Der Gründervater und die amerikanischen Heucheleien

Sie war Thomas Jeffersons Geliebte und seine Sklavin. Jetzt tritt Sally Hemings aus dem Dunkel der Geschichte.

Thomas Jefferson, Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, besass hunderte versklavter Afroamerikaner. Bild: Rembrandt Peale

Thomas Jefferson, Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, besass hunderte versklavter Afroamerikaner. Bild: Rembrandt Peale

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Das Drama an der amerikanischen Grenze zu Mexiko, wo US-Einwanderungsbehörden die Kinder illegaler Migranten von den Eltern trennen, hat zu einem internationalen Aufschrei geführt. Selten seien amerikanische Ideale so direkt verletzt worden, lautet der Befund.

Heuchelei aber war immer schon ein fester Bestandteil des Amerikanismus. Und selten wurde sie eindringlicher demonstriert als am vergangenen Wochenende: Nach bald zweieinhalb Jahrhunderten betretenem Schweigen widmet die Thomas-Jefferson-Stiftung auf der Plantage des grossen Gründervaters seiner Geliebten eine Ausstellung. Sally Hemings aber war nicht nur die Mutter von vier Kindern Jeffersons. Sie war seine Sklavin.

Der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung hatte zwar alle Menschen für frei und gleich erklärt, besass aber hunderte versklavter Afroamerikaner auf seinem Landsitz Monticello in Charlottesville in Virginia. Das Problem der Sklaverei sprach Jefferson mehrmals an, zu weit nach vorne wagen aber wollte er sich nicht. «Mr. Jefferson besass nicht den Geist eines Märtyrers», beschrieb spöttisch Präsident John Quincy Adams in seinen Memoiren das Dilemma des Freiheitshelden.

Als 16-Jährige geschwängert

Schon zu seinen Lebzeiten waren Gerüchte über Jeffersons Liaison mit Hemings im Umlauf, sein Doppelleben aber wurde erst Jahrhunderte später belegt: Nachdem die Historikerin Annette Gordon-Reed eine bahnbrechende Studie über das ungleiche Paar veröffentlicht hatte, ergab eine DNS-Analyse 1998, dass Jefferson zumindest eines, wahrscheinlich aber alle Kinder von Sally Hemings gezeugt hatte.

Hemings war als Baby und Tochter einer Sklavin nach Monticello gekommen. Sie war die Halbschwester von Jeffersons verstorbener Frau Martha und begleitete den Sklavenhalter nach Paris, wo Jefferson die USA als Diplomat vertrat. 1789 habe Jefferson, damals 45, die 16-Jährige zur Geliebten genommen und geschwängert, schrieb Madison Hemings, ein Sohn von Hemings und Jefferson, 1873 in seinen in einer Zeitung in Ohio publizierten Memoiren.

Kaum jemand glaubte ihm, jetzt aber ist das Leben seiner Mutter an Hand der Beschreibungen des Sohns auf Monticello rekonstruiert worden. Und Zweifel an der Beziehung gibt es keine mehr. Laut Madison Hemings handelte seine Mutter in Paris einen Deal mit Jefferson aus: Anstatt in der französischen Hauptstadt zu bleiben und die Freiheit zu gewinnen, ginge sie mit Jefferson zurück nach Virginia – wenn er ihre Kinder aus der Sklaverei entliesse.

Jahrhunderte der Verleugnung

Jefferson hielt sein Versprechen, doch bleibt ungeklärt, welche Beziehung die beiden hatten. Sally Hemings war Jeffersons Eigentum, er konnte nach Belieben mit ihr verfahren. War das Verhältnis des Paars von Zuneigung bestimmt? Vergewaltigte Jefferson die junge Frau in Paris? Madison Hemings schilderte eine fast normale Beziehung, er sprach von «Mutter» und «Vater». Jefferson sei den Kindern gegenüber stets freundlich, aber emotional distanziert gewesen.

Nach Jahrhunderten der Verleugnung tritt Sally Hemings jetzt aus dem Dunkel der Geschichte – und beleuchtet die amerikanische Ursünde: Wärend die Gründerväter 1776 die Freiheit feierten, lebten und schufteten Millionen versklavter Afrikaner im amerikanischen Süden als Eigentum ihrer Besitzer.

Auch heute kollidieren an der mexikanischen Grenze amerikanische Ideale mit amerikanischer Realität. Dass Sally Hemings nun zu einer greifbaren historischen Gestalt aufgewertet wurde, bestätigt indes die Sicht Barack Obamas: Das grosse amerikanische Projekt bewege sich voran, auch wenn es von Rückschlägen geplagt werde. Letztendlich wird auch die Präsidentschaft Donald Trumps daran nichts ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2018, 20:40 Uhr

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