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Die wichtigsten Fragen und AntwortenGibt es ein Leben ohne Tiktok?

Nutzung und Zugang zur erfolgreichen chinesischen Video-App Tiktok werden sich in den USA verändern. Das hätte auch für Schweizer Userinnen und User Konsequenzen.

Charli D’Amelio (l.) ist mit über 70 Millionen Followern die Einzelperson mit den meisten Anhängern auf Tiktok – die 16-jährige Amerikanerin ist vor allem für ihre Tanzvideos bekannt. Hier posiert sie mit ihrer Youtuber-Freundin Kouvr Annon, die 10 Millionen Tiktok-Follower hat.
Charli D’Amelio (l.) ist mit über 70 Millionen Followern die Einzelperson mit den meisten Anhängern auf Tiktok – die 16-jährige Amerikanerin ist vor allem für ihre Tanzvideos bekannt. Hier posiert sie mit ihrer Youtuber-Freundin Kouvr Annon, die 10 Millionen Tiktok-Follower hat.
Foto: Instagram

Die grössten Tiktok-Stars kommen aus den USA. Rund 100 Millionen Menschen nutzen dort gemäss Eigenangabe die App regelmässig. Auch in der Schweiz ist die Nutzerbasis beträchtlich: Gemäss Schätzungen sind es hierzulande eine halbe Million Menschen. In den USA hat Tiktok in diesem Jahr 1000 neue Mitarbeiterinnen eingestellt, 10’000 sollen dazukommen.

Nun will US-Präsident Donald Trump die App in den USA verbieten – oder zumindest in amerikanische Wirtschaftshände überführen. Ob Trumps Motive für ein Verbot letztlich politischer, wirtschaftlicher oder gar persönlicher Natur sind: Das Szenario ist aktuell wahrscheinlicher denn je. Der Entscheid hätte auch Konsequenzen für Schweizer Userinnen und User.

Ist so eine Sperre möglich?

Die legale Grundlage für ein Verbot von Tiktok in den USA ist wacklig. Tiktok ist aufgeteilt in eine chinesische Variante Douyin sowie die internationale App. Das heisst: «Tiktok wird nicht in China angeboten. Die chinesische Regierung hat keinen Zugriff auf die Nutzerinnendaten», erklärt eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage. Datenschutzverletzungen nachzuweisen, dürfte schwierig werden. Die Daten würden in den Vereinigten Staaten und Singapur gespeichert und verarbeitet, wo Tiktok «mit Datenzentren von etablierten Anbietern arbeitet», heisst es weiter.

Trotzdem sagt Trump, er hätte über eine Präsidentenverfügung die Macht, die App sperren zu lassen. Er könnte Druck auf Google und Apple ausüben, um Tiktok aus den App-Stores zu entfernen. Der womöglich einfachere Weg führt über den Kauf der US-amerikanischen Anteile des Geschäfts von Tiktok. Damit würde eine Sperrung hinfällig. Und die neuen Besitzer könnten eine eigene US-Tiktok-Version lancieren und die Nutzung über Geoblocking kontrollieren.

Was bedeutet eine Sperre in den USA für den Rest der Welt?

Die App wird andernorts nicht plötzlich verschwinden. Tiktok ist international bereits auf verschiedene Standorte verteilt, die europäischen Nutzerinnen und Nutzer werden über die Tiktok Technology Limited in Dublin bedient. Bei der Vertretung für Deutschland, Österreich und die Schweiz will man sich zu den aktuellen Gerüchten nicht äussern. Sollte eine Sperrung in den USA tatsächlich umgesetzt werden, wird der Betrieb in Europa aber weiterlaufen.

Was eine einschneidende Folge wäre: Die Inhalte der US-Tiktok-Stars könnten hier nicht mehr aufrufbar sein. Aktuell prüft Microsoft den Kauf von Tiktok USA und will auch die Märkte in Kanada, Neuseeland und Australien miteinverleiben (das Preisschild wird bei rund 50 Milliarden Dollar veranschlagt) – dann würde die US-Version der App letztlich höchstwahrscheinlich auch aus den App-Stores in Europa verschwinden.

