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Cyborgs und Trolle

Mit dem zweiteiligen Tanzabend «Kontraste» beweist das Ballettensemble von Konzert Theater Bern seine Vielfalt und eine gehörige Portion Spiellust und Humor.

Helen Lagger
Mechanische Bewegungen auf puristischer Bühne im ersten Teil des Abends.
Mechanische Bewegungen auf puristischer Bühne im ersten Teil des Abends.
Gregory Batardon

Was ist, kann, muss, darf Tanz heutzutage sein? Estefania Miranda, Tanzdirektorin am Konzert Theater Bern, hat sich diese Frage gestellt und einen zweiteiligen Tanzabend geschnürt, der eine ganze Bandbreite von Antworten liefert. Mit der israelischen Choreografin Sharon Eyal und dem Norweger Jo Stromgren hat sie zwei vielversprechende Kunstschaffende eingeladen, die ihre Stücke mit dem hiesigen Ensemble als Schweizer Erstaufführungen präsentieren.

Eyal begeisterte das Berner Publikum bereits in der Dampfzentrale, anlässlich des Festivals «Tanz in Bern», mit ihrem Stück «OCD Love». Ihr typischer Stil kommt auch in «Lost Cause» zum Tragen: Ihre Stücke, die sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Multimediaevent-Designer Gai Behar erarbeitet, sind von der Clubkultur geprägt. Hypnotische Beats von DJ Ori Lichtik, einem Technopionier Israels, erzeugen eine reizvolle Sogwirkung. Auch typisch Eyal ist das sogenannte «relevé», bei dem der Fuss auf die halbe Spitze erhoben wird.

In Bern lässt sie das Ensemble in knallengen, mit goldenen Elementen versehenen Kostümen (Maayan Goldman) auftreten. Die Fingerspitzen der Tänzerinnen und Tänzer sind grün, als hätten sie die Hände in einen Eimer Farbe getaucht. Cyborgs? Moderne Wilde? Auf Zehenspitzen und mit mechanischen Bewegungen bilden die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne eine Karawane. Symmetrische Verdoppelungen und grosse Gesten werden in den Raum gezaubert. Mal werden die Performenden zu Reptilien, die ihre Zunge staccatoartig herausstrecken, mal wirken sie wie Bergsteiger, die sich an einem Seil voranhangeln.

«Salve Regina»

Die holländische Tänzerin Marieke Monquil sticht als die das Stück Eröffnende zwar etwas aus der Masse der Cyborgs heraus, doch eigentliche Charaktere gibt es in Eyals Stück nicht. Die Bühne bleibt leer, und Requisiten gibt es keine. Den im Titel angekündigten Kontrast dazu liefert das zweite Stück des norwegischen Choreografen Jo Stromgren. Ein grosser, pastellfarbener Vorhang schmückt die Bühne.

Mal wirken die Tanzenden wie Reptilien, die ihre Zunge staccatoartig heraus­strecken, mal wie Bergsteiger, die sich an einem Seil voranhangeln.

Wie freche Trolle in einem nostalgischen Kasperlitheater hüpfen die Tänzerinnen und Tänzer ins Blickfeld des Publikums, um gleich wieder hinter dem Vorhang zu verschwinden. «Salve Regina» lautet der Titel dieses fellinesken Reigens, bei dem das musikalische Spektrum von Monteverdi über barocke Klänge von Scarlatti oder Vivaldi bis hin zu zeitgenössischem Sound von Jorgen Knudsen reicht. Fantastische, von der Renaissance inspirierte Kostüme (Bregje van Balen) machen aus den Tänzerinnen und Tänzern Typen mit verschiedenen Eigenschaften: Ein aggressiver Verkünder von Neuigkeiten (Winston Ricardo Arnon) trifft auf eine zartbesaitete Todgeweihte (Nozomi Matsuoka), die später wieder zum Leben erwacht.

Sieben Figuren auf ihrer Suche nach Trost werden gezeigt. Zum Marienlied «Salve Regina» hängen sie Ikonen auf, schwenken Weihrauch und hantieren mit Kruzifixen. Es sind schwülstige und groteske Bilder, die dabei entstehen. Das Ensemble beweist Spiellust und Humor. Tanz wird hier zum Zirkus mit vielen theatralen Mitteln. Zitate aus der Kunstgeschichte glaubt man zu erkennen: Die berühmte «Venus vor dem Spiegel» (1648–1651) von Diego Velázquez oder «Die Freiheit führt das Volk» (1830) von Eugène Delacroix könnten für die eine oder andere Szene Pate gestanden haben. Ob Minimalismus oder Schwulst – das Ensemble meistert an diesem Abend beides mit Bravour.

Nächste Vorstellung: So 17.2., 18 Uhr, Vidmar 1. www.konzertheaterbern.ch

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