Locarno ehrt das Alter

Die Traumfabrik Hollywood ist am 69. Filmfestival von Locarno untervertreten. Vielleicht ist das besser so.

Verbeugung vor dem Leoparden: Schauspieler Harvey Keitel (77) erhält in Locarno einen Lifetime Achievement Award.

Verbeugung vor dem Leoparden: Schauspieler Harvey Keitel (77) erhält in Locarno einen Lifetime Achievement Award.

(Bild: Keystone)

«Warum kommen keine grösseren Stars auf die Piazza Grande? Wo bleibt Hollywood?» Der künstlerische Leiter des Filmfestivals von Locarno, Carlo Chatrian, mag diese Fragen wohl nicht mehr hören, aber er hat immerhin einleuchtende Antworten ­parat:

Das Timing ist heuer schwierig wegen der Olympischen ­Spiele. «Ghostbusters» startete im Tessin eine Woche zu früh. Andere grosse Filme samt Gästen hätte das Festival haben können, doch sie überzeugten künstlerisch nicht.

Und es sei zudem so, dass wichtig gewordene Filmanbieter wie Sony und Amazon – im Gegensatz zu traditionellen Filmstudios wie Universal – allgemein zurückhaltender seien im Dialog mit Filmfestivals.

Gut gelaunter Karriererückblick mit Harvey Keitel

Sechs Tage ist das Festival nun alt, und das Publikum der Piazza Grande kann sich nicht über mangelnde Prominenz beklagen: Bill Pullman, Jane Birkin, Stefania Sandrelli, Harvey Keitel – begleitet vom Überraschungsgast Abel Ferrara – sowie Isabelle Huppert mit einer Hommage an den verstorbenen Regisseur Michael Cimino waren alle da und wurden gefeiert.

Mario Adorf sorgte gestern für Begeisterung, und auch Harvey Keitel traf seine Fans einen Tag nach seinem Piazza-Auftritt nochmals auf einen gut gelaunten und anekdotenreichen Karriererückblick mit nett gemeinten Sticheleien gegen Regisseure wie Martin Scorsese und Quentin Tarantino: «Quentin ass meinen Kühlschrank leer. Seither verstecke ich mein gutes Essen vor ihm.»

Ein Nachmittag mit Ganz

Natürlich fällt auf, dass die meisten dieser Aushängeschilder das Rentenalter erreicht haben und sich meistens durch die inflationär gewordene Vergabe von Ehrenpreisen ins Rampenlicht ködern lassen. Aber was soll daran schlecht sein? All diese Gäste blicken auf lange, spannende Karrieren zurück, und das ebenfalls in die Jahre gekommene Piazza-Publikum frisst ihnen aus der Hand.

Das allabendliche Geschehen auf der Piazza Grande ist ja auch nur eine von vielen Attraktionen, die das Festival bietet: Schon am Nachmittag vor der Festivaler­öffnung war Bruno Ganz in der Spielstätte Fevi anzutreffen, um Fragen zum neuen Schweizer Film «Un juif pour l’exemple» von Jacob Berger zu beantworten, in dem er eine Hauptrolle spielt. Ein radikales Werk um die bestialische Ermordung eines jüdischen Viehhändlers in Payerne im Jahr 1942, das Mitte September in die Kinos kommt.

Fünf Sekunden mit Damon

Wer auf Hollywood wartete, fand sich derweil am Freitagabend auf der Piazza ein: «Jason Bourne», Agentenactionkracher und einziger Blockbuster in der Selektion (siehe Kasten), gelangte auf der Riesenleinwand unter freiem Himmel zur Schweizer Uraufführung.

Und der Platz war voll, wie fast immer bei schönem Wetter. Doch die Ankündigung des Films geriet zur Posse: Vom Filmteam war niemand da, und Carlo Chatrian kam die Aufgabe zu, kurz daran zu erinnern, dass bereits frühere Teile der Serie in Locarno liefen. Von Jason «Börn» war wiederholt die Rede, und durch einen Übersetzungsfehler entstand der Eindruck, es handle sich um den dritten Teil der Reihe.

Falsch: Es ist der fünfte. Zur Begrüssung folgte dann eine kurze Video-Einspielung: Matt Damon wünschte dem Publikum viel Spass mit dem Film. Eine banale Botschaft, keine fünf Sekunden lang. Locarno hat andere Qualitäten als Zürich

Fazit hiervon: Vielleicht besser gar kein Hollywood auf der Piazza als derart lustlos. Am Zurich Film Festival läuft die ganze US-Marketing-Maschine besser, Locarno hat andere Qualitäten.

Zumal es auch auf dem finanziellen Terrain glitschig wird, wenn das ­üppig öffentlich subventionierte Locarno amerikanische Werbekampagnen mitfinanziert.

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