Wie Sie unfairen Argumenten begegnen

Fiese rhetorische Tricks verlieren ihre Kraft, wenn ihr Muster einmal erkannt ist. Wir zeigen Ihnen, wie das geht.

Es ist gut, wenn es nach dem Streit zum Handschlag kommt. Aber selten. Foto: Getty Images

Es ist gut, wenn es nach dem Streit zum Handschlag kommt. Aber selten. Foto: Getty Images

Christian Fichter@cfichter

Streiten Sie gern? Hoffentlich nicht. Aber manchmal gehts nicht anders. Unfaire Verbalattacken sind in unseren Zeiten an der Tagesordnung. Im Job, in der Zeitung, in der Politik: Die Kunst der harten Worte und der Kampf der Argumente stehen im Vordergrund. Das macht Zeitungs­artikel unterhaltsam, Politik auf­regend und Diskussionen interessant. Aber es nervt auch. Und es vertieft die Gräben in unserer Gesellschaft.

Darüber könnten wir uns ärgern. Oder uns verängstigt zurückziehen. Resignieren. So tun, als würden wir darüberstehen. Das ist natürlich legitim – führt aber genauso wenig zu einer Lösung wie die unfaire Attacke selber. Besser ist es, die unfaire ­Attacke als solche zu erkennen – und souverän zu kontern: schlagfertig, mit Sachkenntnis, Gelassenheit und Witz.

Leichter gesagt als getan. Das Problem beginnt damit, dass der Krieg der Worte oft gar nicht als solcher erkannt wird. Er ist gut getarnt: mit ver­führerischen Metaphern, stupenden Analogien, giftigen Killerargumenten. Rhetorische Kulissen werden aufge­zogen, die einschüchtern und abschrecken. Oder einlullen. Aber wenn man diese Kulissen durchschaut, kann man sie zum Einsturz bringen.

Empörungsaffine Medienkonsumenten lieben Argumente «ad hominem».

Zum Beispiel das Strohmann-Argument: Dabei wird eine Aussage des Gegners zugespitzt und karikiert, sodass sie leichter bekämpft werden kann. Stellen Sie sich vor, Sie diskutieren an einer Party über den Ursprung des Menschen. Sie äussern Ihre Überzeugung, dass sich der Mensch im Laufe der Evolution entwickelt hat. Darauf sagt jemand anderes: «Sie sind also ernsthaft der Meinung, dass sich unsere Vorfahren in den Baumwipfeln von Ast zu Ast geschwungen haben?» Es ist natürlich viel einfacher, Ihre Aussage ins Lächerliche zu ziehen, als die Evolutionstheorie zu widerlegen.

Empörungsaffine Medienkonsumenten lieben Argumente «ad hominem». Dabei wird ebenfalls von der Sache abgelenkt und auf die Person gezielt, beispielsweise, indem deren fachliche oder charakterliche Eignung bezweifelt wird: «Sie sind ein weisser, alter Mann – darum haben Sie keine Ahnung davon, wie die Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt werden!»

Ebenfalls im Trend liegt die Reductio at Hitlerum. Genau, die Nazi-Keule. Diese schwingt man, indem man von einem Argument behauptet, auch eine moralisch verwerfliche Person wie Hitler hätte daran ihre Freude gehabt. Damit lässt sich jede vernünftige Debatte zu den Fragen unserer Zeit im Keim ersticken. Wie praktisch.

Wenig hilfreich ist auch das Traditionsargument. Klar, die Chinesische Medizin ist dreitausend Jahre alt. Aber vielleicht haben die Chinesen einfach trotzdem überlebt, nicht deswegen. Besonders beliebt sind solche Ver­weise auf die Geschichte dann, wenn es um folgenschwere, aber nur schwer überprüfbare Themen geht, etwa um die gesunde Lebensweise oder um die bestmögliche Handelspolitik.

Wie optische Täuschungen, die wir einmal erkannt haben, können wir auch kognitive Täuschungen erkennen – und ihnen widerstehen.

Gerade Wissenschaftler sehen sich häufig mit dem «Sein = Sollen»-Argument konfrontiert. Indem sie etwas zu erklären versuchen – etwa Gewalt gegenüber Frauen –, wird ihnen unterstellt, sie würden es gutheissen. Das ist etwa so clever, wie wenn man einem Krebsforscher vorwirft, er begrüsse die Verbreitung von Krebs, weil er ihn zu verstehen versucht.

Warum sind wir so anfällig auf ­rhetorische Tricks? Sind wir zu dumm? Dumm nicht. Aber sparsam im Umgang mit unserer kognitiven Energie. Rhetorische Tricks nützen das aus, indem sie vortäuschen, ­logisch, vernünftig und wahrhaftig zu sein. Dabei sind sie eigentlich nichts anderes als Täuschungen. Wir fallen auf sie herein, wie wir auf optische Täuschungen hereinfallen. Doch wie optische Täuschungen, die wir einmal erkannt haben, können wir auch kognitive Täuschungen erkennen – und ihnen widerstehen.

Wir müssen uns darin üben, schlechte Argumente zu entlarven. Und wir sind angehalten, sie nicht selber einzusetzen. Denn wenn auch keiner von uns die Welt allein retten kann, so kann doch jeder einen Beitrag leisten. Das wussten schon die alten Griechen.

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