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Die Sauberfrau mit den subversiven Seiten

Doris Day ist tot. Sie verkörperte das Frauenideal der amerikanischen 1950er-Jahre so perfekt, dass sie es schliesslich karikierte.

Fritz Göttler
Verstarb im Alter von 97 Jahren: Doris Day war eine der grossen Ikonen Hollywoods.
Verstarb im Alter von 97 Jahren: Doris Day war eine der grossen Ikonen Hollywoods.
CBS, AFP
Wurde nicht mit ihrem richtigen Namen bekannt: Der Nachtclub-Besitzer und Sänger Barney Rapp gab Doris Day ihren Künstlernamen nach dem Song «Day by Day».
Wurde nicht mit ihrem richtigen Namen bekannt: Der Nachtclub-Besitzer und Sänger Barney Rapp gab Doris Day ihren Künstlernamen nach dem Song «Day by Day».
NBC, AFP
Vielseitig begabt: Ihre Karriere begann Day als Sängerin verschiedener Big Bands.
Vielseitig begabt: Ihre Karriere begann Day als Sängerin verschiedener Big Bands.
Hulton Archive, AFP
Pflegte viele private Freundschaften zu ihren Arbeitskollegen: Hier posiert die junge Sängerin mit Bob Crosby, dem Bandleader der Dixieland Band aus Chicago. (1945)
Pflegte viele private Freundschaften zu ihren Arbeitskollegen: Hier posiert die junge Sängerin mit Bob Crosby, dem Bandleader der Dixieland Band aus Chicago. (1945)
Hulton Archive, AFP
Grosser Schritt: 1947 schaffte sie den Sprung nach Hollywood, wo sie zunächst in Musicals zu sehen war. Hier in ihrem Dressing Room am Set von «Romance on the High Seas» mit Michael Curtiz (1948).
Grosser Schritt: 1947 schaffte sie den Sprung nach Hollywood, wo sie zunächst in Musicals zu sehen war. Hier in ihrem Dressing Room am Set von «Romance on the High Seas» mit Michael Curtiz (1948).
Hulton Archive, AFP
Von 1948 bis 1954 stand Day bei der Produktionsfirma Warner Brothers unter Vertrag. (1955)
Von 1948 bis 1954 stand Day bei der Produktionsfirma Warner Brothers unter Vertrag. (1955)
Jack Garofalo, AFP
Sticht heraus: Doris Day spielt 1952 eine der Hauptrollen im Film «April in Paris».
Sticht heraus: Doris Day spielt 1952 eine der Hauptrollen im Film «April in Paris».
Warner Brothers, AFP
1954 spielte sie in «Young at Heart» neben Frank Sinatra.
1954 spielte sie in «Young at Heart» neben Frank Sinatra.
Silver Screen Collection, AFP
Während ihrer Zeit bei Warner Brothers feierte Day ihren grössten Erfolg mit dem Western-Musical «Calamity Jane». Der von ihr gesungene Titelsong wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.
Während ihrer Zeit bei Warner Brothers feierte Day ihren grössten Erfolg mit dem Western-Musical «Calamity Jane». Der von ihr gesungene Titelsong wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.
AFP
Genoss ihr Leben in Kalifornien: Ein Bild von Doris Day in ihrem Zuhause in Toluca Lake 1955.
Genoss ihr Leben in Kalifornien: Ein Bild von Doris Day in ihrem Zuhause in Toluca Lake 1955.
Phil Burchman, AFP
Bereits die dritte Ehe: 1951 heiratete Day den Filmproduzenten Martin Melcher, mit dem sie bis zu seinem Tod 1968 zusammen war. (1955)
Bereits die dritte Ehe: 1951 heiratete Day den Filmproduzenten Martin Melcher, mit dem sie bis zu seinem Tod 1968 zusammen war. (1955)
Pictorial Parade, AFP
Romantisches Komödien-Paar: Ihre familienfreundlichen Filme mit Rock Hudson prägten ihr Image als Sauberfrau. (1960)
Romantisches Komödien-Paar: Ihre familienfreundlichen Filme mit Rock Hudson prägten ihr Image als Sauberfrau. (1960)
Silver Screen Collection, AFP
Ihr endgültiger Durchbruch: Eine Filmszene aus dem Film «Pillow Talk» mit Rock Hudson, mit dem Doris Day für einen Oscar nominiert wurde. (1959)
Ihr endgültiger Durchbruch: Eine Filmszene aus dem Film «Pillow Talk» mit Rock Hudson, mit dem Doris Day für einen Oscar nominiert wurde. (1959)
