Ein getanztes Gemälde zum Schluss

Das Festival «Tanz in Bern» in der Dampfzentrale endete mit dem Beitrag von Sir Richard Alston in klassisch moderner Schönheit.

Tanzen in Farben der Toskana: «Voices and Light Footsteps» von Sir Richard Alston.

Tanzen in Farben der Toskana: «Voices and Light Footsteps» von Sir Richard Alston.

(Bild: PD)

Helen Lagger@FuxHelen

Er sass als Siebenjähriger in einer schicken Privatschule neben dem gleichaltrigen Prinz Charles und sollte, wenn es nach seiner Mutter ginge, eine Karriere in der Navy machen.

Doch Richard Alston wollte tanzen und wurde einer der bekanntesten Choreografen Grossbritanniens. Dass der 71- Jährige dieses Jahr von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, hätte seine Mutter wohl gefreut.

Sir Richard Alston, wie er fortan heisst, findet den Titel wichtig für seine Gilde. Bedauern tut er hingegen, dass er seine eigene Company, die 1994 gegründete Richard Alston Dance Company, im März schliessen muss. The Art Council of England verteile das Geld neu und setze fortan auf jüngere Talente, so der Brite.

Zurzeit zieht die Company mit einer «Final Edition» durch die Welt. Mit drei von Alston selbst choreografierten Stücken und einem Stück seines «Associate Choreographers» Martin Lawrance lieferte die Company einen fulminanten Abschluss des Festivals «Tanz in Bern», das am Sonntag mit einem Brunch und einem Konzert in der Dampfzentrale endete.

Anneli Binder, die künstlerische Leiterin des Festivals war – vor langer Zeit, wie sie selbst sagt – Tänzerin in der Company von Alston gewesen. «Ich bin sehr gerührt, dass sie mich eingeladen hat», sagt Alston dazu. Ihn selbst prägte der US-amerikanische Choreograf Merce Cunningham (1919-2009), bekannt für seine innovativen Tanz-Experimente.

Doch während Cunningham Musik und Tanz unabhängig voneinander verstand, geht Alston bei seinen Choreografien stehts von der Musik aus. Sein in der Dampfzentrale gezeigtes, mit vier Tänzerinnen und fünf Tänzern besetztes Stück «Voices and Light Footsteps» (2019) ist so klassisch schön, dass es komplett aus der Zeit gefallen wirkt.

Inspiriert hat sich der Choreograf unter anderem an Gemälden des Frührenaissance-Meisters Masaccio. Die Musik des italienischen Komponisten Monteverdi (1567-1643) entführt in höfische Gefilde, die Kostüme nehmen mit Ocker, Gelb und warmem Rot die Farben der Toskana auf.

An Renaissance-Höfen wurden oft mythologische Stoffe vertanzt. Monteverdis Oper «Orfeo» etwa erzählt von einem Mann und einer Frau, denen es, nachdem sie die Unterwelt verlassen haben, verboten ist, sich gegenseitig anzuschauen.

Diese Geschichte hat Alstons Choreografie inspiriert, bei dem eine Frau sich während eines besonders eindrücklichen Pas-de-Deux rücklings auf einen Mann legt, sich klassische Hebefiguren mit höfisch anmutenden Schritten, zärtlichen Umarmungen und rasanten Pirouetten abwechseln.

Barfuss «fliegen» die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne und «malen» dabei temporeich ein Gemälde mit den für die Renaissance typischen perfekten Symmetrien in den Raum.

Nur drei Minuten dauert das im Anschluss gezeigte «Isthmus», bei dem eine kurze Dreiecksgeschichte im Mittelpunkt steht. «Red Run» ist schliesslich visualisierter Jazz.

Die leicht paranoide Musik von Heiner Goebbels wird mit dramatischen Sprüngen, Posen der Verzweiflung und Trauer und an Kampfsport erinnernden Moves in Bewegung übersetzt.

Noch rasanter geht es im letzten von Martin Lawrance choreografierten Stück «Detour» zu und her. Die Tänzerinnen und Tänzer drehen sich unter anderem wie rotierende Motoren um die eigene Achse.

Schweisstuch und Trainerhose

Wer tänzerische Virtuosität an diesem Festival suchte, wurde mit diesem Schlusspunkt der Richard Alston Dance Company bedient. Ein Ballett auf der Höhe der Zeit? Bedingt.

Kostüme, Lichtschau und Rollenbilder sind in den vier gezeigten Stücken stimmig, aber auch wenig innovativ. Wie er Tanz von Performance unterscheide, beantwortet Richard Alston zögernd: «Ich weiss, was Tanz ist.»

Für die Festivalleitung ist Tanz offenbar ein weites Feld. Am vergangenen Donnerstag trat mit dem Amerikaner Trajal Harrell ein Künstler auf, der eindeutig eher als Performer einzustufen ist. Im Stück «Dancer of the Year» schlurfte Harrell in Trainerhosen und zwei verschiedenfarbigen Socken auf die Bühne, die aus einem roten Teppich und zwei Klavierstühlen mit einem Laptop drauf bestand.

Harrell stülpte sich mal einen Rock im Carmen-Stil über, mal krempelte er sich nur die Hosen hoch. Immer dabei war ein weisses Handtuch, mit dem er sich ostentativ den Schweiss wegwischte.

Öffentlicher Auftritt und heimische Sphäre schienen sich gegenseitig zu durchdringen. Tänzerisch erinnerte Harrell mal an eine der Fantasie eines Europäers im 19. Jahrhunderts entsprungene Haremsdame, mal an einen Schlangentänzer.

Zwischen einigen Posen und Possen auf dem roten Teppich tänzelte Harrell die meiste Zeit in sich gekehrt und schien dabei zu vergessen, dass draussen ein Publikum sitzt.

«Einzigartig» hatte das Motto des Festivals gelautet. Harrell löste das Versprechen mit seiner selbstironischen Schau ein. Aber war das Tanz?

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