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Betagte ohne Internet Immer mehr Berner Senioren auf Hauslieferungen angewiesen

Die Corona-Sperre schneidet Betagte vom Einkauf ab. Pro Senectute und Migros starten nun Hauslieferungen. Bloss nennt die Migros keine Telefonnummer.

Stefan von Bergen
Senioren sollen laut Empfehlung des Bundesrates nicht mehr selber einkaufen gehen.
Senioren sollen laut Empfehlung des Bundesrates nicht mehr selber einkaufen gehen.
Foto: Urs Jaudas

Die 98-jährige Anruferin war ratlos. Wo sie nun ihre Bettwäsche hinbringen könne, wollte sie wissen. Sie dürfe ja als Angehörige der Corona-Risikogruppe nicht mehr aus dem Haus. Und ihre Stammwäscherei sei geschlossen. Solche Anrufe haben sich in den letzten Tagen bei der Pro Senectute Region Bern gehäuft, sagt deren Geschäftsführerin Ruth Schindler. Die Seniorenorganisation liefert in normalen Zeiten im Raum Bern rund 800 Mahlzeiten an die Wohnungstür aus. «Nun hat sich die Zahl in der laufenden Woche auf fast 1400 verdoppelt.»

Hast du etwas zu essen für mich?

Bei Pro Senectute meldet sich die stark wachsende Gruppe hochbetagter Senioren und Seniorinnen, die durch den Corona-Lockdown zu Hause blockiert ist. Einpersonenhaushalte sind in grossen Städten wie Bern mittlerweile die häufigste Wohnform. In vielen dieser Haushalte leben alleinstehende Frauen. Nicht alle Hochbetagten haben Töchter, Söhne oder Enkel, die sie mit Lebensmitteln und Waren versorgen. Schon erlebten Senioren in Alterssiedlungen, dass eine betagte Nachbarin an der Tür klingelt und um Essen bittet.

«Viele Senioren haben keinen Computer und kein Smartphone. Sie brauchen eine Telefonnummer.»

Ruth Schindler, Geschäftsführerin Pro Senectute Region Bern

Aufgrund der gewachsenen Nachfrage hat die Pro Senectute am Dienstag gemeinsam mit der Migros-Genossenschaft Aare eine neue Aktion lanciert. Im Raum Bern gibt es nun laut einem Communiqué eine kostenlose Heimlieferung von Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs. Das Konzept soll dann auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden. Auf der Migros-App «Amigos» für Heimlieferungen können sich gesunde Helfer und Bringerinnen registrieren lassen, die Nachbarschaftshilfe leisten wollen. Bestellen muss man über die Internetseite www.amigos.ch. Dort können Senioren auch ein virtuelles Trinkgeld zahlen. So wird der Austausch von Bargeld verhindert, mit dem das Virus weiterverbreitet werden könnte.

Die Aktion hat allerdings einen Haken. «Viele Senioren haben keinen Computer und kein Smartphone», sagt Ruth Schindler. Mit Apps und Internetseiten können sie nichts anfangen, denn sie sind offline. «Wir müssen diese Leute jetzt mit möglichst einfachen Mitteln und Dienstleistungen erreichen. Sie brauchen eine Telefonnummer.»

Eine solche aber gibt es für den «Amigos»-Bestellservice noch nicht. «Wir haben das ganze Projekt innerhalb weniger Tage aktualisiert und müssen die technische Machbarkeit einer Telefonnummer erst prüfen», erklärt Cristina Maurer Frank, Projektleiterin beim Migros-Genossenschaftsbund.

Ruth Schindler kann es nicht genug betonen und staunt, dass es immer wieder vergessen wird: «Viele Betagte kommunizieren per Telefon, hören Radio und schauen Fernsehen.» Wenn man sie erreichen wolle, dann über diese Kanäle.

Wäschedienst für Senioren

Suchen Berner Senioren derzeit einen Wäscheservice, kann ihnen die Pro Senectute die Telefonnummer der Koella Textilpflege AG angeben. Sie betreibt im Raum Bern fünf «Alles rein»-Waschsalons und kooperiert nun mit der Seniorenorganisation. Schon habe man erste Anrufe von Senioren erhalten, sagt Geschäftsführer Yannick Koella. Für ihn kommt die Nachfrage wie gerufen. «Unsere Betriebe sind derzeit nur halb geöffnet und nicht ausgelastet», sagt Koella.

Damit der Service kostendeckend ist, liefert die Firma vorerst eine grössere Wochenwäsche – zu einer Lieferpauschale von 40 Franken. Koella kann noch einen weiteren Corona-bedingten Kunden vermelden: die Schweizer Armee. Da eingerückte Soldaten im Raum Bern nicht mehr nach Hause entlassen werden, haben auch sie einen Wäscheengpass.

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