Auf dem Sprung zum Golden Slam

Gute Chancen für Roger Federer im Olympia-Final von heute: Während sich der Schweizer am Samstag erholen konnte, stand Andy Murray zweimal im gemischten Doppel im Einsatz.

Die Chance auf Gold: Roger Federer trifft heute im Final auf Andy Murray – wie schon Wochen zuvor im Enspiel von Wimbledon.

Die Chance auf Gold: Roger Federer trifft heute im Final auf Andy Murray – wie schon Wochen zuvor im Enspiel von Wimbledon.

(Bild: Reuters)

René Stauffer@staffsky

Im Aorangi Park, am abgelegenen nördlichsten Ende des All England Lawn Tennis & Croquet Club in Wimbledon, ist es ruhig an diesem Samstag. Während hier am Grand-Slam-Turnier alle Spieler trainieren dürfen, ist dieser Bereich bei Olympia den ehrenwerten Clubmitgliedern vorbehalten. Sie schlagen ihre Bälle weiterhin in Weiss, während die Olympiateilnehmer in allen Farben über die Anlage hetzen dürfen.

Nur wenige der Rasenplätze sind besetzt – aber einer mit dem wohl bekanntesten Member des Clubs: Wimbledon-Rekordsieger Roger Federer bereitet sich hier, unbemerkt von allen und ebenfalls in Weiss gekleidet, auf den grossen Tag vor. Heute Sonntag wird er zum Olympiafinal (nicht vor 15 Uhr) wieder das rote Shirt mit dem Schweizer Kreuz überstreifen, das er nach dem 3:6, 7:6, 19:17 am Freitag gegen Juan Martin Del Potro geküsst hat.

Als Sparringpartner steht ihm sein Berner Coach Severin Lüthi gegenüber. Schon nach 40 Minuten ist die Session vorbei. Es geht nur darum, die Muskeln zu lockern nach dem viereinhalbstündigen Marathon, dem längsten Dreisätzer der Profiära. «Der Muskelkater ist kein Problem, ich fühlte mich gut», sagt Federer, als er kurz vor 15 Uhr die Anlage durch einen Nebeneingang verlässt und zum Parkplatz schreitet, den auch er als Privileg benutzen darf. Er zieht sich wieder zurück in sein Mietshaus unweit des Clubgeländes, das ihm schon während des Grand-Slam-Turniers Glück gebracht hat.

Inspiriert von Spirig und dem «unglaublichen Finish»

Am Mittag hat er vor dem Fernseher beim Triathlon mit Nicola Spirig mitgefiebert. «Das war ja unglaublich, dieser Finish», sagt er und strahlt. Der Medaillendruck ist dadurch weiter gewichen, nun liegt nicht mehr alles auf seinen Schultern. Federers Agenda ist an diesem Tag fast leer. Es folgt ein ruhiger Nachmittag, eine Dusche, eine Massage durch Physio Stéphane Vivier. Vor und nach dem Essen bleibt Zeit, mit den Zwillingen zu spielen.

Umso wichtiger ist Federers Termin an diesem 5. August. Drei Tage vor seinem 31. Geburtstag und bei seiner vierten Teilnahme steht er nun erstmals tatsächlich im Olympiafinal. Er hat sich damit ein weiteres Rendezvous mit der Tennisgeschichte ermöglicht: Sollte er, nur vier Wochen nach seinem siebten Wimbledontitel, nun auch Olympiagold gewinnen, wie es Serena Williams gestern vorgemacht hat, würde er die kühnsten Träume übertreffen und seinen Status als grösster Spieler der Geschichte kräftig untermauern.

In seiner Sammlung würde von den grössten Trophäen nur noch die Davis-Cup-Salatschüssel fehlen, und er hätte auch den Karriere-Golden-Slam geschafft, neben allen Grand-Slam-Titeln mindestens einmal olympisches Einzelgold gewonnen. Das schafften zuvor erst Steffi Graf (1988 sogar alles im gleichen Jahr), dazu Rafael Nadal und Andre Agassi, der heute sagt: «Olympia ist das Grösste, das ich je gewonnen habe».

Während Federer den Aorangi-Park verlässt, wartet Andy Murray in der Players Lounge auf seinen zweiten Einsatz des Tages im Mixed. Mit Laura Robson hat er am Mittag die Australier Samantha Stosur/Lleyton Hewitt besiegt und damit allen klar gemacht, dass er sich nicht für das Einzel schont. «Eine Medaille ist eine Medaille, egal, ob im Einzel, Doppel oder Mixed. Alle zählen gleich», sagt er nun zu einem Grüppchen Reportern. Drei Stunden später gewinnen die Briten auch den Halbfinal gegen die Deutschen Sabine Lisicki/Christopher Kas und stehen im Mixedfinal – womit Murray eine zweite Medaille auf sicher hat.

Gegen Murray und ein fanatisches Publikum

Der Weltranglisten-Vierte gilt heute im Einzel zwar als Aussenseiter, hat er doch in den drei wichtigsten Duellen gegen Federer – den Grand-Slam-Finals in New York 2008, Melbourne 2010 und Wimbledon 2012 – nur einen von zehn Sätzen gewonnen. Doch er hat gute Gründe, an sich zu glauben. «Vom Wimbledonfinal habe ich viel gelernt», ist er überzeugt. Zudem sei es ein Vorteil, dass Federer ebenfalls seinen ersten Olympiafinal bestreite, in Grand-Slams sei der Schweizer ja viel erfahrener. Als noch wichtigere Faktoren aber könnten für ihn werden, dass der Halbfinalmarathon bei Federer doch mehr Spuren hinterlassen hat, als er glaubt – und dass er selber ein fanatisches Publikum hinter sich haben dürfte, wie es im Profitennis nirgendwo anzutreffen ist.

«Der Lärm vom Centre Court musste bis zum Olympiapark zu hören gewesen sein», übertrieb die «Times» angesichts der Ovationen, die Murrays 7:5, 7:5 im Halbfinal gegen Novak Djokovic ausgelöst hatte. «Es heisst, Abendpartien am US Open hätten die beste Atmosphäre, aber das übertraf alles, was ich bisher erlebt habe», bestätigt Murray. Obwohl kein Preisgeld und nur wenige ATP-Punkte auf dem Spiel stehen, wird der Olympiafinal für beide Spieler zu einer der wichtigsten Partien ihrer Karrieren.

Schon der neunte Final auf Wimbledons Centre Court

«Vor dem Turnier hätte ich gesagt, ein Grand-Slam-Titel ist das wichtigste», bemerkte der 25-jährige Schotte, «aber im Sport ist eine Goldmedaille das Grösste. Jeder weiss, was sie bedeutet.» Federer dagegen wollte die Frage, was für ihn der Olympiasieg bedeuten würde, am Freitag noch nicht beantworten: «Das kann ich erst beurteilen, wenn es so weit ist.» Es tönte zuversichtlich. Er hat ja auf diesem Court von acht Finals auch erst einen verloren, 2008 gegen Rafael Nadal, als es am Ende der Partie fast dunkel war.

SonntagsZeitung

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