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Wer öffentlich hustet, soll gebüsst werden

«Es waltet in unserem Land der Konfliktscheuen in Bezug auf Ansteckungen Defätismus. Krank unter die Leute zu gehen, ist nichts anderes als praktizierte Respektlosigkeit.»

Winterzeit ist Fonduezeit. Man sitzt mit Freunden zusammen, aus der Küche duftet der Käse, gleich kommt das Caquelon - schön. Dann sieht man, wie der Frau zur Rechten ein Nasentropfen auf ihre Brotbrocken plitscht. Und noch einer. Sie klaubt ein Tempo hervor, schnäuzt sich laut wie ein brünftiger Elefant und verkündet fröhlich: «Leute, ihr glaubts nicht, aber ich bin total krank!»

Fonduespass zu Ende, Appetit tot. Wenigstens der eigene, denn die anderen langen kräftig zu. Allen voran die Kranke. Selber rührt man pro forma mit, doch graust es einen vor dem, was man da aufgabelt. Zwei Fragen gehen einem nun durch den Kopf, die man in der Regel leider nicht ausspricht, sondern nur denkt. Die erste Frage geht an die Nasentropfenabsonderin und lautet: Warum bleibst du nicht zu Hause, statt die Gesunden ins Verderben mitzureissen? Die zweite Frage richtet sich an den Rest der Runde und heisst: Findet ihr so ein Benehmen normal?

Offenbar. Selten protestiert in solchen Situationen jemand. Üblich ist vielmehr dies: Man sondert Mitleid ab, empfiehlt das eine oder andere Teeli («Bei mir hilft die Ingwermischung super!»), akzeptiert ein solches Verhalten letztlich als gesund. Und wenn dann bei einem selber am übernächsten Morgen das Halsweh einsetzt, nimmt man dies schicksalsergeben hin.

Es waltet in unserem Land der Konfliktscheuen in Bezug auf Ansteckungen Defätismus. Das Gegenteil von Kampfwille, niemand wehrt sich. Dass einer alle 20 Sekunden niest und kaum zu den Augen hinaussieht vor grippaler Triefäugigkeit und sich trotzdem unters Volk mischt, finden viele normal - weil angeblich Bakterien, Bazillen, Viren zum Menschen gehören und voll okay sind. Die Folge ist ein Viren-Jekami: Wer hat seine Umgebung noch nicht verhustet, wer will noch mal?

Feigheit vor dem Mitmenschen

Die Feigheit vor dem Mitmenschen trägt ein tolerantes Lächeln zur Schau: Der Heute-noch-Gesunde, Morgen-selber-Kranke sagt der Bürokollegin nicht, dass sie mit ihrer roten Nase, heiseren Stimme, heizkissenheissen Stirn gefälligst nach Hause gehen und sich ins Bett legen soll. Cool will er wirken und bringt Fragwürdigkeiten vor à la: «Ist ja nicht schlimm, wenn ichs auch kriege. Mein Immunsystem wird dadurch nur stärker.» Fatal an der Haltung ist, dass sie einen neuen Zwang erzeugt: Mancher Bakterienträger traut sich nicht, zu Hause zu bleiben, weil er denkt, das wäre abnormal; röchelnd schleppt er sich zur Arbeit.

Gegen diesen Missstand hilft nur eins: eine radikale Ächtung des Krankseins im öffentlichen Raum durch das Kollektiv. Eine moralische Verpönung der Virenschleuderei. Offenes Husten zum Beispiel - dass einer im Zug oder Bus die Hand nicht vor den Mund hält, während er losrasselt wie ein Förderband in der Kiesgrube - gehört mit einer Busse belegt (nicht unter 500 Franken)! Eine Intensivkampagne des Bundesamtes für Gesundheit gegen die Erkältungsverharmloser und Infektverklärer und Bazillen-sind-doch-natürlich-Schwätzer wäre auch gut, statt dass man immer auf den Rauchern herumhackt. Wieso nicht halbsatirische TV-Spots, auf denen Fiebernde im Einkaufszentrum mit einer Thermokamera identifiziert, umgehend vom Sicherheitspersonal in Schutzanzügen aus dem Gebäude eskortiert und mit Blaulicht nach Hause zwangsbegleitet werden?

Zumindest aber ist hierzulande die Einführung der Nasen-Mund-Maske voranzutreiben, wie sie die Erkälteten in Korea und Japan überstreifen. Die Asiaten haben den Ernst der Lage begriffen. Ihre Art von zwischenmenschlicher Achtung wäre auch in der Schweiz durchaus am Platz. Krank unter die Leute zu gehen, ist nichts anderes als praktizierte Respektlosigkeit.

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