Von Bern aus in die Welt gezogen

In Barbara Trabers autobiografischem Buch «Auf den Brücken der Freundschaft» erkämpft sich eine junge Frau ihren Weg.

Es ist ein oft begangener Bildungsweg für Mädchen Mitte des letzten Jahrhunderts, als Gymnasium und Universität dem Bruder vorbehalten waren. Eva, die Icherzählerin in Barbara Trabers autobiografisch inspiriertem Buch «Auf den Brücken der Freundschaft», wird in eine Handelsschule geschickt; dann arbeitet sie in der Romandie. In einem Berner Dorf aufgewachsen, freut sich die Neunzehnjährige auf die Freiheit in der Grossstadt Genf. Doch ihr Zimmer ist eine düstere Kammer, die Schlummermutter eine Nervensäge. Auch ihre Chefin in einem Uhrenindustriebetrieb schikaniert sie. Den Wechsel an eine selbst gefundene Stelle in einer Buchhandlung verbietet der Vater aus Angst vor einem Makel in ihrem Lebenslauf.

Doch die junge Frau an der Schwelle zum Erwachsensein lässt sich nicht entmutigen, das Leben zu entdecken: Sie verliebt sich hoffnungslos in einen feinsinnigen Medizinstudenten, befreundet sich nach dessen Abreise mit seiner Schwester und mit einer lebenslustigen Arbeitskollegin. Und sie geht mit diversen Verehrern aus.

Vor allem aber begeistert sie sich für Musik und Literatur: Sie geniesst klassische Konzerte, spielt Geige in einem Jugendorchester und vertieft sich in anspruchsvolle Bücher. Ihr späteres Leben in England bestimmt die inzwischen Volljährige dann selber: Sie läuft als ausgenutztes Au-pair ihren frostigen Arbeitgeberinnen davon, schläft erst im Swiss Hostel for Girls auf einer Matratze im Keller und findet dann eine Stelle als Au-pair in der Familie des jüdischen Komponisten Franz Reizenstein. Sie nervt sich zwar ob des verwöhnten Söhnchens, der koscheren Küchengebote und der Berge von Bügelwäsche, blüht aber auf in der kulturgesättigten Umgebung.

Noch entscheidender wird ihre Teilzeitarbeit als Sekretärin des bedeutenden Schriftstellers Elias Canetti. Traber sagt dazu: «Ich will mich nicht damit brüsten, den späteren Nobelpreisträger persönlich gekannt zu haben. Es war einfach ein grosses Glück, diesem weisen und gütigen Menschen zu begegnen.» Wohl dank dieser Beziehung wird die spätere Autorin eingeladen zu einem Kulturaustausch mit Bulgarien. Sie reist wiederholt in Canettis Herkunftsland und knüpft dort Freundschaften in der Literatur- und Kunstszene.

Präzise Persönlichkeitsskizzen sind eine Stärke von Barbara Traber, ebenso ihre intensiven Erinnerungen an Bücher oder Musikstücke. Obwohl sie mit der Wahl eines anderen Vornamens eine gewisse Distanz schafft, lebt doch auch ihr jüngstes Buch von authentischen Erfahrungen. Dazu sagt sie: «Zum Schreiben beute ich den Reichtum meines Lebens aus.» Hoffentlich ist sie damit noch lange nicht zu Ende.

Barbara Traber: «Auf den Brücken der Freundschaft», Waldgut-Verlag. Vernissage: Mittwoch, 20. November, 19.30 Uhr, in der Buchhandlung zum Zytglogge, Bern (Anmeldung erwünscht).

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