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Geschäft mit BlumenMigros-Entscheid trifft Fairtrade hart

Die Rosensträusschen von Max Havelaar sind bei den Schweizer Kunden weniger gefragt. Gründe dafür sind die Pandemie und ein Sortimentsentscheid der Migros. Das Fairtrade-Label musste die eigenen Standards aushebeln.

Wichtiger Wirtschaftszweig: Eine Arbeiterin auf einer Blumenfarm in Kenia.
Wichtiger Wirtschaftszweig: Eine Arbeiterin auf einer Blumenfarm in Kenia.
Foto: Daniel Irungu (Keystone) 

Sie sind einfach schön anzusehen. Vielleicht war das der Grund, weshalb Blumenhändler auch im zweiten Lockdown ihre Ware verkaufen dürfen. Wirklich lebensnotwendig sind die Sträusse aus Tulpen, Rosen oder Gerberas ja nicht. Sicher ist, in den kommenden Wochen sind sie besonders begehrt: Zwischen Valentinstag und Muttertag ist die Hochsaison für Floristen.

Diese Hauptsaison fiel im letzten Jahr wegen des Lockdown komplett aus. «Die Covid-Krise hat die Blumenbranche und damit auch die Fairtrade-Rosen schwer getroffen», so Melanie Dürr, sie ist bei Fairtrade Max Havelaar für Blumen zuständig. Dieses Jahr sieht es besser aus, die Verkäufe entwickeln sich gut.

Das ist ein Hoffnungsschimmer. Denn der Absatz der fair produzierten Blumen ging in den letzten Jahren deutlich zurück. Bei Fairtrade-Blumen handelt es sich fast ausschliesslich um Fairtrade-Rosen. 97 Prozent der importierten Blumen mit dem Fairtrade-Label gehen als Rosensträusschen oder einzelne Rosen in den Verkauf. Wurden vor 15 Jahren noch fast 90 Millionen Rosenstiele verkauft, waren es 2019 gerade noch 54 Millionen. Zum Vergleich: Der gesamte Blumenimport in die Schweiz blieb in den letzten Jahren robust.

Bei den grossen Detailhändlern haben die Blumen einen schweren Stand, denn das Personal der Supermärkte muss sich immer öfter auch noch um andere Produkte kümmern – die Blumen werden seit einigen Jahren nicht mehr in eigenen Blumen-Abteilungen verkauft, sondern werden etwa am Kiosk neben Magazinen und Zigaretten angeboten.

Hart traf das Label ein Entscheid von Migros. Der Detailhändler hat vor zwei Jahren im günstigsten Segment die Fairtrade-Rosen durch andere Blumen ersetzt. Bei den Billigrosen kommt dort der Standard «Amfori BSCI» zum Zug. Dort werden faire Arbeitsbedingungen der Rosenbauern gewährleistet und kontrolliert – eine Zusatzprämie für die Produzenten, wie bei den Produkten von Max Havelaar, gibt es jedoch nicht. «Max-Havelaar-Produkte sind zusätzlich zertifiziert und bieten einen Mehrwert. Deshalb ist der Preis höher», so ein Migros-Sprecher.

«Wenn wir von den Farmern verlangt hätten, alle Arbeiter voll zu bezahlen, wären sie in Konkurs gegangen.»

Melanie Dürr, bei Fairtrade Max Havelaar für Blumen zuständig

Bei den Floristen tut sich Max Havelaar weiterhin schwer, richtig Fuss zu fassen. Das soll sich aber ändern, so die Hoffnung des Labels. Aber auch wenn der Verkauf in der Schweiz harzt: Der hiesige Markt ist weltweit der drittwichtigste für Fairtrade-Blumen.

Die Krise traf die auf Fairtrade-Blumen spezialisierten Farmen in Kenia hart. «Zehntausende von Blumen mussten weggeworfen werden», so Dürr. Damit brachen die Einnahmen der Farmer komplett weg. Das stellte auch Fairtrade Max Havelaar vor eine schwierige Entscheidung. «Wenn wir von den Farmern verlangt hätten, alle Arbeiter voll zu bezahlen, wären sie in Konkurs gegangen», so Dürr. Der Blumenhandel ist für das Land wichtig: Rund 100’000 Arbeiter zählen die kenianischen Blumenfarmen.

