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«Die Geburtenabteilung wird nicht geschlossen. Wir wollen ausbauen»

LangenthalSpitaldirektor Andreas Kohli stellt sich der Kritik und erklärt, warum Stellen abgebaut werden. Ganze Abteilungen würden aber nicht geschlossen, sagt er. Im Gegenteil: Das Angebot wird trotz Spardruck noch grösser.

Herr Kohli, es war nicht einfach, mit Ihnen einen Termin zu vereinbaren. Stehen Sie derzeit unter Druck?

Andreas Kohli: Ja. Das ist richtig.

Hängt das mit dem Stellenabbau der Spital Region Oberaargau (SRO) in Langenthal zusammen?

Ja, auch. Wobei dieser Schritt in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden muss.

Wie meinen Sie das?

Ab 2012 gilt die neue Spitalfinanzierung. Dann können sich Spitäler nur noch über die Fallkostenpauschalen, die sogenannte Base Rate, finanzieren. Gleichzeitig verlieren wir den Finanzierungsschutz des Kantons.

Wie gross war dieser Schutz?

Für uns machte dies pro Jahr zwischen 3,5 bis 5 Millionen Franken aus. Insgesamt müssen wir nächstes Jahr bis zu 6 Millionen sparen. Einen Teil davon haben wir mit der Schliessung des Spitals Niederbipp erreicht. Die Reduktion von Stellen in Langenthal kommt nun dazu. Und in einem öffentlichen Spital betreffen nun einmal 70 Prozent der Betriebskosten das Personal. Deswegen ist hier der Spareffekt gross. Das klingt hart, ist aber so.

2010 war das erste Jahr, das die SRO mit Verlust abschloss.

Ja. Derzeit erbringen wir unsere Leistungen zu teuer. Zudem gab es in Abteilungen wie der Orthopädie in den vergangenen Jahren viele Wechsel. Dadurch sanken die Patientenzahlen. Das müssen wir korrigieren, aber das geht nicht von heute auf morgen. Ich darf zum Glück aber auch sagen, dass unsere Leistungen stimmen. Das zeigen die Befragungen der Patienten.

Das Spitalwesen ist hart. Stehen weitere Entlassungen an?

Wir gehen davon aus, dass wir uns nach dem jetzigen Abbau mit unseren Fallkosten im Mittelfeld aller bernischen Spitäler bewegen. So sollten wir ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Aber alles hängt mit der Fallkostenpauschale zusammen. Sinkt diese, müssen wir die Kosten abermals reduzieren. Schon jetzt ist das Sparen schmerzhaft. Geht es weiter, wird es sehr hart.

Wie viele Angestellte erhalten nun definitiv die Kündigung?

30 Personen. Insgesamt sind 40 Angestellte betroffen. Den Rest der Abgänge regeln wird über Fluktuationen. Aber Angestellte, die kurz vor der Pensionierung stehen, werden natürlich nicht entlassen. Wir schauen immer den Einzelfall an.

Sind auch Ärzte betroffen?

Von den Kündigungen nicht. Aber wir bieten nun weniger Stellen an für Assistenzärzte. Und wir nehmen bei den Arzthonoraren Anpassungen vor.

Die Betriebskommission des Spitals fordert einen Sozialplan.

Wir haben beschlossen, dass wir den Sozialplan für den Standort Langenthal vollumfänglich umsetzen. Und sollte der Kanton bei der Finanzierung nicht mithelfen, werfen wir die 2,5 Millionen Franken aus eigener Kraft auf. Dazu fühlen wir uns verpflichtet.

Der Abbau soll bis Ende Jahr

erfolgen. Warum so schnell?

Wie gesagt, im Hinblick auf die neue Spitalfinanzierung 2012 müssen wir Kosten reduzieren.

Dass die Spitalfinanzierung 2012 kommt, ist seit Jahren bekannt.

Das stimmt. Aber Sie müssen auch sehen, dass ich erst seit etwas mehr als einem Jahr Spitaldirektor der SRO bin. In der zweiten Hälfte 2010 bis diesen Frühling waren wir absorbiert wegen der Schliessung des Spitals Niederbipp. Danach haben wir Budgets erstellt und Geschäftsabschlüsse analysiert. Anfang 2011 wussten wir, wo wir stehen.

Man hätte also früher reagieren müssen?

Ja. Ich bin der Meinung, dass der Stellenabbau früher hätte durchgeführt werden müssen.

Wie wird der Stellenabbau im Spitalalltag bewerkstelligt?

