Unser Körper ist der beste Arzt

Vor lauter trügerischen Alternativmethoden vergessen wir, dass Körper, Psyche und Bewusstsein unsere besten Ärzte sind.

Hugo Stamm@HugoStamm

Der Markt in der Alternativmedizin ist explodiert. Vor 20 Jahren gab es ein paar Hundert Therapeuten, heute rund 20'000. Wie lässt sich das Phänomen erklären?

Den Boom ausgelöst hat die Esoterikwelle. Ein Heer von Heilern predigt uns, Krankheiten seien Ausdruck spiritueller Blockaden und liessen sich nur mit alternativen Methoden nachhaltig beseitigen. Alles unter gütiger Mithilfe vieler Medien, die das Thema unkritisch breitwalzen. Den Trend begünstigen auch Wellnesskultur und Konsumhaltung. Am liebsten legen wir uns auf den Schragen eines Heilers und schalten das Hirn ab. Und weil wir nicht wissen, was da genau passiert, können wir unsere Sehnsüchte ungehemmt in die spirituellen Meister projizieren.

Dabei produzieren wir Sturzbäche von Glückshormonen. Die Endorphine schwemmen tatsächlich depressive Verstimmungen und Schmerzen weg. Pech nur, dass der Bach bald versiegt und die Migräne so schnell zurückkommt, wie sie verschwunden ist.

Mit der Konsumhaltung verlernen wir, auf Körper und Psyche zu horchen. Wir verlieren die Sensibilität – obwohl genau diese von den Heilern reklamiert wird – und die Eigenverantwortung. Es gibt bessere Möglichkeiten: eine verrückte Aktion planen, einen 30-Kilometer-Marsch machen oder eine Riesen-Fete organisieren. Wir müssen die Lebendigkeit fördern und das Selbstwertgefühl stärken. Leben ist Bewegung. Wer sich phlegmatisch auf den Schragen der Heiler wirft, gibt die Verantwortung ab und erwartet magische Wunder. Dabei bringt man sich um die Chance, eine Krankheit bewusst wahrzunehmen und zu lernen, das Leiden zu verstehen und mit ihm umzugehen.

Vor lauter Alternativmethoden vergessen wir, dass Körper, Psyche und Bewusstsein unsere besten Ärzte sind. Wenn wir sie durch ein ausbalanciertes Leben unterstützen, heilen sie die meisten Krankheiten ohne homöopathische Kügelchen oder (vermeintlich) heilende Hände. Und wir lernen uns besser kennen. Das ist vielleicht die beste Prävention und macht uns zu mündigen Patienten, die sich weder von Ärzten noch von alternativen Therapeuten fragwürdige Behandlungen aufschwatzen lassen.

Tages-Anzeiger

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