Gehörte zu den Grossen: In den späten 50er-Jahren stieg Day zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Hollywoodstars auf. (1959)
Gehörte zu den Grossen: In den späten 50er-Jahren stieg Day zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Hollywoodstars auf. (1959)
Richard C. Miller, AFP
Doris Day (rechts) posiert mit dem US-amerikanischen Sänger Frank Sinatra und der Schauspielerin Lauren Bacall bei einer Show im Sands Hotel in Las Vegas. (1956)
Doris Day (rechts) posiert mit dem US-amerikanischen Sänger Frank Sinatra und der Schauspielerin Lauren Bacall bei einer Show im Sands Hotel in Las Vegas. (1956)
Keystone
Überzeugte mit ihrer Leistung: Doris Day erhielt viermal einen Golden Globe. (1958)
Überzeugte mit ihrer Leistung: Doris Day erhielt viermal einen Golden Globe. (1958)
AFP
Sinnbild amerikanischer Freuen in der Nachkriegszeit: Day verkörperte die strahlende, blonde Unschuld. (1962)
Sinnbild amerikanischer Freuen in der Nachkriegszeit: Day verkörperte die strahlende, blonde Unschuld. (1962)
Str, Keystone
Doris Day blödelt mit Filmproduzent Alfred Hitchcock und James Stewart am Set ihres Filmes «The Man Who Knew Too Much» herum. (1956)
Doris Day blödelt mit Filmproduzent Alfred Hitchcock und James Stewart am Set ihres Filmes «The Man Who Knew Too Much» herum. (1956)
George Rinhart, AFP
Ihre Erkennungsmelodie: Der Titelsong «Que Sera, Sera» von Hitchcocks Film wurde zum grössten Hit von Doris Day. (1956)
Ihre Erkennungsmelodie: Der Titelsong «Que Sera, Sera» von Hitchcocks Film wurde zum grössten Hit von Doris Day. (1956)
Nachdem sie lange nur für Soundtracks von Filmen gesungen hatte: Bis Mitte der 60er-Jahren nahm Doris Day mehrere eigene Studioalben auf. (1960)
Nachdem sie lange nur für Soundtracks von Filmen gesungen hatte: Bis Mitte der 60er-Jahren nahm Doris Day mehrere eigene Studioalben auf. (1960)
Hulton Archive, AFP
Wurde ab Mitte der 60er-Jahre als «unglaubwürdig» bezeichnet: Für ihr Image als sittsame Frau musste Day viel Kritik einstecken.
Wurde ab Mitte der 60er-Jahre als «unglaubwürdig» bezeichnet: Für ihr Image als sittsame Frau musste Day viel Kritik einstecken.
Archivbild
«The Doris Day Show»: Nach dem Tod ihres Ehemannes Martin Melcher 1968 nahm Day keine Rollen mehr an. Weil ihr Vermögen verspekuliert wurde, musste sie jedoch von 1968 bis 1973 in einer Fernsehserie mitspielen.
«The Doris Day Show»: Nach dem Tod ihres Ehemannes Martin Melcher 1968 nahm Day keine Rollen mehr an. Weil ihr Vermögen verspekuliert wurde, musste sie jedoch von 1968 bis 1973 in einer Fernsehserie mitspielen.
AFP
Einer ihrer letzten grossen Auftritte als Sängerin: Ende der 70er-Jahre zog sich Day immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. (1977)
Einer ihrer letzten grossen Auftritte als Sängerin: Ende der 70er-Jahre zog sich Day immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. (1977)
Seit dem Ende ihrer Filmkarriere setzte sich Day für den Tierschutz ein: Hier eröffnet sie 1985 ein hundefreundliches Hotel im kalifornischen Carmel.
Seit dem Ende ihrer Filmkarriere setzte sich Day für den Tierschutz ein: Hier eröffnet sie 1985 ein hundefreundliches Hotel im kalifornischen Carmel.
Paul Harris, AFP
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Das Lied, mit dem sie wohl am meisten assoziiert wird, klingt melancholisch und ein wenig fatalistisch. «Que sera sera, whatever will be will be …» Was sein wird, wird sein, sie singt es in «Der Mann, der zu viel wusste» von Alfred Hitchcock. Da spielt sie eine Arztgattin und Mutter, die mit ihrem Mann, Jimmy Stewart, und dem kleinen Sohn auf Ferienreise in Marokko ist, sie geraten ungewollt in eine politische Geheimdienst- und Attentatintrige, der Sohn wird entführt, um die beiden daran zu hindern auszupacken.

