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Der lange Weg des Daniel João Paulo

Beobachtungen rund um den YB-Stürmer und seinen Penalty, der 2006 den Cupfinal entschied.

Der damalige YB-Trainer Gernot Rohr tröstet «Sündenbock» João Paulo. Foto: Keystone
Der damalige YB-Trainer Gernot Rohr tröstet «Sündenbock» João Paulo. Foto: Keystone

Dieser Artikel ist erstmals am 18. April 2006 in der Berner Zeitung erschienen.

Um vier Uhr morgens am Freitag letzter Woche, der Cupfinal war noch weit weg, war das Stade de Suisse hell erleuchtet. Die Scheinwerfer waren eingeschaltet und das reflektierende Licht strahlte in den Nachthimmel, als müsste es Ausserirdischen den Weg weisen. Es war kein Konzert, man hörte nichts, auch ein Spiel war nicht angesagt, weshalb einem die Szenerie etwas gespenstisch vorkam.

Jetzt, im Stade de Suisse, fragt man sich, was wohl im Kopf von João Paulo vor sich geht. 120 Minuten sind gespielt, der FC Sion führt im Penaltyschiessen 1:0, und der Brasilianer hat den ersten Versuch für YB. Er geht von der Mittellinie hin zum Penaltypunkt, im Rücken pfeifen die Sittener Fans, er geht bedächtig, als hätte er das schon tausend Mal gemacht. Ist es möglich, dass er es war, der vor einer Woche die Scheinwerfer einschaltete? Dass er damals probehalber von der Mittellinie zum Penaltypunkt lief und sich vorstellte, wie es wäre, müsste er den Weg am Ostermontag wieder gehen?

Eine entschlossene YB-Mannschaft vor dem Anpfiff: Mit João Paulo (vorne rechts), ohne Hakan Yakin (erst in der Verlängerung eingewechselt). Foto: Keystone
Eine entschlossene YB-Mannschaft vor dem Anpfiff: Mit João Paulo (vorne rechts), ohne Hakan Yakin (erst in der Verlängerung eingewechselt). Foto: Keystone

Der Ostermontag, der das Ende darstellt der katholischen Tradition der (verlängerten) Fastenzeit, ist ein Tag der sportlichen Wettkämpfe, der rituellen Feiern – und des Gehens. Seit 1720 ist in Bern der Ostermontagsumzug nachweisbar, bei dem die Magistraten einst vom Münster ins Rathaus zogen und die Handwerker der Küfer und der Metzger Umzüge durch die Stadt veranstalteten.

João Paulo ist kein Magistrat und schon gar kein Handwerker, João Paulo, sein Vorname ist Daniel, João Paulo ist Fussballer mit Leib und Seele. Von der Tradition des Ostermontagsumzugs weiss er nichts, und trotzdem dreht sich in diesem Moment alles um das Gehen, um den Gang von der Mittellinie zum Penaltypunkt.

Es ist ein langer Weg, viel länger als sonst, denn es geht um den Sieg im Cupfinal zwischen YB und Sion. Die Berner Entourage steht geschlossen an der Seitenlinie, jene der Walliser auch, bis auf Christian Constantin. Der Präsident hat sich einige Meter vor seiner Mannschaft postiert und zementiert den Eindruck, den man von ihm hat: Er ist ein Patron, er ist der Chef, er hat das Sagen. Er ist es, der sich von seinen Spielern einkreisen lässt vor dem Penaltyschiessen und ihnen den Wert eines Sieges verdeutlicht, er ist es auch, der sich persönlich an den Schiedsrichter wendet, wenn er mit etwas nicht zufrieden ist. Nicht der Trainer, in beiden Fällen nicht.

Anspannung pur, auch beim Präsidenten: Christian Constantin während des Penaltyschiessens. Foto: Keystone
Anspannung pur, auch beim Präsidenten: Christian Constantin während des Penaltyschiessens. Foto: Keystone

Derweil sich diese Erinnerungen vor dem inneren Auge abspielen, derweil ist João Paulo am Penaltypunkt angelangt. Es ist ein schweres Gewicht, das auf ihm lastet - und wäre die Ewige Wiederkehr, dies als Exkurs, nicht ein Mythos und nicht lediglich eine Theorie Friedrich Nietzsches, würde sich also jede Sekunde des Lebens unendliche Male wiederholen, es wäre «das schwerste Gewicht» (Nietzsche) überhaupt, das Daniel João Paulo in diesem Moment bedrückte und das ihn je bedrückt hätte.

So aber ist es nur ein Penalty in einem Cupfinal, von dem es bereits deren 80 gab und von dem es im nächsten Jahr auch eine 82. Ausgabe geben wird. Es ist unwahrscheinlich, dass João Paulo Gedanken an die Ewige Wiederkehr verschwendet, aber irgendwann wird er froh sein, dass Nietzsche nur ein Philosoph war und kein Physiker. Es gibt sie nicht, die Ewige Wiederkehr.

Der Schuss von João Paulo geht an die Latte.

Der Versuch des YB-Stürmers aus elf Metern geht ans Gestänge. Foto: Andreas Blatter
Der Versuch des YB-Stürmers aus elf Metern geht ans Gestänge. Foto: Andreas Blatter

Es ist dies der einzige Penalty, der an diesem Nachmittag danebengeht. Sion gewinnt, YB verliert, und wenn man so will, ist João Paulo der Sündenbock. Weil alles vergänglich ist in dieser Welt, dies auf Grund des Nichtvorhandenseins der Wiederkehr, weil alles von vornherein verziehen ist, wird João Paulo darüber hinweg kommen und auch Bern. Die Stadt, die wieder nicht Cupsieger ist, wird sich irgendwann, im Abendrot und im verführerischen Licht der Nostalgie, an diesen Final erinnern und an diesen Nachmittag im April des Jahres 2006, an dem ein Traum nicht in Erfüllung ging. Wird sie das?

Die Fans sind sauer, das verrät ein Blick auf das YB-Forum im Internet bereits einige Minuten nach dem Spiel. Sie fordern den Rauswurf des Trainers, sie wollten Hakan Yakin länger spielen sehen, sie wollten den Sieg.

Irgendwann, wenn sie sich alte Zeitungen anschauen, Fotoalben, Spielaufzeichnungen, wenn sie ihren Grosskindern vom Cupfinal 2006 erzählen, werden sie sich an das schöne Wetter erinnern, an das Sittener Fahnenmeer (ja!), an die Sonne, die ab und zu hervorlugte. Irgendwann vergeht aller Ärger.

Hoffentlich.

Am Ende durften im Stadion in Bern die Walliser jubeln. Foto: Keystone
Am Ende durften im Stadion in Bern die Walliser jubeln. Foto: Keystone

Übrigens: Weshalb das sonderbare Licht mitten in der Nacht das ganze Stade de Suisse erhellte, blieb ein Geheimnis und wird es wohl immer bleiben.

Und: Der christliche Ostermontagsumzug, einst für lange Zeit eine Berner Tradition, ist inzwischen im Wallis weit verbreitet.

(Aufbereitet: mb)

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