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Sommerserie«Mein Kopf war wie in einem Schraubstock»

Martin F. aus Thun hat wegen Corona eine mittelschwere Depression entwickelt. Er schildert, wie er sich fühlte, als seine Psyche an ihre Grenzen kam.

«Professionelle Hilfe ist das Wichtigste»: Martin F. hat dank einer Therapie den Weg aus der Depression gefunden.
«Professionelle Hilfe ist das Wichtigste»: Martin F. hat dank einer Therapie den Weg aus der Depression gefunden.
Foto: Patric Spahni

Martin F. sitzt am Wohnzimmertisch seiner Vierzimmerwohnung in Thun. Der 60-Jährige erzählt offen und ohne Scham, was er in den letzten Monaten erlebt hat. «Die Depression hat mich völlig unerwartet aus der Bahn geworfen», sagt er. Und seine Frau, die kurz auch am Tisch Platz genommen hat, nickt.

«Manchmal kam es mir vor, als würde mein Kopf in einem Schraubstock stecken, so stark waren die Schmerzen.» Martin F. greift sich mit beiden Händen an die Schläfen, um das Gesagte zu unterstreichen: «Von hier herunter bis zum Kiefer spürte ich einen enormen Druck, der nicht nachliess. Hinzu kam ein Pochen wie von einem Presslufthammer.»

Schlaflos in der Nacht

Martin F. litt derart, dass er nachts fast keinen Schlaf mehr fand: «Ich lag wach, drehte mich von einer auf die andere Seite. Und wenn ich schlief, waren es höchstens zwei Stunden.» Das hatte Konsequenzen: Bei der Arbeit geschahen immer häufiger Fehler. «Ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren, drückte die falschen Knöpfe», sagt der 60-Jährige, der bei einem grossen Lebensmittelproduzenten für das Führen der Maschinen zuständig ist.

«Wenn ich in der Stadt war und jemanden sah, den ich kannte, machte ich bewusst einen grossen Bogen um ihn, um ja nicht mit ihm ins Gespräch zu kommen.»

Martin F.

Auch im privaten Bereich fiel das auf: «Beim Jassen wusste er plötzlich nicht mehr, mit wem er zusammenspielt», erzählt seine Frau. «Wir lachten erst, weil wir meinten, dass er einen Witz macht, spürten dann aber, dass mit ihm etwas nicht stimmt.» Sein ganzes Wesen habe sich in dieser Zeit verändert: Martin F. wurde dünnhäutig, aggressiv, mochte nichts mehr unternehmen und ging Menschen aus dem Weg. «Es war sehr mühsam und belastend. Für uns alle», sagt seine Frau.

Alles begann mit einer Krankheit

Begonnen hatte alles im vergangenen November, als die Ärzte nach langwierigen Abklärungen bei Martin F. ein Grossmuskelrheuma diagnostizierten. «Ich hatte am Morgen überall am Körper verkrampfte Muskeln und entsprechende grosse Schmerzen», erzählt er. Eine Cortison-Therapie während der nächsten Monate brachte Linderung.

«Doch als ich wieder arbeitsfähig war, kam Corona», sagt Martin F. «Ich gehörte wegen der Therapie und der Muskelerkrankung zu den Risikopatienten.» Und diese Tatsache löste beim 60-Jährigen grosse Ängste aus. «Der Gedanke, dass ich mich anstecken könnte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf», erzählt er. «Wenn ich in der Stadt war und jemanden sah, den ich kannte, machte ich bewusst einen grossen Bogen um ihn, um ja nicht mit ihm ins Gespräch zu kommen.»

«Ich wusste, dass ich Hilfe brauchte»

Als dann die starken Kopfschmerzen und die Schlaflosigkeit hinzukamen, wusste Martin F., dass er Hilfe brauchte: «Mein Hausarzt schickte mich zur Abklärung ins Inselspital, weil er dachte, dass es erneut ein Muskelproblem sein könnte.» Doch nach drei Tagen stellten die Oberärzte eine auch für Martin F. unerwartete Diagnose: «Sie haben eine mittelschwere Depression», beschieden ihm diese.

Sein Hausarzt schrieb ihn krank und verwies ihn an die Psychiatrischen Dienste Thun zur näheren Abklärung. «Ich war dankbar, dass ich endlich wusste, was mir fehlt. Und es war in diesem Moment das Beste, was mir passieren konnte», blickt Martin F. zurück. «Die Psychologin hat mir einfach nur zugehört. Ich konnte über alles reden, was mich beschäftigte.» Dank der Antidepressiva habe sich dann auch sein Schlaf normalisiert. «Ich schlief plötzlich 14 bis 16 Stunden am Stück. Es war eine wahre Wohltat.»

«Professionelle Hilfe ist das Wichtigste. Ich rate allen dazu.»

Martin F.

Mittlerweile ist Martin F. wieder arbeitsfähig. Sein Vorgesetzter, der sich auch mit der behandelnden Psychologin austauschte, stellte ihm einen Schonarbeitsplatz zur Verfügung, wo keine Unfälle passieren können und er sein Pensum allmählich steigern konnte. Martin F. ist zuversichtlich, dass er bald wieder zu 100 Prozent arbeiten kann.

Nach allem, was er erlebt hat, steht für ihn fest: «Professionelle Hilfe ist das Wichtigste. Ich rate allen dazu.» Man müsse zwar in erster Linie an sich selber arbeiten, um sich aus der Depression rauszuholen. «Aber damit dies gelingt, muss es erst im Kopf Klick machen. Und das geht nicht von allein.»

Der vollständige Name von Martin F. ist der Redaktion bekannt.