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Vom Hilfssheriff zur Mittelmacht

«Der australische Premierminister Kevin Rudd übt Kritik an China. Trotzdem wurde er von seinem chinesischen Amtskollegen wie ein alter Bekannter empfangen. Wie ist das möglich?»

Er spricht Chinesisch, klar und deutlich, wie er mit einer Rede an der Peking-Universität vor den Olympischen Spielen bewies: Der australische Premierminister Kevin Rudd forderte die chinesische Führung darin auf, endlich das Gespräch mit dem Dalai Lama, dem spirituellen Oberhaupt der Tibeter, zu suchen. Die eher angepassten chinesischen Studenten quittierten den unverhohlenen Aufruf zu mehr Offenheit mit Applaus. Trotz dieses Auftritts wurde der australische Premier von seinem chinesischen Amtskollegen Wen Jiabao herzlich wie ein alter Bekannter empfangen. Wie ist das möglich?

Kevin Rudd ist der wohl beste Freund, den China im Westen hat. In Peking ist er unter seinem chinesischen Namen - Lu Kewen - bekannt. Der studierte Sinologe war einst Diplomat in der australischen Botschaft in Peking. Aus dieser Zeit hat er nicht nur erstklassige Kontakte zur chinesischen Führung. Er ist auch mit den komplexen Gepflogenheiten vertraut. Rudd weiss genau, wie weit er mit seiner Kritik gehen kann, ohne dass seine Gegenüber das Gesicht verlieren, ihren Stolz. «Er bezeichnete sich, als er Tibet-Gespräche forderte, als ‹Zhengyou›, als ‹wahren Freund›, nicht als Kritiker», hält der China-Experte Geremie Barmé von der Australian National University fest. Auf diese subtile Weise könne Kritik in China durchaus geäussert werden.

Abschied von alten Feindbildern

Ein Jahr ist es her, dass die Laborpartei unter Kevin Rudd die konservative Koalition von John Howard abgelöst hat. In der Zwischenzeit steht fest: Er hat die Aussenpolitik Australiens neu definiert. Das Verhältnis zu China, das unter seinem Vorgänger bestenfalls ein geschäftliches war, ist das deutlichste Beispiel. Den mächtigen Nachbarn im Norden sah John Howard in den elf Jahren an der Macht primär als Markt. Das ist China zweifelsohne. Das Boomland ist die wichtigste Destination australischer Rohstoffe, was das Exportvolumen von mehr als 50 Milliarden Franken im Jahr belegt. Die Politik war in der Howard-Zeit jedoch gezeichnet von Distanz. Auch im Umgang mit anderen Ländern Asiens war offensichtlich, dass Howard zu nicht westlichen Kulturen ein ambivalentes Verhältnis hat. Er fühlte sich Zuhause in London und Washington - und bei George W. Bush.

Die beiden Regierungschefs verband nicht nur die konservative Ideologie, sondern auch die fast manische Ablehnung jeder Form von Multilateralismus - vom Kyoto-Protokoll bis hin zu den Vereinten Nationen - und dasselbe Feindbild. So folgten australische Truppen Bush in jeden Konflikt. «Australien ist der Hilfssheriff der USA im Pazifik», erklärte Howard - und irritierte damit nicht nur die asiatischen Nachbarn.

Nur Stunden nachdem Kevin Rudd seinen Eid als Regierungschef abgelegt hatte, unterzeichnete er das Kyoto-Protokoll. Es war ein erstes Signal seiner Aussenpolitik: progressiv, global orientiert und mit dem klaren Anspruch, Australien zur Mittelmacht zu machen. Als «China-Liebling», wie ihn Konservative im Wahlgekampf bezeichnet hatten, liess er sich nicht abtun. Kaum im Amt, flog er nach Washington, um klarzustellen, dass auch unter ihm die «traditionelle Freundschaft und Allianz» der beiden Länder bestehen bleibe. Doch wahre Freunde könnten auch unterschiedlicher Meinung sein, meinte Rudd, und kündigte den Abzug der australischen Truppen aus Irak an.

Der Neue schaffte sich mit diesem selbstbewussten Auftreten weltweit Aufmerksamkeit und Achtung. Japans Angst, er könnte Tokyo wegen seiner China-Affinität vernachlässigen, begegnete er mit einem Besuch, bei dem er laut einem japanischen Kommentator «mit seinem Charme und seiner Sachkenntnis auf einen Schlag alle Zweifel zerstreute».

Rudd ist heute ein Staatsmann von globalem Einfluss - wie es kein anderer seiner 25 Amtsvorgänger je gewesen war. Von New York bis Paris markiert er Präsenz. Es war Rudd, der Bush vorschlug, ein Treffen der G-20-Staaten zur Finanzkrise einzuberufen. In Brüssel kündigte er eine «neue Ära» zwischen Australien und Europa an. Sein Fernziel lautet: Australien einen Sitz im Weltsicherheitsrat zu verschaffen.

Vermittler zwischen Ost und West

Sein Vorschlag, eine Asiatische Union nach dem Vorbild der EU zu gründen, stiess in Jakarta zwar auf einen gewissen Widerstand. Aber das war wohl auch kaum anders zu erwarten: Ein Jahr nach Howard sehen viele Indonesier Canberra noch immer als verlängerten Arm Washingtons.

Doch unter Kevin Rudd ist Australien heute auf dem besten Weg, geopolitisch eine wichtige Rolle zu übernehmen. Nicht wenige Beobachter vermuten, dass Barack Obama den Rat von‹Lu Kewen› einholen wird, bevor er als US-Präsident zum ersten Mal nach Peking reist.

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