Mehr als bloss blond und republikanisch

Doris Day, im heftigsten Gewissenszwiespalt – jeder kennt die Szene, klassischer Suspense –, zögert lang, schreit dann aber doch auf, mitten im Konzert in der Royal Albert Hall, um den Killer am tödlichen Schuss zu hindern. Später dann, in der Botschaft des so geretteten Regenten, setzt sie sich ans Klavier und singt das Lied, das sie auch dem Sohn immer vorgesungen hat, «Que sera sera», immer lauter und schriller, das Lied kriecht durch das Treppenhaus und die Gänge der Botschaft, bis in das Zimmer, wo der Bub gefangen gehalten wird. Que sera sera …aber Doris Day ist eben nicht schicksalsergeben, untätig, sondern energisch, aktiv, risikobereit.

Video: Doris Day ist tot

Als das British Film Institute Doris Day in den Achtzigern eine Retrospektive widmete, nannte es diese «A Compleat Career». Keine komplette, sondern eine plissierte Karriere – englisch pleat = Falte. Und hat mit diesem Titel signalisiert, dass das Phänomen, der Star Doris Day sehr viel mehr bedeutet als das, was man gemeinhin damit verbindet: ein blonder Star, strahlend, immer lachend und fröhlich, gesund, normal, bürgerlich, Hausfrau, Mutter, patriotisch, republikanisch, George-W.-Bush-Promoterin … und 1967 hat sie eine eigene Tierschutzorganisation gegründet. Ein Inbegriff also des Fünfzigerjahre-Amerika? Das British Film Institute konnte durchaus subversives Potenzial in dem Bild entdecken, das Doris Day abgab.

Erfolg mit Stereotypie

Geboren wurde sie am 3. April 1922 in Cincinnati, Ohio, Doris Mary Ann Kappelhoff – ihre Grosseltern waren deutsche Immigranten. Sie begann als Sängerin im Radio, einer ihrer frühen Hits war «Sentimental Journey» Anfang 1945: ein Song, der schon mal klangvoll das Ende des Kriegs und die Rückkehr der amerikanischen Soldaten herbeiträumte.

Ende der Vierziger fing sie an, Filme zu machen, Musikfilme zunächst, «Zaubernächte in Rio» oder «April in Paris» oder «The Pajama Game», dazwischen aber immer auch strenge, dramatische Filme. In «Young Man with a Horn» (Der Jazztrompeter) von Michael Curtiz ist sie eine der zwei Frauen, die um die Liebe von Kirk Douglas kämpfen, der als Musiker Karriere machen will – die andere Frau ist Lauren Bacall: es ist ein musikalischer Film noir, verbissen und bitter.

In «Storm Warning» (Der Gefangene des Ku-Klux-Klan) ist sie eine junge Frau in einer Kleinstadt; ihre Schwester, ein erfolgreiches Model aus New York (Ginger Rogers), kommt zu Besuch, sie wird Zeuge einer Klan-Attacke, es gibt brutale Intrigen und Druck von verschiedenen Seiten, Doris Days Mann ist einer der KKK-Leute.

Den richtig grossen Erfolg in Hollywood hatte sie dann in den Fünfzigern und Sechzigern mit einer Reihe von Komödien, die auf sie zugeschnitten wurden und die im Fernsehen viele Jahre lang in schöner Regelmässigkeit im Programm auftauchten. Amerikanische Stereotypie, und schon die Titel sind hier Programm sind: «Bettgeflüster», «Ein Hauch von Nerz», «Meisterschaft im Seitensprung», «Ein Pyjama für zwei», «Was diese Frau so alles treibt», «Eine zu viel im Bett».

Nicht immer unschuldig

Doris Day kann sich da die grossen eleganten Männer der Fünfziger aussuchen, mit denen sie sich einlässt: Rock Hudson, Cary Grant, James Garner. Die Frau in diesen Filmen ist selbstbewusst, kokett und komisch, nicht immer unschuldig, aber Nacktheit und Bettszenen sind eher selten.

Zweimal drehte sie in den Sechzigern mit Frank Tashlin, der am radikalsten die amerikanische Komödie zertrümmerte und sie dann aus den Einzelstücken wieder neu zusammenbastelte. Es sind zwei Agentenfilme, in denen, genregemäss, der Slapstick reaktiviert wird: «The Glass-Bottom-Boat» (Spion in Spitzenhöschen) mit Rod Taylor und «Capricew mit Richard Harris. Als unbewusstes Opfer von Spionageintrigen entwickelt Doris Day eine hinreissende Naivität, mit zwei Gesichtern.

Diese zwei Seiten verzauberte auch die Leute vom British Film Institute bei ihrer Retrospektive. Natürlich würdigten sie die eher abseitigen Stücke von Doris Day, «It Happened to Jane» (Mit mir nicht, meine Herren), 1959, von Richard Quine, oder «Das Teufelsweib von Texas», 1967, wo sie sich im Wilden Westen durchaus wohlfühlt. (Auch Calamity Jane hat sie mal spielen dürfen.) In «Mit mir nicht, meine Herren» ist sie selbständig, sie hat eine Hummernzucht, und als sie Ärger kriegt mit dem Chef der lokalen Eisenbahn, legt sie sich, mit Hilfe von Jack Lemmon, eine eigene Linie und Lokomotive zu.

Die Unabhängigkeit, die sie in diesen Filmen entwickelt, schlägt auch auf die klassischen Komödien und Komödienrollen durch. Doris Day verkörpert so perfekt und makellos das amerikanische Frauenideal der Fünfziger, dass sie es karikiert und transzendiert. Das Propere wird von Einstellung zu Einstellung suspekter und unergründlicher, das ist der Effekt dieser «compleat career». Am Sonntag ist Doris Day im Alter von 97 Jahren in Carmel Valley, Kalifornien gestorben.

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