No Bullshit, immer geradeaus

Mélanie Thierry spielt eine Bäuerin in Bettina Oberlis «Le vent tourne» – und ist viel die bessere Schauspielerin als Interviewpartnerin.

Typische Bäuerin oder nicht? Mélanie Thierry in «Le vent tourne». Foto: Lundi 13

Typische Bäuerin oder nicht? Mélanie Thierry in «Le vent tourne». Foto: Lundi 13

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Plötzlich wird es laut im Interview. «Aber der Jura ist doch nicht flach», ruft Mélanie Thierry. Ich erwidere, der Film «Le vent tourne» spiele doch auf dem Plateau der Franches-Montagnes, und er habe mir auch landschaftlich gefallen, weil es dort diese Hochebene gebe, nur Tannen, Wiesen und den Horizont. Aber sie gibt sofort zurück: «Der Jura ist nicht flach, da sind tiefe Täler und Schluchten, Sie müssen es mir schon glauben, ich war dort.»

Selbstverständlich war sie dort. Mélanie Thierry, 37, spielt die Hauptrolle im neuen Film von Bettina Oberli. Sie verkörpert eine Bäuerin, die mit ihrem Mann (Pierre Deladonchamps) den Traum der Selbstversorgung lebt: Vieh, Gemüse, alles biologisch, und um noch mehr Unabhängigkeit zu erlangen, soll ein Windrad her, zur Stromproduktion. Damit tritt der weit gereiste Samuel (Nuno Lopes) ins Leben des Paares. Die Dynamik auf dem Hof verändert sich – daraus wird eine spannende Dreiecksgeschichte, die eben auch von der Landschaft lebt, in der sie spielt.

Angst vor Kühen – und vor Journalisten?

«Le vent tourne» ist der erste französischsprachige Film der «Herbstzeitlosen»-Regisseurin, eine Koproduktion mit Frankreich. Deshalb haben Grössen aus dem Nachbarland mitgewirkt. Mélanie Thierry kann man durchaus als französischen Star bezeichnen: Sie spielte die Titelrolle in «La princesse de Montpensier» von Bertrand Tavernier und war in der internationalen Produktion «A Perfect Day» an der Seite von ­Benicio del Toro und Tim Robbins zu sehen. Jetzt aber, beim Interview nach der Uraufführung des Oberli-Films in Locarno, gibt sie sich wortkarg. Mit «oui, oui» beantwortet sie Fragen, mit «non» oder auch einfach mit «je ne sais pas». Und betont auch äusserlich, dass sie nicht wirklich an einem Gespräch interessiert ist.

Gut, vielleicht hätte ich ihr nicht gleich zu Beginn des Interviews ­sagen sollen, dass ich ihr die Bäuerin im Film nicht sofort abgenommen habe: zu wenig Muskeln, zu wenig perfekte Handgriffe («ah oui?»). Aber eigentlich war das als Kompliment über Umwege gedacht, ich fügte sofort hinzu, dass ich es später total passend fand, weil sie eben nicht die typische Bäuerin verkörpere, sondern eine Frau, die hin und her gerissen ist. «Wenn Sie es sagen», erwidert sie. Und dann schweigen wir.

Mélanie Thierry macht dem Gegenüber nichts vor. Sie hat ihren Job beim Spielen erledigt, und dies exzellent.

Vielleicht ist es mein Französisch? Vielleicht kann ich zu wenig nuancenreich erklären, was ich meine? Ich versuche es mit den Tieren, möglicherweise ist da mehr zu holen. Im Film ist sie nämlich ganz allein Geburtshelferin eines Kälbchens, zieht es an einem Seil auf die Welt. War das schwierig? «Nein, es ging fast von alleine.» Wieder Schweigen. Dann hat sie doch Erbarmen mit dem Journalisten und erzählt, dass sie bei der Vorbereitung Angst vor Kühen hatte, obwohl sie als Kind viel Zeit auf einem Bauernhof verbracht hatte. Aber die Geburt sei wirklich leicht zu drehen gewesen, weil die Kuh sie toleriert habe: «Sie hätte mich mit Fusstritten traktieren können. Aber sie hat es nicht getan.» Wissen Sie wieso? «Irgendwie habe ich ihr Vertrauen gefunden.»

Vertrauen in den Journalisten fasst sie dagegen nicht. Vielleicht ist sie auch einfach ehrlicher als viele ihre Kolleginnen. Die tun – gelernt ist gelernt – noch bei abgedroschenen Fragen manchmal so, als hörten sie diese zum ersten Mal. Mélanie Thierry dagegen macht dem Gegenüber nichts vor. Sie hat ihren Job beim Spielen erledigt, und dies exzellent. Vielleicht ist ihre Haltung im Interview einfach die Fortsetzung ihrer Kinorolle: No Bullshit, immer geradeaus. Das passt im Film wunderbar.

Am Ende sprechen wir noch einmal über die Landschaft. Diesmal über den Creux du Van im Neuenburger Jura, jenen imposanten Felsenkessel, bei dem eine Schlüsselstelle spielt. Diesmal sind wir uns einig: Flach ist es dort nicht.

«Le vent tourne» läuft ab dem 31. Januar im Kino – und vorher an den Solothurner Filmtagen.

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