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LangstreckenfliegerNeuer Weltrekord im Nonstop-Flug

Eine Pfuhlschnepfe ist von Alaska nach Neuseeland geflogen – 12’200 Kilometer weit. Noch ausdauernder ist jedoch wohl ein anderer Vogel.

Fliegen extrem weite Strecken ohne Zwischenlandung: Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica).
Fliegen extrem weite Strecken ohne Zwischenlandung: Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica).
Foto: Dominique Halleux (Keystone)

Die knapp taubengrossen Pfuhlschnepfen sind bekannt für ihre enormen Fähigkeiten, riesige Distanzen zu überwinden. Aber nun hat Limosa lapponica einen neuen Weltrekord erreicht. Die von Wissenschaftlern als 4BBRW registrierte männliche Pfuhlschnepfe hatte sich Mitte September in Alaska auf den Weg gemacht und war nach einem Nonstop-Flug neun Tage später in Neuseeland eingetroffen. «Er flog rund 224 Stunden ohne Unterbrechung», sagt der Ornithologe Jesse Conklin vom Global Flyway Network an der Universität Groningen. Das Tier habe rund 12’200 Kilometer ohne Pause zurückgelegt, berichtete Conklin letzten Mittwoch nach Auswertung von Satellitendaten. Es ist der längste jemals gemessene Nonstop-Flug eines Vogels.

Die Forscher konnten den Rekordflug miterleben und genau nachmessen, weil das Tier einen wenige Gramm schweren Sender auf dem Rücken trug, der regelmässig seine Positionsdaten an einen Satelliten sendete. Den hatten ihm Wissenschaftler Ende vergangenen Jahres im gleichen Feuchtgebiet südöstlich von Auckland umgehängt, in dem 4BBRW nun nach seinem Marathonflug gelandet ist, um dort einen milden Winter zu verbringen.

Anhand der Satellitendaten liess sich auch die Zugroute genau nachverfolgen, die der nur wenige Hundert Gramm leichte Vogel nahm. Von Alaska, wo er sich wochenlang im flachen Wattwasser mit Würmern und anderen Weichtieren ein Fettdepot als Treibstoff angefressen hatte, ging es über die Inselgruppe der Aleuten südlich Richtung Pazifik und, vorbei an Hawaii und den Fidschi-Inseln, bis Neuseeland.

Den Weltrekord beschloss die Schnepfe am 27. September mit einer Punktlandung: Der Landeplatz habe nach 12’000 Kilometern über dem Meer weniger als 2000 Meter von der Stelle entfernt gelegen, an der sie im vergangenen Jahr gefangen und mit einem Sender ausgestattet worden sei, berichtet Conklin. Bei dieser Gelegenheit hatte 4BBRW nicht nur einen Satellitensender bekommen: Dem Vogel wurden auch die vier Farbringe um die langen Beine gelegt, die ihn für die Forscher optisch unterscheidbar machen und nach denen er benannt ist: «4-Blau-Blau-Rot-Weiss».

Mit seinem Flug überbietet das Tier den bisherigen Nonstop-Weltrekord um 700 Kilometer. Dieser war 2007 von einem Artgenossen ganz in der Nähe aufgestellt worden. Für den Flug aus dem Yukon-Delta in Alaska nach Neuseeland hatte Pfuhlschnepfe E7 acht Tage benötigt. Insgesamt legen die Vögel pro Jahr allein auf dem Zug von den neuseeländischen Überwinterungs- in die nordamerikanischen Brutgebiete und retour bis zu 30’000 Kilometer zurück, einen grossen Teil davon nonstop. Frühere Auswertungen ergaben, dass sie dabei mit Geschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometern pro Stunde über die Weltmeere fliegen.

Die Weltrekordler kann man aktuell auch in Deutschland beobachten. Bis zu 60’000 Pfuhlschnepfen machen derzeit Rast im Wattenmeer. Die durch Deutschland ziehenden Schnepfen kommen teils aus den skandinavischen Staaten und teils aus den Brutgebieten in der sibirischen Taiga. Skandinavische Pfuhlschnepfen überwintern zum grossen Teil im Wattenmeer, während die Vögel aus Sibirien zumeist nach Westafrika weiterziehen.