Gelockerte Standards retten Farmen vor Pleite

Tausende Arbeiterinnen hätten dann ihren Job und ihr Einkommen für immer verloren. Hätte die Farm aber Lohnkürzungen vorgenommen, müsste Fairtrade Max Havelaar eigentlich das Label aberkennen. Dies weil der Produzent die Anforderungen nicht mehr erfüllt. Doch auch dann wäre es den Arbeiterinnen schlechter ergangen als vorher, da die Farm die strengen Fairtrade-Standards nicht mehr einhalten hätte müssen.

In Rücksprache mit der lokalen Gewerkschaft sei Fairtrade daher den Farmen zeitweise entgegengekommen und habe die Anforderungen gelockert. «Jetzt müssen sie die Standards betreffend Lohn wieder einhalten, und viele Farmen können ihren Arbeiterinnen den entgangenen Lohn bereits zurückzahlen», so Dürr.

«Mit dem gekürzten Gehalt konnten wir uns keine Masken und Desinfektionsmittel leisten.»

Joan Injete Akumu, Arbeiterin auf einer kenianischen Blumenfarm

Mit einer Studie wollte Fairtrade untersuchen, welchen Einfluss die Pandemie auf Farmarbeiterinnen hat. In Whatsapp-Gruppen berichteten sie über die Auswirkungen von Covid-19 auf ihr Leben und ihre Gemeinden. Die Sorgen klingen ähnlich wie in der Schweiz, nur ist der Absturz ohne soziales Netz härter. Ein Teilnehmer schreibt: «Es ist ein sozialer Albtraum, die Familien wurden für Monate voneinander abgeschottet!»

Blumenarbeiter in Kenia: Ganze Ernten mussten letzten Frühling vernichtet werden, jetzt zieht die Nachfrage wieder an.
Blumenarbeiter in Kenia: Ganze Ernten mussten letzten Frühling vernichtet werden, jetzt zieht die Nachfrage wieder an.
Foto: Daniel Irungu (Keystone)

Aufseher Daniel Murimi sagt: «Mit dem halben Lohn durchzukommen, war sehr schwer.» Und auch riskant, erklärt Farmarbeiterin Joan Injete Akumu: «Mit dem gekürzten Gehalt konnten wir uns keine Masken und Desinfektionsmittel leisten.» Sie sei sehr froh gewesen, habe sie von Fairtrade Schutzmaterial erhalten.

Zweiter Lockdown wäre verheerend

Die Arbeiter konnten sich die Fairtrade-Prämie zwischen Mai und Dezember 2020 komplett ausbezahlen lassen oder sie zum Beispiel für Nahrungsmittel und Massnahmen zum Schutz vor Covid-19 benutzen. Diese wurde von Farmen dazu genutzt, um Essenspakete, wie etwa Reissäcke, zu verteilen. «Viele Arbeiterinnen haben im letzten Jahr Hunger gelitten, da waren die Pakete eine grosse und schnelle Hilfe», so Dürr.

Am Blumenmarkt im südafrikanischen Johannesburg werden Blumen aus dem ganzen Kontinent gehandelt.
Am Blumenmarkt im südafrikanischen Johannesburg werden Blumen aus dem ganzen Kontinent gehandelt.
Foto: Kim Ludbrook (Keystone) 

Laut dem «Economist» beläuft sich die Auslastung wieder auf mehr als 90 Prozent. «Die kenianischen Blumenfarmen erholen sich», sagt Dürr. Die Folgen der vernichteten Ernte des letzten Jahres sind spürbar, bei einigen Betrieben gibt es noch finanzielle Engpässe. «Einen zweiten Einbruch ähnlich wie letzten Frühling würde die Blumenindustrie in Kenia nicht durchstehen», so Dürr.

35 Kommentare
    Hans Iseli

    Ich mag Schnittblumen nicht. Die sind zum Tode verurteilt. Die mag ich lebend, in der Erde verankert.