Wir müssen die Prozesse und Arbeitsabläufe hinterfragen. Da gibt es sicher zusätzliches Optimierungspotenzial.

Ein Abbau von ganzen Abteilungen ist kein Thema?

Im Gegenteil. Wir wollen ausbauen. Das funktioniert auch gut, zum Beispiel mit der neuen Wirbelsäulenchirurgie. Wir möchten auch neue Belegärzte anziehen, die bei uns operieren. So erhöhen wir die Patientenzahlen.

Es heisst, die Geburtenabteilung stehe auf der Kippe.

Nein, das ist kein Thema. Und ein Regionalspital ohne Geburtenabteilung kann ich mir nur schwer vorstellen. Eine solche Abteilung ist ein starkes Identifikationselement für die Region. Aber letztlich entscheiden hier die Patientenzahlen. Geburten sind sehr aufwändig, und es braucht viel Personal. Von einer Schliessung zu reden, ist sehr radikal. Zwischen Optimieren und Schliessen gibt es noch Abstufungen.

Aber die Fallzahlen in der Geburtenabteilung sinken.

Aktuell haben wir zwischen 550 und 600 Geburten pro Jahr. Diese Zahlen sind stabil. Wollten wird die Abteilung kostendeckend betreiben, bräuchten wir zwischen 800 und 850 Geburten, pro Jahr. Das ist kein Geheimnis.

Die Abteilung wird also gewissermassen mitgeschleppt?

Das kann man so nicht sagen. Die Notfallabteilung rentiert ja auch nicht. Trotzdem brauchen wir sie. Wir erfüllen schliesslich einen Versorgungsauftrag. Man muss immer das Ganze im Blick behalten. Wir können nicht sagen: «Die Abteilung schreibt rote Zahlen, also schliessen wir sie.»

Mit der Schliessung des Spitals Niederbipp kam es bereits zum Stellenabbau. Nun müssen Sie erneut Personal entlassen. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Das ist alles andere als einfach. Werden Stellen abgebaut, nimmt man den Leuten etwas weg, statt dass man ihnen etwas gibt.

Beschäftigt Sie der Stellenabbau auch privat?

Klar, ich werde oft angesprochen. Als Leiter eines Regionalspitals stehe ich gewissermassen im Fokus. Aber ich kann mich glücklicherweise gut abgrenzen.

Sie sparen, gleichzeitig investieren Sie: Und zwar 75 Millionen in den Aus- und Umbau des Spitals. Eine spezielle Kombination.

Ich verstehe die Frage. Ich sehe die Investition als Riesenchance. Der Ausbau ist eine Grundlage, um Arbeitsprozesse schlanker gestalten zu können. Mit einer modernen Infrastruktur wird das Spital attraktiver für Ärzte und Personal, was den Standort aufwertet. Aber ich gebe zu, es wäre schöner, wenn ich mit ausgeglichenen Zahlen in das Projekt einsteigen könnte.

Apropos Zahlen: Wie geht es der Pensionskasse der SRO?

Schauen Sie die Finanzmärkte an. Das ist kein lustiges Thema. Bei unserer Pensionskasse haben wir eine Unterdeckung.

Das heisst?

Im letzten Jahr haben wir beschlossen, die Kasse zu sanieren. Der jährliche Sanierungsbeitrag beträgt rund 2 Millionen Franken. Der Betrag wird aufgeteilt: 1,5 Prozent übernehmen die Arbeitnehmer, 3,5 Prozent übernimmt der Arbeitgeber.

Sie sind nun seit etwas mehr als einem Jahr Spitaldirektor. Haben Sie Ihren Wechsel nie bereut?

Überhaupt nicht. Meine Arbeit ist hochinteressant. Fürs Pendeln vom meinem Wohnort Aarwangen brauche ich pro Weg bloss drei bis vier Minuten. Bisher habe ich in Zürich und Bern gearbeitet. Es ist schön, nun für meine Region etwas zu machen. Natürlich, gelegentlich ist meine Arbeit auch schwer. So wie jetzt mit dem Stellenabbau. Aber ich spüre schon auch viel Verständnis für diesen Schritt.

Andreas Kohli (49) ist seit Juli 2010 Direktor der Spital Region Oberaargau. Der Agrarökonom arbeitet seit 1999 im Spitalwesen. Bis 2009 leitete er die Berner Spitäler Salem und Permanence. Kohli wohnt mit seiner Familie in Aarwangen.

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