Der Velorowdy ist ein Fabelwesen

Dass viele Velofahrer Gesetze missachten, ist eine unbelegte Behauptung. Die grösste Gefahr im Verkehr geht vom Auto aus.

Velofahrer wirken gefährlicher, als sie sind. Foto: Urs Jaudas

Velofahrer wirken gefährlicher, als sie sind. Foto: Urs Jaudas

Beat Metzler@tagesanzeiger

Velorowdys, so heisst es, sind die Plage der Strassen; Rüpel auf zwei Rädern, die Trottoirs als Rennstrecke nutzen und bei jedem Rotlicht durchtreten – eine Gefahr für alle Rechtschaffenen, unbehelligt durch die Polizei.

Die angebliche Verrohung unter Velofahrern dient oft als Argument für härteres Durchgreifen. Schon 2005 klagte ein Stadtzürcher FDP-Gemeinderat über «unbestrittenes Rowdytum» und verlangte die Bildung einer polizeilichen Velostaffel. Kürzlich forderte SVP-Nationalrat Gregor Rutz strengere Strafen für Velofahrer. Diese würden regelmässig Verkehrsregeln brechen. Ohne dafür zu zahlen.

Die Geschichte klingt gut. Doch niemand kann sie beweisen. Keine Statistik belegt, dass Velofahrer häufiger sündigen als andere Verkehrsteilnehmerinnen. Das hat auch methodische Gründe. Velofahrende lassen sich nicht so leicht büssen, weil sie keine Nummer haben. Es ist schwierig, eine Statistik zu erstellen über Regelbrüche, die niemand erfasst hat. So bleibt der Velorowdy ein Fabelwesen. Berühmt, aber unbelegt.

Regelverstösse von Autofahrerinnen sind viel folgenreicher

Eine andere, mindestens so entscheidende Frage lässt sich hingegen beantworten: Welche Gefahr bedeuten Velofahrer für andere Verkehrsteilnehmer? Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat für den «Tages-Anzeiger» die Schweizer Unfallzahlen der letzten fünf Jahre nach diesem Kriterium ausgewertet. Durchschnittlich lösten Velofahrer (E-Bikes mit eingerechnet) zwischen 2014 bis 2018 pro Jahr 108 Unfälle aus (als Hauptverursacher), bei denen sie Fussgänger verletzten. Im Durchschnitt sind Velofahrer schuld an 1,6 toten Fussgängern pro Jahr und 26,4 Schwerverletzten. Velofahrerinnen gefährden sich auch untereinander. In 101 Unfällen pro Jahr verletzten sie sich gegenseitig, pro Jahr starb ein Velofahrer wegen eines anderen Velofahrers. Autofahrer haben hingegen kaum etwas zu befürchten durch Velos.

Das klingt brutal. Aber wer auf den Schweizer Strassen unversehrt bleiben möchte, sollte nicht auf Velos achtgeben. Die Hauptgefahr geht vom Auto aus. Zwischen 2014 und 2018 verursachten Personenwagen 1086 Unfälle pro Jahr, bei denen Fussgänger zu Schaden kamen. 20 davon starben im Mittel, 275 wurden schwer verletzt. Auch viele Velofahrer kamen unter die Autoräder: 1411-mal pro Jahr verletzten Autofahrer als Unfallverursacher Velofahrerinnen. Rund fünf Velofahrer pro Jahr starben durch das Fehlverhalten von Autofahrern, 262 erlitten schwere Verletzungen. Auch für Autofahrer bergen andere Autos das bei weitem grösste Risiko, zwischen Autos kam es jährlich zu 1948 Unfällen mit Verletzten, 7,4 endeten tödlich.

Das Auto stellt also eine um ein Vielfaches grössere Bedrohung dar als das Velo. Dies bedeutet nicht, dass sich Autofahrerinnen öfter danebenbenehmen als Velofahrer. Aber ihr Fehlverhalten hat schlimmere Folgen. Autorowdys sind tödlich. Velorowdys wirken unheilvoller, als sie in Wirklichkeit sind.

Mit neuen Verkehrsregeln ist niemandem gedient, wenn sie keine Leben retten

In der Stadt Zürich, das zeigen Zahlen der Dienstabteilung Verkehr, verletzen sich bei 84 Prozent aller Velounfälle die Verantwortlichen selber. Fussgängerinnen oder andere Velofahrer schädigten sie in gerade jedem sechsten Zusammenstoss. Die Zahl der verunfallten Velofahrer ist in der Stadt während der letzten sechs Jahre um 84 Prozent hochgesprungen. Fussgängern und Autofahrern geschieht hingegen seltener etwas. Wenn Velofahrer ein Risiko darstellen, dann vor allem für sich selber.

Die Fabel der sich schnell vermehrenden, Fussgänger killenden Velorowdys hält sich trotz allem hartnäckig. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen schon einmal eine Velofahrerin beobachtet, die auf dem Trottoir herumkurvte. Und unbestritten gibt es Radfahrer, die das Einhalten von Verkehrsregeln als freiwillig erachten. Solche Rücksichtslosigkeit nervt. Sie erklärt sich aber auch daraus, dass an entscheidenden Stellen in vielen Städten die Velospuren fehlen. Der Schlenker aufs Trottoir bietet sich an. Denn die Autos sind stärker. Das zeigen die Unfallzahlen.

Der Zweck neuer Verkehrsregeln sollte vor allem darin liegen, möglichst viele Menschenleben zu retten. In diesem Sinne muss man noch lange bei den Autos ansetzen, bevor man sich die Velofahrer vornimmt. Alles andere ist nutzloses Disziplinieren, gesetzgeberisches Rowdytum.

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