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Sommerserie«Mit Geisterjagen hat das nichts zu tun»

Rebecca Jenny sagt von sich, negative Energien auflösen zu können. Esoterischer Kitsch? Die Thunerin sieht ihr Wirken näher beim Mechanischen.

«Hier hätte die ganze Strasse mal eine Reinigung nötig», sagt Rebecca Jenny in der Oberen Hauptgasse in Thun.
«Hier hätte die ganze Strasse mal eine Reinigung nötig», sagt Rebecca Jenny in der Oberen Hauptgasse in Thun.
Foto: Nik Sarbach

Es ist noch gar nicht so lange her, da suchten Bauern Rat bei Mönchen, wenn auf ihren Höfen Unerklärliches geschah: Wenn sich Tiere merkwürdig verhielten oder wenn es im Gebälk scheinbar ohne äusseren Einfluss rumpelte und krachte. Die Mönche kamen und reinigten die Höfe und Alphütten – nicht von Dreck und Staub, sondern von dunklen Geistern und bösen Kräften. Noch heute steckt im Türrahmen manch einer Alphütte ein grober Holzpfropfen. Ins Loch, das er versiegelt, verbannten die Mönche den Erzählungen nach das übersinnliche Ungemach.

Aberglaube und Humbug? Nicht für Rebecca Jenny. Die gebürtige Thunerin sagt von sich, Energien jenseits des Rationalen wahrnehmen und solche, die schlechten Einfluss ausüben, auflösen zu können. Geister? Dämonen? Nein, alles halb so wild, sagt die 45-Jährige.

Wolken im Raum

Um zu erklären, was sie anstellt, führt Rebecca Jenny durch die Thuner Innenstadt zu verschiedenen Gebäuden, die sie gereinigt hat. Vor einer Bar bleibt sie stehen und setzt an: «Sehr starke Gefühle wie Angst oder Trauer, aber auch ständig wiederkehrende Gedanken manifestieren sich mit der Zeit», sagt sie. Diese Manifestationen nehme sie wie Wolken wahr, die im Raum wabern würden. Der Boden einer Wohnung, in der ein depressiver Mensch gewohnt habe, fühle sich zum Beispiel an wie ein Sumpf, sagt sie.

«Für mich ist das eher eine mechanische als eine esoterische Tätigkeit.»

Rebecca Jenny

«In dieser Bar hier hing direkt hinter der Theke eine solche Wolke», führt sie aus, «also da, wo der Besitzer meistens arbeitet.» Das sei ungünstig, denn diese Energiehaufen würden wiederum abstrahlen und sich Quellen suchen, die sie weiter speisten. Mit bestimmten Handlungen, die sich zu einem Ritual zusammenfügen, könne sie solche Verdichtungen auflösen, die Frequenzen verändern, bis sich das Angestaute verflüchtige. «Für mich ist das eher eine mechanische als eine esoterische Tätigkeit. Mit Geisterjagen hat das nichts zu tun», sagt sie.

Stumme Erscheinungen

Ihre ungewöhnliche Wahrnehmung habe sich bereits bemerkbar gemacht, als sie noch ein Kind gewesen sei, sagt Rebecca Jenny: «Ich konnte Verstorbene sehen.» Das habe sie nicht per se beängstigt, aber dass sie nicht mit ihnen habe reden können, habe sie verunsichert. Erst später sei ihr klar geworden, dass die Kommunikation mit Toten nicht über Worte, sondern über Bilder und Gefühle erfolge.

Ihr Umfeld hatte indes kein Verständnis für die Launen des kleinen Mädchens. So verdrängte sie lange, was sie wahrnahm. «Erst als ich mich mit Meditation zu beschäftigen begann, kamen die Wahrnehmungen wieder», erzählt sie.

«Wenn ein Wesen in einem Schock stirbt, dann löst sich manchmal ein Anteil der Seele und verbleibt an einem Ort.»

Rebecca Jenny

Die ganze Sache hat Rebecca Jenny bisher nicht an die grosse Glocke gehängt – im Wissen, dass sie mit ihren Ausführungen gleich in die Esoterik-Schublade gesteckt wird. Dabei hat sie herzlich wenig gemein mit Eso-Stars wie Christina von Dreien oder der illustren – und mittlerweile verstorbenen – Uriella. Im Gegenteil: Da ist nichts sanft Hauchendes in ihrer Stimme, nichts Überhöhtes in ihrem Auftreten. Ebenso gut könnte sie hinter dem Tresen einer Bar stehen – etwas, das sie tatsächlich jahrelang gemacht hat.

Kind begann zu sprechen

Für energetische Wohnungsreinigungen wird Rebecca Jenny, die sonst als Meditationscoach tätig ist, alle paar Monate angefragt. Dabei habe sie schon erstaunliche Erfahrungen gemacht: «Ein Kind, das vom Alter her längst hätte sprechen sollen, fing damit just am Tag nach einer Reinigung an», sagt Jenny.

Ein anderes Kind habe lange Zeit einfach nicht zugenommen, erzählt sie weiter. Nach ihrem Wirken habe sich das rasch geändert. «Bei der Reinigung damals nahm ich mindestens sieben Seelenanteile wahr, die dem Kind vorher Kraft geraubt hatten», sagt sie. Tatsächlich habe sich dann herausgestellt, dass es um das Haus einst einen wüsten Erbstreit gegeben habe. Seelenanteile? Also doch Spuk?

«Was den Leuten Angst macht, ist, wenn die Seelen sich Aufmerksamkeit zu verschaffen versuchen.»

Rebecca Jenny

«Wenn ein Wesen in einem Schock stirbt, dann löst sich manchmal ein Anteil der Seele und verbleibt an einem Ort», sagt Rebecca Jenny. Ihre Aufgabe sei es dann, diese Anteile zurückzuführen. Die meisten festsitzenden Seelen hätten auch gar keine bösen Absichten: «Was den Leuten Angst macht, ist, wenn die Seelen sich Aufmerksamkeit zu verschaffen versuchen.» Das sei unter anderem, was wir als Spuk bezeichnen würden.

Wissenschaft ist skeptisch

Die Wissenschaft steht paranormalen Dingen, wie sie Rebecca Jenny schildert, skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dessen ist sich die Thunerin bewusst. Trotzdem ist sie überzeugt: «Für mich ist die geistige Welt eine Realität. Der Schleier zwischen der unseren Welt und der ihren ist nur ein kleiner Unterschied in der Schwingung», schreibt sie auf ihrer Website.

Auch glaubt sie, dass diese geistige Welt grundsätzlich allen Menschen zugänglich wäre. «Unsere Sensorik können wir gezielt trainieren», sagt sie. Sie sei halt wohl einfach mit einem gewissen Talent dazu geboren worden. So, wie wenn jemand von Natur aus gute Voraussetzungen für den Laufsport mitbringe.

Aberglaube und Humbug? Reine Einbildung? Oder fehlen uns lediglich noch die richtigen Instrumente zur Messung? Fest steht nur, dass Rebeca Jennys Wahrnehmungen zumindest gegenwärtig jenseits der Grenze dessen liegen, was sich beweisen liesse.