MSC Zoe galt als sicherster Frachter

Das Transportschiff, das in der Nordsee 281 Container verloren hat, gehört dem Genfer Familienunternehmen MSC. Den Konzern kennt man vor allem wegen seiner Kreuzfahrtschiffe.

Mit Platz für rund 19'000 Containern gehört die MSC Zoe zu den grössten Containerschiffen der Welt. Foto: Reuters

Mit Platz für rund 19'000 Containern gehört die MSC Zoe zu den grössten Containerschiffen der Welt. Foto: Reuters

Ernst Meier@tagesanzeiger

Das Frachtschiff MSC Zoe ist der Stolz einer Reederei-Familie, die so erfolgreich ist, wie sie als diskret gilt. Der 395 Meter lange Containertransporter wurde im Februar 2015 im Hamburger Hafen auf den Namen des damals vierjährigen Grosskindes des Firmengründers getauft. Als weltgrösstes und sicherstes Containerschiff stach die MSC Zoe in See. Nun steht das Schiff seit Tagen in den Schlagzeilen, weil es am 2. Januar in der Nordsee in einen Sturm geriet. Dabei fielen 281 Container ins Meer – darunter zwei Behälter mit gefährlicher Ladung, wie die Behörden in den Niederlanden und in Deutschland mitteilten.

Das Unglück rückt einen Schweizer Weltkonzern in den Blickpunkt, von dem man wenig weiss. Der Öffentlichkeit ist die in Genf beheimatete Mediterranean Shipping Company noch am ehesten wegen der Schwestergesellschaft ein Begriff: MSC Cruises, mit rund 15 Schiffen laut Firmenangaben drittgrösste Kreuzfahrtgesellschaft der Welt. Zum Unternehmen gehört beispielsweise die MSC Meraviglia – eine «schwimmende Stadt» mit Platz für 5700 Passagiere und 1600 Besatzungsmitglieder.

Die MSC-Gruppe ist mit den Bereichen Frachttransport und Kreuzfahrt weltweit in über 150 Ländern tätig. Der Konzern beschäftigt 70'000 Mitarbeiter, 47'000 arbeiten für die Reederei. In der Schweiz zählt MSC gegen 1500 Angestellte, die meisten davon sind am Hauptsitz in Genf tätig, weitere Mitarbeiter hat die Firma in Basel.

Vom Seemann zum mehrfachen Milliardär

Gegründet wurde MSC vom Italiener Gianluigi Aponte. Der gelernte Matrose und spätere Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes lernte während der Arbeit eine Schweizer Bankierstochter kennen. Die beiden verliebten sich und heirateten. Aponte stieg in der Bank seines Schwiegervaters ein. «Dort habe ich einen wohlhabenden Kunden kennen gelernt und gemeinsam haben wir 1970 die Containergesellschaft mit zunächst einem einzigen Schiff gegründet», erzählte der heute 78-Jährige vor ein paar Jahren in einem seiner seltenen Interviews der französischen Zeitung «Le Monde».

Der Einstieg ins Kreuzfahrtgeschäft erfolgte eher zufällig, denn der Schritt ist auf ein Ereignis zurückzuführen, das weltweit für Aufsehen sorgte und dessen Name heute noch vielen Leuten ein Begriff ist: Achille Lauro. So hiess das Kreuzfahrtschiff mit 1030 Menschen an Bord, das palästinensische Terroristen im Oktober 1985 im Mittelmeer entführten. Die Terroristen verlangten die Freilassung von Gefangenen, die in Israel inhaftiert waren. Die Geiselnehmer töteten einen US-Bürger, gaben aber nach wenigen Tagen auf. Der Vorfall brachte die Kreuzfahrtgesellschaft an den Rand des Ruins. Aponte kaufte 1987 seinem Freund Achille Lauro dessen Unternehmen ab. Zügig baut MSC den Bereich seither aus und investiert in immer grössere Schiffe. Mehr als zwei Millionen Feriengäste transportiert MSC Cruises jährlich über die Weltmeere. Laut Firmenangaben soll die Flotte in den nächsten zehn Jahren auf 29 Kreuzfahrtschiffe fast verdoppelt werden.

Die MSC-Gruppe ist auch fünf Jahrzehnte nach der Gründung fest in Familienhand. Diego Aponte, Sohn des Firmengründers, leitet die operativen Geschäfte und ist Präsident des Verwaltungsrates, in dem auch der Patron weiterhin sitzt. Sein Schwiegersohn, Pierfrancesco Vago, führt das Kreuzfahrtgeschäft. Das Magazin «Bilanz» ­listet die Familie Aponte mit einem geschätzten Vermögen von 9,5 Milliarden Franken auf Platz 15 der reichsten Schweizer.

MSC-Firmengründer Gianluigi Aponte. Foto: Reuters

Zum Unglück der MSC Zoe äusserte sich die Familie bisher nicht in der Öffentlichkeit. Aus der Genfer Firmenzentrale gab es drei kurz gehaltene Medienmitteilungen. Darin versichert das Unternehmen, alle Kosten für die Reinigung der Küsten zu übernehmen. Gleichzeitig schreibt MSC, dass man sich für die Suche der verlorenen Container einsetze, «bis der letzte gefunden wurde».

Nach wie vor rätseln Fachleute, wie es zum Container-Unglück kommen konnte. Eine Theorie ist, dass die Spediteure falsche Gewichtsangaben zu ihren Ladungen gemacht haben. «Wir stehen mit den Untersuchungen erst am Anfang», teilten die deutschen Behörden mit.

Unterwegs war die MSC Zoe, die Platz für rund 19'000 Container bietet, vom belgischen Antwerpen Richtung Bremerhaven. Mehrere Schiffe stehen seit dem Unglück im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zur Bergung im Einsatz. Mit Sonartechnik hat man 220 Behälter auf dem Meeresboden orten können. Die Suche in der Nordsee wurde gestern Abend wegen neuer Stürme unterbrochen. In den Tagen zuvor hat das Meer einige Container und deren Inhalte an Land gespült. Vor den niederländischen Wattenmeer-Inseln, aber auch an der Küste der Ostfrieseninsel Borkum sammelten Helfer Kinderspielsachen, Flachbildschirme oder Velozubehör ein. Auch Fischer fanden auf dem Meer Ladungen aus den Containern.

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