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Papablog: Autsch, ein Outing «Mama, Papa, ich muss euch was sagen …»

Zucken Sie bei diesem Satz zusammen? Dann lassen Sie sich von Blogger Tschannen eine Geschichte erzählen.

«Mama, Papa, ich bin …»: Manche Geständnisse sind für Eltern schwer zu ertragen.
«Mama, Papa, ich bin …»: Manche Geständnisse sind für Eltern schwer zu ertragen.
Foto: Getty Images

«Spucks aus!», fordert die Mutter ungeduldig. Da ist er also, dieser seit Jahren gefürchtete Moment. Kim schliesst die Augen und atmet noch einmal tief durch: «Mama, Papa, ich bin … ich bin blond.»

Stille. Die Mutter schaut, als wäre ihr lieber, Kim hätte was mit Drogen angestellt. Der Vater fragt etwas ungeschickt: «Bist du sicher?» Natürlich war sich Kim sicher. Sonst würden sie jetzt nicht hier in der Stube sitzen und gegenseitig den Blicken ausweichen.

«Das ist ja … heutzutage … es sind viele bl…», das Wort kommt der Mutter nicht über die Lippen. «… ganz normal heutzutage …», nuschelt sie weiter. Rückblickend kommt die Nachricht nicht wirklich überraschend. Ab und zu schon fiel der Mutter auf, dass Kim leicht bräunlicher Schweiss über die Backen lief. Aber die Eltern taten es immer als Phase ab. Vielleicht hatte sie ihre braunen Haare ja nur in einem leicht anderen Braunton getönt.
Jugendliche experimentieren halt. Sowas ist ganz normal. Also … blond sein natürlich auch.

«Wir lieben dich trotzdem»

Die Mutter betont noch einmal wie aufgeschlossen sie seien und dann schiessen ihr die Tränen ein. «Heinz, sag doch auch etwas!» – «Kim, deine Mutter und ich … wir haben dich lieb, egal welche Haarfarbe du hast», versichert der Vater und schiebt etwas gequält nach: «Also, auch wenn du rote oder grüne oder blaue Haare hast. Hauptsache du tust nichts Illegales.»

Die Mutter kämpft weiter mit den Tränen. Jahrelang haben sie ein braunhaariges Kind grossgezogen. Blond zu sein, war im Haushalt nie ein Thema. Natürlich wusste sie, dass es das gibt. Aber doch nicht, dass es sie irgendwann betreffen würde. Sie stellte sich immer vor, wie Kim mit braunen Haaren heiraten würde, und dann in einem kleinen Häuschen mit Garten eine braunhaarige Familie gründet. Heute platzt dieser Traum, hier und jetzt zwischen Fernseher und Kanapee.

Natürlich hat die Mutter ehrliche Sorgen, die sie in diesem Moment vorschiebt: Blonde werden öfter geärgert und sind Opfer von Angriffen. Ständig hört man «blond» als Schimpfwort und auch in der modernen Musik werden Blonde abgewertet. Man denke etwa an Bands wie die «4 Non Blondes». Schrecklich. Ausserdem weiss man ja, dass Blonde, die ihre Haare in ihrer Szene hemmungslos zur Schau tragen, wegen diesem Risikoverhalten viel öfter Läuse kriegen.

Es geht auch anders

«Ich glaube einfach, es wird für dich ab jetzt sehr schwierig», sagt die Mutter mit besorgter Stimme. Ab jetzt? Mutti blendet da einiges aus. Kims ganze Kindheit nämlich. Wie die Schulgspänli nach und nach braune Haare bekamen. Wie alle das selbstverständlich fanden. Blond zu sein, war keine Option. Kim färbte die Haare erst mit Filzstiften und später immer aufwändiger mit richtiger Haarfarbe aus der Migros. «Niemand hat mir als Kind jemals das Gefühl gegeben, dass man auch einfach blond sein darf», sagt Kim leise zu sich.

Dass es auch anders geht, beweisen die Eltern von Sascha, einer neueren Bekanntschaft von Kim. Die Eltern haben – nachdem sie sich selbst erst informieren mussten – immer offen mit ihren Kindern über die verschiedenen Haarfarben geredet. Sascha ist ebenfalls blond, musste aber nie an sich zweifeln oder gar ein Gespräch führen, wie Kim es gerade durchlebt. Ein anstrengendes Gespräch für alle Beteiligten. Die Mutter tränt immer noch und der Vater schwitzt. Ein braunes Tröpfchen fliesst seine Schläfe hinunter und löst sich vom Kinn.

56 Kommentare
    Barbara Mazenauer

    Lieber Tschannen und Kommentarfreunde

    Es gibt ein wunderbares Kinderbuch zu genau dem Thema, mit einem Begleitheft für Erwachsene: Christian Breme,

    Matrioschka. Die Vielschichtigkeit der Identität.

    Nach dieser Lektüre können wir vielleicht nochmals darüber diskutieren. Es betont das Gemeinsame anstatt die Unterschiede.