.» Den Hauptpreis – den Grand Prix Musik – erhält die Schaffhauser Jazzpianistin Irène Schweizer. (mk)

Preisverleihung Schweizer Musikpreis: Do, 13. 9., 19 Uhr, zum Auftakt des Festivals Label Suisse, Lau­sanne. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich, wird aber übertragen auf www.schweizermusikpreis.ch.

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