Addison Rae ist die Tiktokerin mit den zweitmeisten Followern: Aktuell sind es 53,8 Millionen. Die US-Amerikanerin ist 19 Jahre alt und hat schon im Kindesalter zu tanzen begonnen.
Addison Rae ist die Tiktokerin mit den zweitmeisten Followern: Aktuell sind es 53,8 Millionen. Die US-Amerikanerin ist 19 Jahre alt und hat schon im Kindesalter zu tanzen begonnen.
Foto: Instagram

«Die Sperre würde den Hype um Tiktok mittelfristig bremsen, weil die amerikanischen User auf andere Netzwerke ausweichen werden», sagt Stefan Erdin, Chefstratege bei der Digital-Agentur Monami Content. Durch das Wegfallen eines grossen Anteils von Usern könnten aber wenig bekannte, neue Creator an die Oberfläche gespült werden.

Was heisst das für Tiktok?

Tiktok selbst würde das «extrem schwächen», sagt Digital-Experte Daniel Koss, CEO der Influencer-Agentur Yxterix, bei der auch einige Schweizer Tiktok-Stars unter Vertrag sind. «Der Verlust der ganzen US-amerikanischen Creator-Szene würde eine substanzielle Anzahl User auf andere und vielleicht sogar neue Plattformen locken.» Betreffend Follower kommen von den 15 erfolgreichsten Einzelpersonen 11 aus den USA. Sie sind tonangebend und stilprägend, ihnen folgt man auf der ganzen Welt.

Wenn wichtige Creator von einer Plattform verschwinden, würden ihre Follower sowie kleinere Aushängeschilder jeweils nachfolgen. «Die ganze Userbasis ist schneller ‹umgezogen›, als man denkt», sagt Koss. Für Tiktok stehe damit nicht nur das US-Geschäft auf dem Spiel, sondern ein wichtiger Teil der Content-Vielfalt – und damit die inhaltliche Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Plattformen. Facebook hat mit der neuen Instagram-Anwendung Reels in Indien bereits erfolgreich die Tiktok-Nachfolge angetreten.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Microsoft Tiktok kauft?

Sehr. Microsoft-CEO Satya Nadella ist direkt mit Präsident Trump in Kontakt, die US-Firma hat also quasi staatliche Rückendeckung für die Übernahme. In einem Blogeintrag erklärt Microsoft, dass bis zum 15. September ein Entscheid fallen soll. Aktuell hält die chinesische Firma Bytedance eine knappe Mehrheit an Tiktok International, im Verwaltungsrat sind allerdings vier von fünf Sitzen von US-Amerikanern besetzt. Bytedance hat für den US-Anteil Verkaufsbereitschaft signalisiert.

Ob der Name Tiktok bei einer Übernahme bestehen bleibt, ist offen. Microsoft will gemäss dem Blog-Post auf die «Tiktok Experience, die die User gerade so lieben», aufbauen. Eine Neupositionierung wäre sicherlich ein Risiko.

Was hat Microsoft vom Kauf?

Microsoft ist ein Tech-Gigant, aber bei Social Media ist die Firma gegenüber der Konkurrenz – gerade aus dem eigenen Land – im Hintertreffen. Mit dem Kauf von Tiktok würde Microsoft einen stark wachsenden, sehr jungen User-Pool erwerben. Das ist für das digitale Werbegeschäft ohnehin sehr lukrativ – für Microsoft noch mehr, weil es als vernetzte User-Plattform einzig Linkedin mit einer deutlich älteren und sehr businessorientierten Nutzerschaft im Portfolio hat. Gemäss Daniel Koss ist es denkbar, dass Microsoft allenfalls ein neues Hardware-Produkt für die jüngere Zielgruppe lancieren könnte. Oder das Werbegeschäft von Linkedin und Tiktok verbindet – eine Möglichkeit, die Facebook mit Instagram bereits nutzt.

Zach King hat mit 46,7 Millionen am drittmeisten Follower auf der Plattform. Der 30-Jährige kommt ebenfalls aus den USA und produziert aufwendige Video-Illusionen.
Zach King hat mit 46,7 Millionen am drittmeisten Follower auf der Plattform. Der 30-Jährige kommt ebenfalls aus den USA und produziert aufwendige Video-Illusionen.
Foto: Instagram

Was macht das Verbot mit der Musikindustrie?

Darüber lässt sich zurzeit nur spekulieren. Fakt ist: Tiktok ist im vergangenen Jahr zu einer prägenden Kraft im Popgeschäft geworden: Songs, die virale Challenges inspirieren, werden zwangsläufig auch ausserhalb Tiktoks zu millionenfach gestreamten Hits, weltweit. 2020 haben unter anderem «Toosie Slide» von Drake, «Savage» von Megan Thee Stallion oder Jason Derulos aktuelle Nummer eins, «Savage Love», ihren Erfolg ihrer Popularität auf Tiktok zu verdanken.

