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Krimi der WocheMörderische Verstrickungen in den Schweizer Alpen

Der Schweizer Autor Andreas Niedermann lässt seine Wiener Heldin Isa Blumberg in den Bergen ermitteln. Der Nebel ist dabei nicht ihr einzige Hindernis.

Es ist kalt, und das Beziehungsgeflecht rund um den Mordfall ist kompliziert. Romanheldin Blumberg ermittelt unter schwierigen Bedingungen.
Es ist kalt, und das Beziehungsgeflecht rund um den Mordfall ist kompliziert. Romanheldin Blumberg ermittelt unter schwierigen Bedingungen.
Foto: Getty Images, iStockphoto

Der erste Satz

Als der Jeep über einen Bahnübergang rumpelte und ein Geklirr von leeren, herumrollenden Flaschen auslöste, prallte Robert Selbys Kopf hart gegen das Seitenfenster, was ihn halbwegs aufweckte.

Das Buch

Isa Blumberg hat sich, «wenn sie gerade nicht flüssig war», Geld, das bei ihr irgendwie hängen geblieben ist, ihr aber nicht gehört, «geliehen». Nun macht sie sich Sorgen, dass der Besitzer auftauchen könnte, um sein Geld abzuholen. Nur darum nimmt die Ex-Journalistin einen obskuren Auftrag an.

Der Auftraggeber, der in einem «Wohnzimmer mit den Ausmassen eines Tennisplatzes, das nach Einsamkeit und exquisiten Putzmitteln roch», in Wien sitzt, bittet sie, die Hintergründe eines mysteriösen Unfalls seines Onkels Robert Selby in der Schweiz zu recherchieren. Was war da wirklich passiert? Und was wollte Selby, ein Scriptdoctor aus den USA, überhaupt in der Schweiz?

In einem heissen Sommer in Wien liess der Schweizer Autor Andreas Niedermann vor zwei Jahren Isa Blumberg zum ersten Mal auftreten («Blumberg», Songdog-Verlag, Wien 2018). Jetzt schickt er die 53-jährige «Meisterin des Ungefähren», die nun zur Serienheldin wird, mitten im kalten Winter in die Schweizer Alpen. Im namenlosen Ort, in dem sie landet, schneit es. Die Berge lassen sich im dichten Nebel nur erahnen. Und ein Stochern im Nebel sind Blumbergs Ermittlungen.

Niedermann schneidet grundsätzliche Fragen der menschlichen Existenz an.

Es geht um eine reichlich verworrene Familiengeschichte. Ausgangspunkt ist ein Doppelmord vor vielen Jahrzehnten in einer Wetterstation auf einem Berggipfel. Auch Generationen später wirkt das Verbrechen nach, sowohl in den Familien der Opfer wie in der des Täters. Daneben spielen weitere Beziehungs- und Familienangelegenheiten in die Geschichte hinein. Etwa die Beziehungen Blumbergs zu ihrem Sohn. Der ist Priester, nun aber auf Sinnsuche durch die Welt zieht. Oder das Band zu einer Ex-Partnerin und zu Düzen, einer türkischen Taxifahrerin aus Wien, die sie in die Schweiz gefahren hat. Und dann ist da Düzens Konflikt mit dem Vater ihres Babys, der ihr für ihr Verschwinden ernsthaft tödliche Rache androht.

Niedermann, der nicht etwa zu den Regionalkrimischreibern gehört, sondern in der Tradition von Autoren wie Charles Bukowski und Jörg Fauser steht, schneidet in seinem unkonventionellen Noir-Krimi grundsätzliche Fragen der menschlichen Existenz an. Ein Thema ist etwa Gut und Böse: «Isa Blumberg war kein guter Mensch. Vielleicht einer, der sich bemühte. Aber auch ein Mensch, der sich immer wieder fragte, warum man ein guter Mensch sein sollte, wenn doch nichts wahr war und es niemals ein Happy End geben würde, dass Gott nicht existierte und man am Ende in der Finsternis verschwand. Ob gut, ob böse, ob klug oder dumm, grausam oder lammfromm, gütig oder herrschsüchtig. Humanist oder Serienkiller. Egal. Warum also sollte Mensch ein guter Mensch sein?»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★☆☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamteindruck: ★★★★☆

Der Autor

Bevor er Krimiautor wurde, hatte Andreas Niedermann unterschiedlichste Jobs.
Bevor er Krimiautor wurde, hatte Andreas Niedermann unterschiedlichste Jobs.
Foto: Songdog

Andreas Niedermann, geboren 1956 in Basel, zog nach einer Ausbildung zum Chemie- und Textillaboranten quer durch Europa. Er war als Steinbrecher, Journalist, Kinobetreiber, Alphirte, Theatertechniker und Fitnesstrainer tätig. 1987 veröffentlichte er seinen ersten Roman, «Sauser» (Edition Moderne, Zürich; Neuausgabe 2007: Songdog-Verlag, Wien).

1989 zog er nach Wien, wo er 2005 den Songdog-Verlag gründete. Inzwischen hat er rund ein halbes Dutzend weitere Romane sowie mehrere Story-Bände veröffentlicht.

Niedermann lebt mit seiner Familie als Autor und Verleger in Wien.

Andreas Niedermann: «Blumberg 2 – Die Wachswalze». Edition Baes, Wien 2020. 287 S., ca. Fr. 35.–