Vor diesem Kinderbuch zittern die türkischen Behörden

Wenn Marie Curie Angst macht: Die Porträts mutiger Frauen der Geschichte gelten in der Türkei neu als jugendgefährdend.

So sieht der Eintrag zur weltberühmten Naturwissenschaftlerin Marie Curie in dem Buch aus, das die Türkei nun als «jugendgefährdend» kategorisiert hat. Foto: Elena Favilli, Francesca Cavallo

So sieht der Eintrag zur weltberühmten Naturwissenschaftlerin Marie Curie in dem Buch aus, das die Türkei nun als «jugendgefährdend» kategorisiert hat. Foto: Elena Favilli, Francesca Cavallo

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die beiden italienischen Autorinnen Francesca Cavallo und Elena Favilli hatten ihre Bücherreihe «Good Night Stories for Rebel Girls», die in der deutschen Übersetzung mit dem Untertitel «100 aussergewöhnliche Frauen» ergänzt ist, einst via Crowdfunding finanziert. Die kurzen, feministisch grundierten Porträts, die Mädchen Mut machen sollen, wurden ein Riesenerfolg und in rund 50 Sprachen übersetzt. Der Millionenbestseller stellt Frauen wie beispielsweise die pakistanische Frauenrechtsaktivistin und Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die britische Autorin J. K. Rowling und die polnische Streiterin für soziale Rechte Irena Sendler, die während des 2. Weltkriegs jüdische Kinder vor den Nazis rettete, vor.

In der Türkei allerdings gilt «Good Night Stories for Rebel Girls» ab sofort als jugendgefährdend – wie Pornografie – und darf nur noch an Erwachsene verkauft werden. Es darf in Buchläden nicht mehr ausgestellt und quasi nur noch unter der Ladentheke gehandelt werden. Laut der Autorin Cavallo stiess der Band bisher nur in Russland auf Schwierigkeiten: Dort wurde eine Geschichte über ein Transgender-Mädchen herauszensiert.

Mädchen verdienen starke Vorbilder

Einige Inhalte des Werks mit Kurzporträts von Frauen wie Florence Nightingale, Serena Williams, Coco Chanel oder Beyoncé hätten «einen schädlichen Einfluss auf den Geist von unter 18-Jährigen», entschied die türkische Behörde, wie die FAZ berichtet. Der türkische Verlegerverband seinerseits kritisierte, die Behördenentscheidung gefährde die Meinungs- und Pressefreiheit und die «Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft».

Die beiden Autorinnen Elena Favilli (l.) und Francesca Cavallo. Foto: Karsten Lemm

Co-Autorin Francesca Cavallo nahm am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP wie folgt Stellung: «Mädchen verdienen es, mit weiblichen Vorbildern aufzuwachsen. Sie verdienen es, mit der Überzeugung aufzuwachsen, dass sie alles werden können, was sie wollen.» Wenn eine Regierung «Angst vor einem Kinderbuch hat, das für Gleichstellung wirbt», zeige dies, wie wichtig das Buch sei.

Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls – 100 aussergewöhnliche Frauen. Hanser, 224 S., ca. 39 Fr.

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