Klimawandel zwingt Pfuhlschnepfen zu Verhaltensänderungen

Ganz sorgenfrei ist der Aufenthalt dabei nicht mehr. Denn der Klimawandel zwingt Pfuhlschnepfen wie andere Arten auch zu Verhaltensänderungen. Wegen des immer früher beginnenden Frühlings in der Arktis müssen auch die dort brütenden Vogelarten früher eintreffen, um nicht den Höhepunkt der Insektennahrung für ihre Jungvögel zu verpassen. Deshalb verkürzen sie ihren Aufenthalt im Watt. Niederländische Forscher ermittelten, dass die Rastdauer sich innerhalb der vergangenen 20 Jahre um 16 Prozent verkürzte.

Um trotzdem genügend Nahrung für den Flug zu den arktischen Brutgebieten aufnehmen zu können, müssten die Vögel in kürzerer Zeit mehr fressen. Das wiederum schaffen sie nicht, weil durch Umweltverschmutzung ihre Hauptnahrung Wattwürmer seltener wird. Laut Berechnungen der Forscher brauchten Pfuhlschnepfen Wattwurmdichten, die um mehr als das Doppelte über dem Durchschnitt der vergangenen beiden Jahrzehnte liegen, um die kürzeren Rastzeiten voll auszugleichen. Weil das unrealistisch ist, sterben schon jetzt mehr Vögel auf dem anstrengenden Flug als früher.

Fast zehn Monate ununterbrochen in der Luft: Ein Mauersegler beim Schloss Hegi in Winterthur.
Fast zehn Monate ununterbrochen in der Luft: Ein Mauersegler beim Schloss Hegi in Winterthur.
Foto: Marc Dahinden
Albatrosse landen auf ihren bis zu 15’000 Kilometer langen Flügen höchstens kurz zum Fischfang
Albatrosse landen auf ihren bis zu 15’000 Kilometer langen Flügen höchstens kurz zum Fischfang
Foto: Daniel Peterlunger
Küstenseeschwalben sind extreme Langzieher, machen allerdings Zwischenlandungen
Küstenseeschwalben sind extreme Langzieher, machen allerdings Zwischenlandungen
Foto: Grzimeks Tierleben
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Auch von anderen Vogelarten sind Rekordleistungen bekannt. Die insgesamt – mit Zwischenlandungen – längste Zugstrecke legen Küstenseeschwalben zurück. Nachgewiesen ist ein Zugweg eines Vogels von Grossbritannien in die Antarktis und zurück über 96’000 Kilometer. Besenderte Albatrosse haben 15’000 Kilometer zurückgelegt, bevor sie an Land zurückkehrten. Sie landen zwischendurch jedoch zum Fischfang.

Die vielleicht grössten Flugkünstler aber sind Mauersegler, die fast immer auf Achse sind. Forscher haben nachgewiesen, dass sich die Vögel, die nur zwischen Mai und August zum Brüten bei uns sind, bis zu zehn Monate lang fast ausschliesslich in der Luft aufhalten. Auch bei ihnen gibt es kurze nächtliche Landungen. Zusammengerechnet machen sie aber weniger als ein Prozent der Zeit aus. Die nonstop zurückgelegten Distanzen konnten bislang aber nicht gemessen werden.

17 Kommentare
    Sommerhalder S.

    Das ist ja eine fantastische Leistung! Viele Zugvogelarten sind darauf angewiesen, dass ihnen verschiedene Biotope als Lebensgrundlage erhalten bleiben und das nicht nur im Brutgebiet, sondern auch auf den Zugstrecken, an den Rastplätzen und im Überwinterungsgebiet. Feuchtgebiete spielen hierfür eine besonders wichtige Rolle und davon gibt es immer weniger. Die Landschaft wird nicht nur hier bei uns immer monotoner. Es wird ganz bedenklich eng für so viele Arten und so viele einst alltägliche Gesänge vermisse ich im Frühling.