Live!

Soundcheck

Im Berner Mattenhofquartier lebt die Konzertkultur. Etwa im Abyssinia Social Club, wo ein grossartiges junges Trio zeigte, was Jazz heute kann.

Von Surfgitarre zu Fusion-Jazz: Das Trio Larus.

Von Surfgitarre zu Fusion-Jazz: Das Trio Larus.

(Bild: Martin Burkhalter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Ein ehemals totes Quartier lässt Hoffnung aufkommen: das Mattenhofquartier erlebt in den letzten fünf Jahren eineRenaissance der Konzertkultur. Neben dem alteingesessenen Rock Café Weissenbühl, dem traditionellen Musigbistrot an der Mühlemattstrasse lässt etwa die Zar-Bar an der Pestalozzistrasse seit rund fünf Jahren regelmässig Bands auftreten, und seit ziemlich genau einem Jahr bietet der Abyssinia Social Club, die Bar zum gleichnamigen Restaurant, Konzertabende: undergroundig, experimentell, auf kleinstem Raum, düster und mit verwegenem Charme. Im Herbst pflegt jeweils das Radio Bollwerk dort dienstags und freitags avantgardistische Musikkultur.

Camel:

«Endlich», sagt der Mann, in schwerer Lederjacke am Tresen sitzend: 30 Jahre lebe er jetzt hier. 25 Jahre lang sei das Quartier tot gewesen. «Endlich läuft etwas.» Ja, auch hier in 3007 Bern kann man das jetzt: durchs Quartier schlendern, irgendwo einfach reinschneien und sich musikalisch überraschen, wenn nicht überwältigen lassen. Kleinere Konzerte sind wieder in. Musikbegeisterte Kneipen- oder Restaurantbesitzer bieten den Musikerinnen und Musikern wieder öfter Plattformen. Endlich.

Vor dem Social Club steht auf dem schwarzen Schild mit weisser Schrift nicht viel mehr als: «Jazz-Musik», der Name der Band Larus und: «Eintritt frei, Kollekte». Die Bühne drinnen ist nur wenige Quadratmeter gross. Das Schlagzeug scheint den halben Raum einzunehmen. In der mit dunklem Holz verkleideten Bar sitzen ein Dutzend Leute – bier- und weinselig.

Kurz vor dem Konzert war noch zu erfahren, dass sich Florian Bolliger (Kontrabass), Janic Haller (Schlagzeug) und Mareille Merck (Gitarre) aus der Luzerner Jazzschule kennen, dass es das Trio seit gut einem Jahr gibt und Frontfrau Merck ihre Stücke selber komponiert. Die 23-Jährige ist in Bern keine Unbekannte. Sie hat etwa an der Seite von Martin Dahanukar im Les Amis an den Sous-les-Etoiles-Abenden gespielt und gezeigt, dass sie eine Virtuosin sondergleichen ist an ihrem Instrument.

Element of Area:

Im Abyssinia zeigt sie nun, dass sie auch eine geniale Komponistin ist. Nur am Schluss gibt es klassischen Jazz zu hören. Dann, als das Trio als Zugabe die Charlie-Parker-Nummer «Billie’s Bounce» bringt. Vorher aber, eine gute Stunde lang, bekommen die Leute hochmodernen, frischen Jazz präsentiert. Zu Beginn sind noch Parallelen zu Grant Green zu hören, noch ein bisschen klassische Jazzgitarre, aber dann öffnet sich alles, die Songs werden zu Klangwelten, zu experimentellen Räumen. «Camel» etwa ist ein vielschichtiges Fusion-Jazz-Stück mit Rockelementen und jähen Tempo- und Rhythmuswechseln.

«Element of Area» hat einen dermassen lockeren Swingbeat, dass man förmlich ein Kätzchen durch die Nacht schleichen sieht, während Mareille Merck eine Art Surf­gitarrenriff drüberlegt. «Don’t Wake Me Up» ist ein vom Blues angehauchtes Latin-Jazz-Stück in blauem Neonlicht. Larus spielen komplexe, dichte Kompositionen, mit wilden Wendungen, herrlich gesetzten Pausen und überraschenden Verschmelzungen. Jazz, Rock, Groove, Funk, Latin und Americana gehen nur so ineinander über – eine mutige, grandiose, junge Jazzband ist das: entdeckt in einem ehemals toten Quartier in Bern.

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