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Schutz vor CoronaNamenslisten in den Restaurants bleiben leer

Die Gäste haben keine Lust, ihre Daten anzugeben – viele Lokale fragen gar nicht erst danach: Das Schutzkonzept der Gastrobranche macht Probleme.

Die Schweizerinnen und Schweizer zieht es wieder ins Restaurant: Ein gut besuchtes Lokal in Zürich am ersten Wochenende nach der Wiederöffnung.
Die Schweizerinnen und Schweizer zieht es wieder ins Restaurant: Ein gut besuchtes Lokal in Zürich am ersten Wochenende nach der Wiederöffnung.
Foto: Urs Jaudas

In einem Zürcher Restaurant am letzten Freitag: Der Gast möchte seinen Namen angeben und bittet den Kellner um die entsprechende Liste. Eine solche werde nicht mehr geführt, bekommt er zur Antwort. Das ist kein Einzelfall, wie Besuche von Redaktorinnen und Redaktoren dieser Zeitung in Schweizer Restaurants zeigen: In mehreren Lokalen fanden Gäste weder Namenslisten auf den Tischen, noch wurden sie vom Personal um ihre Namen gebeten.

Dabei steht im verbindlichen Schutzkonzept der Gastronomiebranche, dank dem Restaurants und Bars trotz der Corona-Pandemie seit einer Woche wieder geöffnet haben dürfen, etwas anderes: Für die Gäste ist das Angeben von Kontaktdaten zwar freiwillig. Doch für die Betriebe ist es Pflicht, danach zu fragen. Kurz vor den Wiederöffnungen erinnerte Bundesrat Alain Berset an einer Pressekonferenz daran: Damit allfällige Infektionsketten nachverfolgt werden könnten, müssten die Restaurants wissen, wer bei ihnen eingekehrt sei. «Contact-Tracing soll auch in Restaurants möglich sein», sagte Berset.

Frustriertes Personal

Das stellt sich als schwieriger heraus, als die Behörden hofften. Die Gewerkschaften Unia und Syna haben letzte Woche einen Aufruf an ihre Mitglieder aus der Gastrobranche lanciert. Diese sollten melden, wie gut sie am Arbeitsplatz geschützt werden. «Wir haben punktuell die Rückmeldung erhalten, dass die Gästedaten nicht erhoben werden, vor allem aus dem Kanton Zürich», sagt Mauro Moretto, zuständig für den Gastrobereich bei der Unia, die mehr als 500 Eingaben erhielt. Syna entnimmt den über 100 Antworten von Angestellten, dass vor allem die Gäste das Problem sind.

«Wir haben punktuell die Rückmeldung erhalten, dass die Gästedaten nicht erhoben werden, vor allem aus dem Kanton Zürich.»

Mauro Moretto, Gewerkschaft Unia

Wie Bereichsleiterin Claudia Stöckli sagt, stossen die Corona-Schutzmassnahmen bei vielen Gästen auf Unverständnis, insbesondere die Namenslisten. Sie würden «wenig bis gar nicht genutzt». Für das Personal sei das extrem frustrierend. «Dadurch, dass die Angabe des Namens freiwillig ist, wurde dem Personal die undankbare Aufgabe übertragen, die Gäste davon zu überzeugen», sagt Stöckli. Das sei der falsche Weg. Das Ausfüllen der Namenslisten sei wichtig – zum Schutz von Gästen und Personal – und müsste daher obligatorisch sein.

Bund droht mit dem Pranger

Mithilfe der Liste sollen die Kantonsärzte mögliche Infizierte aufspüren. Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri sagt: «Geben die Restaurantbesucher ihren Namen nicht an, erschwert das die Arbeit der Contact-Tracer, es verunmöglicht sie jedoch nicht.» Es sei ein Vorteil, schnell zu wissen, wer mit einer infizierten Person in einer Wirtschaft in nahem Kontakt gestanden sei, sagt der Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte. Die Tracer würden das auch ohne Namenslisten herausfinden – nur steige damit der Aufwand.

Das Bundesamt für Gesundheit drohte den Wirten am Montag mit dem Pranger. Die Wirte müssten sich «wirklich ganz gut überlegen», ob sie die Kundendaten nicht erfassen, sagte der Corona-Delegierte Daniel Koch. «Es könnte zum eigenen Schaden sein.» Stecke sich ein Kellner an, müsse der Betrieb Auskunft geben können darüber, wen der Kellner bedient habe. Sonst könnten die Behörden eine öffentliche Fahndung starten. «Wenn man ausrufen muss, in diesem und jenem Betrieb und an diesem und jenem Tag müssen sich alle Gäste melden, ist das nicht sehr erfreulich für den Gastrobetrieb und für alle anderen», sagte Koch.

Kantonsarzt Hauri bestätigt, dass öffentliche Aufrufe als letztes Mittel zum Auffinden von engen Kontakten denkbar seien. Das gelte namentlich für Situationen, in denen mehrere unbekannte Personen gleichzeitig ausfindig gemacht werden müssten.

Kontrolleure sehen kein Problem

Den Kontrollbehörden sind die Probleme mit der Erfassung von Gästedaten bisher indes nicht aufgefallen. In Basel heisst es, man könnte nicht beurteilen, wie gut sie funktioniere. Inspiziert wurden dort 51 Betriebe. Im Kanton Zürich hat das Arbeitsinspektorat letzte Woche 16 Gastronomiebetriebe kontrolliert. Dort sei das Formular «mehrheitlich gut sichtbar» gewesen, und die Betreiber hätten versichert, die Gäste würden auf die Möglichkeit hingewiesen, die Kontaktdaten anzugeben. In der Stadt Bern hat das Polizeiinspektorat 100 von 600 Gastrobetrieben besucht. «Das Formular zur Erfassung der Gästekontakte liegt auf vielen Tischen auf, zusammen mit einem Kugelschreiber oder auch einem QR-Code für das Mobiltelefon», sagt Marc Heeb.

Abgesehen von den Problemen mit den Namenslisten erhalten die Gastronomen Lob: Die Schutzkonzepte würden bisher ziemlich gut umgesetzt, wie Besuche vor Ort gezeigt hätten, heisst es bei der Gewerkschaft Unia. Ähnlich ist der Tenor bei den staatlichen Kontrolleuren in Basel, Bern und Zürich.

Es fehlt die Zeit

Der Gewerkschaft Syna meldeten die meisten Angestellten, dass sie von ihren Arbeitgebern vor der Wiederöffnung geschult wurden. Die Mitarbeiter würden die Umsetzung der Schutzkonzepte aber sehr unterschiedlich beurteilen. «Ein Teil der Angestellten fühlt sich gut geschützt, ein Teil gar nicht», sagt Gewerkschafterin Stöckli. Im Alltag seien die Konzepte vielfach nicht umsetzbar. «Es fehlt die Zeit für die vielen zusätzlichen Säuberungsmassnahmen, zum Beispiel dem Desinfizieren der Tische und Stühle, oder die Abstandsregeln können nicht eingehalten werden.»

Der Branchenverband Gastrosuisse beantwortete Fragen dazu am Montag nicht: Es sei noch zu früh für eine Zwischenbilanz.