Labels arbeiten denn auch längst mit Tiktok zusammen, wenn sie neue Songs vermarkten wollen. So hat auch Loredana ihre Single «Du bist mein» während des Lockdown über eine Tiktok-Challenge lanciert, zum Release wurde von Tiktok eine Pressemitteilung verschickt. Die Fokussierung auf Tiktok sei im Musikgeschäft so stark, dass zurzeit alternative Strategien fehlten, schreibt der «Rolling Stone».

Inwiefern virale Songs von der US-amerikanischen Version überschwappen könnten, ist offen. Tiktok-Hits würden bei einer US-Sperre oder Zersplitterung der App auf jeden Fall weniger global werden. Kleineren Künstlerinnen und Künstlern würde eine geringe, aber wichtige Chance genommen, weltweit viral zu gehen – wie das 2019 etwa die zuvor noch international unbekannte Australierin Tones & I mit «Dance Monkey» oder der damals 19-Jährige Nobody Lil Nas X mit «Old Town Road» geschafft haben.

Platz 4 der beliebtesten Tiktoker hält Loren Gray, 18 Jahre alt und US-Amerikanerin. Sie veröffentlicht eigene Songs.
Platz 4 der beliebtesten Tiktoker hält Loren Gray, 18 Jahre alt und US-Amerikanerin. Sie veröffentlicht eigene Songs.
Foto: Instagram

In der Schweiz baut Tiktok seine Werbetätigkeiten gerade erst richtig aus, seit kurzem können entsprechende Inhalte gezielt an potenzielle Kundinnen und Kunden gerichtet werden. Zudem investiert Tiktok grosse Summen in neue Inhalte und Creator – allein für Europa in den kommenden Jahren über einen «Kreativitätsfonds» mehrere Hundert Millionen Franken. Davon kann auch die Musikindustrie profitieren.

Wird das Internet jetzt regionalisiert?

Dass die Nutzung von Apps und Social-Media-Plattformen lokalen Auflagen unterworfen wird, ist eine Entwicklung, die sich zurzeit verstärkt, sagt Daniel Koss. Man könne Trump Protektionismus vorwerfen. Doch: «Europa praktiziert mit der Europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) Vergleichbares seit Jahren, China setzt komplett auf eigene Apps wie etwa Wechat oder Douyin.»

Mit 4,6 Millionen Followern ist die 18-jährige Bernerin Noemi Nikita die Schweizerin mit den meisten Anhängern auf der Plattform.
Mit 4,6 Millionen Followern ist die 18-jährige Bernerin Noemi Nikita die Schweizerin mit den meisten Anhängern auf der Plattform.
Foto: Instagram

Auch Stefan Erdin von Monami Content sieht da so: «Wenn sich die grossen Tech-Unternehmen in punkto Datenschutz weiterhin nicht bewegen, könnte selbst die EU vergleichbare Schritte in Erwägung ziehen.» Die Auswirkungen eines lokal geregelten Internets werden sich erst noch abzeichnen müssen.

Wo ist Tiktok bereits verboten?

Indien hält am Ende Juni verhängten Verbot fest. Zuvor wurde die App schon kurzzeitig in Indonesien und Bangladesh gesperrt, dann aber wieder freigeschaltet. Der Vorwurf wiederholt sich: mangelnder Datenschutz. Inzwischen investiert Tiktok viel in Transparenz. «Experten können unsere Moderationskriterien in Echtzeit beobachten und den Code einsehen, der unseren Algorithmen zugrunde liegt. Auf diese Weise gehen wir weiter, als es in der Branche bislang üblich ist», sagt die Unternehmenssprecherin.

Digital-Experten sind indes überzeugt: Wenn eine App aus China so gross wird, geht das wohl nur in Zusammenarbeit mit dem Staat. Ein Verbot in der Schweiz ist zurzeit unwahrscheinlich, der oberste Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger hat die Überprüfung von Tiktok aber in sein Pflichtenheft aufgenommen. «Aufgrund der bisherigen uns bekannten Informationen, haben wir keine Hinweise über eine datenschutzwidrige Datenbearbeitung der App Tiktok», sagt Hugo Wyler, Leiter Kommunikation des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB). Man habe eine direkte Ansprechstelle im Unternehmen.