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Tour-Verlierer hoffen auf VueltaNein, die Radsaison ist noch nicht vorbei!

Im Baskenland startet die Vuelta. Die Rundfahrt ist sehr offen, weil so spät im Jahr unklar ist, wer noch in Form ist. Diese fünf Geschichten bieten Gesprächsstoff.

Rad-Fans kommen dieses Jahr Ende Oktober noch in den Genuss einer Grand Tour.
Rad-Fans kommen dieses Jahr Ende Oktober noch in den Genuss einer Grand Tour.
Foto: Imago

Vieles ist anders in dieser Corona-Radsaison. Nur etwas ist gleich: Die Vuelta ist die letzte der drei Grands Tours. Das akzentuiert ihre Position noch zusätzlich. Kaum ein Fahrer dürfte seine Topform für Ende Oktober geplant haben, entsprechend offen ist das Rennen. Dazu kommen die äusseren Umstände, die ebenfalls eine Rolle spielen werden, vielleicht sogar eine Hauptrolle.

Chris Froome kehrt zurück und sagt: «Auf Wiedersehen!»

Abschiedsvorstellung: Chris Froome tritt letztmals für Ineos-Grenadier an, ab 2021 fährt er für Israel Start-up Nation.
Abschiedsvorstellung: Chris Froome tritt letztmals für Ineos-Grenadier an, ab 2021 fährt er für Israel Start-up Nation.
Foto: Getty Images

Für den 35-Jährigen schliessen sich gleich mehrere Kreise. 2011 erlebte er an der Vuelta seinen Durchbruch, als er das Rennen als designierter Helfer von Bradley Wiggins völlig überraschend auf Rang 2 beendete (und 2019 durch die Sperre gegen Juan José Cobo den Gesamtsieg erbte). Der nach seinen Tour-Siegen meist ausgelaugte Froome erlebte in Spanien aber auch mehrere bittere Niederlagen, ehe er die Rundfahrt 2017 gewann.

Die Vuelta 2020 ist seine erste Grand Tour seit 2018 und seinem Sieg am Giro d’Italia. Nach wie vor ist unklar, wie gut seine Form ist nach dem schweren Sturz im Dauphiné 2019. Ineos-Grenadier hat die Leaderrolle deshalb Richard Carapaz übertragen, der an der Tour de France den Edelhelfer von Egan Bernal gab. Froome dürfte eine interne Wildcard erhalten, sollten seine Beine so gut drehen wie in den alten Tagen.

Zudem ist es Froomes letztes Rennen für die britische Equipe: Ab 2021 fährt er für das Team Israel Start-up Nation.

Es wird garstig

Wetter wie sonst an der Baskenland-Rundfahrt im April: Fahrer, denen Nässe und Kälte nichts ausmachen, sind definitiv im Vorteil.
Wetter wie sonst an der Baskenland-Rundfahrt im April: Fahrer, denen Nässe und Kälte nichts ausmachen, sind definitiv im Vorteil.
Foto: Getty Images

Wir verbinden Spanien nicht unbedingt mit schlechtem Wetter. Aber wir reisen auch eher selten Ende Oktober/Anfang November auf die Iberische Halbinsel. Die Vuelta-Planer hätten wohl auch die Rennstrecke etwas anders angelegt, hätten sie damals vom späten Renndatum gewusst. Zwar ist die Rundfahrt drei Etappen kürzer und nur knapp drei Wochen lang – der Start in Utrecht (NED) fiel der Pandemie zum Opfer. Doch die verbleibenden 18 Etappen werden für die Fahrer mehr als genug sein: Das Rennen findet abgesehen von den letzten drei Teilstücken komplett im nördlichsten Viertel Spaniens statt. Sprich in den Bergen, wo mit a) Kälte, b) Nässe und c) allenfalls sogar Schnee zu rechnen ist.

Der erste Knackpunkt folgt am ersten Rennsonntag, wenn die Etappe auf dem Col du Tourmalet enden soll.

