A Kurz is born

Die Demokratie braucht Helden, um zu überleben. Ist Österreichs Sebastian Kurz nun einer?

Er teilt sein Schicksal mit Popstars: Wenn er nicht mit Qualität auftrumpft, gerät er schnell in Vergessenheit. Sebastian Kurz im September (Archivbild). Foto: Michael Gruber (Getty)

Er teilt sein Schicksal mit Popstars: Wenn er nicht mit Qualität auftrumpft, gerät er schnell in Vergessenheit. Sebastian Kurz im September (Archivbild). Foto: Michael Gruber (Getty)

Vielleicht ist Sebastian Kurz ja nun stolz auf sich: dass er ein Rezept gefunden hat, wie man sowohl etablierte demokratische Konkurrenten als auch Populisten deklassiert. Kurz, gerade mit der Regierungsbildung beauftragt und bald wieder Kanzler in Österreich, hat in der Wahl zwar auch von eigenem Geschick profitiert; daraus lassen sich Lehren ziehen. Vor allem jedoch verdankt sich sein Erfolg dem Ungeschick anderer. Was Mobilisierung betrifft, waren die Grünen weitaus erfolgreicher: Sie haben ihre Stimmen mehr als verdreifacht.

Es geht nun nicht darum, diesem Wahlsieger seine Fähigkeiten abzustreiten. Nur schadet es womöglich nicht, einer Verklärung zeitig entgegenzuwirken. A Kurz is born? Abwarten. Demokratien brauchen Helden, schreibt der Philosoph Dieter Thomä, das ist gewiss richtig. In Demokratien sind Politiker vonnöten, an denen man sich orientieren kann. Soweit die Bürger jedoch Wahlkämpfer als Helden betrachten, neigen sie dazu, diese mit Erwartungen in einem Ausmass zu belegen, die später nur ent-täuscht werden können, im Wortsinne. Obama erwies sich als leidlich guter Handwerker, mehr nicht. Macron hat im Amt handwerklich sonderbare Fehler gemacht. Kurz hat in Österreich bisher eigentlich nur eins geliefert: einen zweijährigen Rodeo-Ritt mit den Hetzern von der FPÖ. Dass die nun so zerrupft sind, dazu hat er selbst am wenigsten beigetragen.

Es ist nun mal so, dass viele Bürger die Verantwortung fürs Land bei dem deponieren, der ihnen irgendwie ein gutes Bauchgefühl gibt.

Das im handwerklichen Sinn Faszinierende an Kurz ist: Trotz bislang ­bescheidener Bilanz ist er derjenige Politiker in Österreich mit der grössten Strahlkraft. Ist eine Kamera an, tritt er freundlich und gut gelaunt auf; der Autor Daniel Dettling attestiert ihm drei Fähigkeiten, deren Bedeutung immens ist: Gelassenheit in Sprache und Auftritt, moderierende Tonalität sowie Zuversicht. Es gelingt Kurz, auf Facebook und Instagram eine Parallelwirklichkeit so zu installieren, dass ihm eine Aktenschredder-Affäre absolut gar nichts anhaben kann.

Dass er inhaltlich schwer zu fassen ist? Darauf kommt es bei Politikern eh nicht zwingend an – zumal Ideologien kaum noch von Belang und die ­Probleme so unübersichtlich sind. Es ist nun mal so, dass viele Bürger die Politik nur höchst nebenbei verfolgen, es sich lieber übersichtlich machen: indem sie die Verantwortung fürs Land bei dem oder denen deponieren, die ihnen irgendwie ein gutes Bauchgefühl verschaffen.

Immer öfter gelingt dies Personen, die Popstar-Qualität zeigen: die entweder eine etablierte Partei ummodeln (wie Kurz die ÖVP) oder die gleich eine auf sich bezogene Organisation gründen (wie Macron mit La République en Marche). Hauptsache, sie können behaupten, Politik «anders» zu machen, weil sie mit Recht annehmen, dass der Zeitgeist das gern hört. Mitunter handelt es sich bei den Erfolg­reichen aber auch nach wie vor um eine Gruppe durchgängig akzeptierter Personen, die von einer derzeit mächtigen Idee und ebenfalls dem Zeitgeist getragen werden, wie die Grünen.

Sebastian Kurz hat bisher vor allem Bühnenqualität bewiesen. Will er länger unterwegs sein, müsste nun die Werkstattqualität hinzutreten.

Die Frage, ob der Popstar oder die Altmodischen wünschenswerter sind, hätte etwas Bevormundendes. Viel interessanter ist eine andere: Wie gelingt es heute manchen Personen oder Gruppen, ihre Wählerschaft zu halten oder auszubauen, die Stimmen von Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgefühlen einzusammeln?

Macron ist dies gelungen, Kurz immerhin teilweise. In Deutschland war Angela Merkel damit erfolgreich, und Winfried Kretschmann könnte dies weiterhin sein. Der grüne Minister­präsident von Baden-Württemberg nennt sein Prinzip «Politik des Und». Menschen nehmen immer an, sich entscheiden zu müssen: zwischen Ökonomie oder Ökologie, Heimat oder offener Gesellschaft, Bewahren oder Gestalten. Kretschmann hingegen sagt, es komme auf beides an: «Die Idee des wertgebundenen Gestaltens ist die konservative Idee unserer Zeit.» So strahlt er weit über sein ursprüngliches Milieu hinaus.

Die These ist nicht allzu gewagt, dass die Orientierung an Personen eher zu- als abnehmen wird. Wer sich darstellen kann, wer in seinem ­Handeln eine Art höhere Erzählung erkennen lässt und über längere Zeit im Gespräch, aber nie im Gerede ist, der (oder die) bedient das Bedürfnis nach Übersichtlichkeit. Sebastian Kurz hat bisher vor allem Bühnenqualität bewiesen. Will er länger unterwegs sein, müsste nun die Werkstattqualität hinzutreten. Oder die Leute wenden sich in ein paar Jahren dem nächsten Popstar zu, und Kurz kommt in den Medien nur noch in den Rubriken vor, die «Was macht eigentlich ...?» heissen.

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