Ohrfeigen für Obama

Die Aussenpolitik des US-Präsidenten dient vornehmlich dem Kult des Trumpismus – und der Abgrenzung zum Vorgänger.

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Zehn Jahre vor dem Ausbruch der amerikanischen Revolution bemerkte der spätere Gründervater und Präsident John Adams spöttisch, seine Landleute wähnten sich als Bewahrer menschlicher Grösse und Amerika als eine Bühne, auf der sich die Menschheit grandios entfalten werde. Dass es etwas Besonderes war, Amerikaner zu sein, war fortan fester Bestandteil amerikanischen Selbstverständnisses.

Ob «Manifest Destiny», die göttliche Absegnung der Expansion in Richtung Pazifik im 19. Jahrhundert, oder Ronald Reagans von den Puritanern abgeleitete Verklärung US-Amerikas als einer «leuchtenden Stadt auf dem Hügel»: Man war ausersehen und stand über der Welt, statt ein Teil von ihr zu sein.

Mal manifestierte sich diese Sonderrolle in der Ablehnung des Völkerbund-Vertrags 1919 durch den Senat, mal kam sie im Vietnamkrieg zum Vorschein als «Arroganz der Macht», so der Befund des kriegskritischen Senators William Fulbright. Der Einmarsch in den Irak widerspiegelte 2003 ebenfalls die «Arroganz der Macht» und trug wie der Krieg in Vietnam ideologische Züge: Die «Dominotheorie», wonach das gesamte Südostasien ohne amerikanisches Eingreifen den Kommunisten anheimfallen werde, sollte den Krieg in Indochina legitimieren, während sich die neokonservativen Vordenker der Intervention im Irak als Sendboten der Demokratie ausgaben.

Trumps Unberechenbarkeit wird beklatscht

Mit dem Trumpismus verhält es sich einfacher: Aussenpolitik dient vor allem der Abgrenzung zu den Vorgängern im Weissen Haus, besonders zu Barack Obama, und ausserdem zur Verklärung von Donald Trump. Sie ist Mittel eines Kults, der Trump schon jetzt als positive historische Figur feiern will.

Unter anderem beklatscht dieser Kult Trumps Unberechenbarkeit. Sie wird nicht als potenzielle Gefahr verstanden, sondern als positive Gabe. Gelegentlich möchte Trump in seinem Hang zur Unberechenbarkeit sogar den Eindruck eines «Verrückten» erwecken, ganz so wie Richard Nixon es gegenüber Nordvietnam getan hatte, um Hanoi zum Einlenken zu bewegen.

«Ich nenne das die ‘Madman’-Theorie, Bob, ich möchte, dass die Nordvietnamesen glauben, dass ich an einem Punkt bin, wo ich alles tun werde, um den Krieg zu stoppen», erklärte Nixon seinem Stabschef Bob Haldeman im Oktober 1969. Vielleicht wird Trumps Nachahmung Nixons zu einem Erfolg auf der koreanischen Halbinsel beitragen, wenn sich der Präsident und Kim Jong-un im Juni in Singapur zum Gipfel treffen.

Der grosse Nobelpreis-Wunsch

War Nixon jedoch ein strategischer Denker – siehe die Pingpong-Diplomatie mit Beijing – , so entspringt der Trumpismus weder einer Ideologie noch einer Strategie. Er dient allein der Festigung von Trumps Ego und ist Ausdruck seiner Megalomanie.

So wirft der Präsident dem Regime im Iran vor, es unterdrücke das Volk, lobt Kim Jong-un hingegen als «ehrenhaft», obschon Nordkorea ein weitaus schlimmerer Unrechtsstaat ist als der Iran. Über die Menschenrechte und das Los des nordkoreanischen Volks wird in Singapur indes kaum verhandelt werden: Sie wären Stolpersteine für Trumps erhofften grossen Wurf. Denn seine Anhängerschaft wie auch Trump hoffen, Pyongyangs Verzicht auf Atomwaffen werde dem Präsidenten den Friedensnobelpreis eintragen - womit er an Barack Obama vorbeiziehen würde.

Video - Trump trifft Kim in Singapur

Schliesslich hatte Obama den Preis für nichts erhalten ausser der Tatsache, dass er nicht George W. Bush war und dessen Einmarsch im Irak verurteilt hatte. Was immer Obama tat, so verlangt der Trumpismus stets das Gegenteil. Geprägt wird eine solche Politik von kindischem Trotz sowie einem Schuss Nihilismus. Pariser Klimaabkommen? Weg damit! Pazifisches Handelsabkommen? Nein!

Der Auseinanderreisser

Der amerikanische Wortbruch beim Ausstieg des von Obama und den amerikanischen Partnern ausgehandelten Atomabkommens mit Teheran muss als vorläufige Krönung dieser Politik verstanden werden. Nicht nur sollte der Ausstieg eine schallende Ohrfeige für den Vorgänger sein. Er garantierte zudem weltweite Schlagzeilen, ohne dass Trump die möglichen Konsequenzen des amerikanischen Wortbruchs wirklich einkalkuliert hätte.

Video - Trump kündet das Atomabkommen

«Make America Great Again» hatte nichts mit der Entscheidung zu tun. Sie fiel, weil der Präsident sich dadurch einmal mehr als «Disruptor», als einer, der auseinanderreisst und zerstört, profilieren konnte. Eine derartige Aussenpolitik mag bisweilen Erfolge einbringen. Ihre Risiken aber sind enorm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 11:43 Uhr

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