Gelb-schwarze Frustbewältigung

So nicht: Vuelta-Titelverteidiger Primoz Roglic (Mitte) und Tom Dumoulin (mit der Hand auf Roglics Kopf) wollen keine zweite Niederlage wie an der Tour erleben.
So nicht: Vuelta-Titelverteidiger Primoz Roglic (Mitte) und Tom Dumoulin (mit der Hand auf Roglics Kopf) wollen keine zweite Niederlage wie an der Tour erleben.
Foto: Getty Images

Bis zum Vorabend der Tour wirkte Primoz Roglic wie der sichere Sieger. Dann wurde der Slowene noch von Landsmann Tadej Pogacar überflügelt. Nicht nur deshalb steht Roglic in Spanien am Start: Er ist zugleich Titelverteidiger und erster Favorit. Nur: Hat er nach Tour, WM und seinem Sieg bei Lüttich–Bastogne–Lüttich noch die Kraft und Motivation, sich weitere drei Wochen reinzuhängen? Ansonsten stünde Kollege Tom Dumoulin bereit – wobei sich bei diesem dieselben Fragen stellen.

Frischer wäre dagegen Thibaut Pinot, der seit der Tour pausiert hat. Beim Franzosen, der an der Tour unter Rückenproblemen litt, stellt sich eher die Frage, ob er es schafft, die Vuelta ohne einen Aussetzer zu absolvieren.

Unsicherheit trotz mehr Tests denn je

Mehr Tests denn je: Ein spezieller Truck von zwei spanischen Pharmakonzernen soll dafür sorgen, dass die Vuelta so Corona-frei wie nur möglich bleibt.
Mehr Tests denn je: Ein spezieller Truck von zwei spanischen Pharmakonzernen soll dafür sorgen, dass die Vuelta so Corona-frei wie nur möglich bleibt.
Foto: Vuelta

Neben den bewährten Testprotokollen und den Teamblasen reist an der Vuelta ein 14-Meter-Truck mit, ausgerüstet mit drei Testzellen, die pro Tag 700–750 Tests durchführen können. Die unsichere Situation aufgrund des Coronavirus könnte überdies zu einer anderen Renndynamik führen, wie Bora-Hansgrohe-Fahrer Michael Schwarzmann sagt: «Aufgrund der Unwägbarkeiten werden wir Radfahrer die Etappen bestreiten, als wäre es jeden Tag die letzte.»

Gino Mäder und Co. hoffen

Lange her: Mäder bei seinem ersten Rennen nach der Corona-Pause, der Polen-Rundfahrt im August.
Lange her: Mäder bei seinem ersten Rennen nach der Corona-Pause, der Polen-Rundfahrt im August.
Foto: Getty Images

Die Vuelta ist das letzte Worldtour-Rennen der Saison. Zahlreiche Fahrer gehen mit einem mulmigen Gefühl an den Start. Nicht weil sie sich vor Corona oder dem herausforderungsreichen Parcours fürchten. Sondern weil sie um ihre Karriere bangen. Die Corona-Krise hat den Profiradsport schwer getroffen. Die Worldtour-Teams CCC und NTT quittieren Ende Jahr ihren Dienst. Viele andere Equipen lassen sich alle Optionen offen und warten ab mit Vertragsverlängerungen und Neuverpflichtungen.

Auch zahlreiche Schweizer Profis leiden unter der Situation, insgesamt sind neun derzeit in der Worldtour engagierte Fahrer noch ohne Vertrag für 2021. An der Vuelta trifft das auf Gino Mäder (im Bild) und Reto Hollenstein zu. Keine ideale Ausgangslage, um wie im Fall von Mäder die allererste Grand Tour zu bestreiten.

1 Kommentar
    ralfkannenberg

    Sehr guter Artikel, eine kleine Anmerkung: die Ausgangslage dürfte für Gino Mäder - und auch für Reto Hollenstein - sogar ganz gut sein, bekommen sie beide doch eine Plattform, auf der sie Werbung in eigener Sache machen können. Das brauchen nicht einmal Etappensiege zu sein - gute Helferdienste sind in der Radsportszene ebenfalls sehr willkommen und das sehen auch andere Teamchefs.