«In einem Jahr heisst die Nummer 1 Murray»

Der frühere Wimbledon-Champion Pat Cash glaubt, dass Roger Federers Niederlage gegen Andy Murray im Olympia-Final tiefer liegende Gründe als Müdigkeit hat.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Der siebte Wimbledon-Triumph vor einem knappen Monat trug Roger Federer Lobeshymnen aus aller Welt ein, seine deutliche Finalniederlage gegen Andy Murray an den Olympischen Spielen ruft nun aber bereits wieder den ersten prominenten Zweifler auf den Plan. Pat Cash, der 1987 in Wimbledon seinen einzigen Major-Titel holte, glaubt, dass Federer dem frischgebackenen Olympiasieger Murray schon bald den Tennisthron überlassen muss. «Murray wird innerhalb des nächsten Jahres die Nummer 1 – mit einem Grand-Slam-Titel im Palmarès», schreibt der für mutige Prognosen bekannte Australier in seinem Blog.

Cash ortet eine ganze Reihe von Gründen für Federers Untergang auf dem Rasen des All England Club – im technischen, taktischen und mentalen Bereich. Murray, so findet der Experte, habe einen psychologischen Vorteil gegenüber Federer. Der Schweizer wisse, dass er auf 100 Prozent sein müsse, um den Briten über fünf Sätze an der Grundlinie auszuspielen. Murray sei wie Nadal sehr schnell und bringe extrem viele Bälle zurück. Nun habe er auch das Selbstvertrauen für aussergewöhnliche Gewinnschläge.

Tatsächlich war es offensichtlich, dass sich Murray im Olympia-Final mehr zutraute als in der Vergangenheit. Ein Spiel macht aber noch keinen neuen Spieler, auch wenn der Schotte bereits in seinem Halbfinal gegen Novak Djokovic angefangen hatte, den Winner mit der Vorhand zu suchen. Federer weiss zudem, dass er jene Partie gewonnen hat, die Murray noch lieber für sich entschieden hätte als das jüngste Duell: das Grand-Slam-Endspiel in Wimbledon. Der Olympia-Final war für den Baselbieter wohl der eine Match zu viel. Der bald 31-Jährige gab unumwunden zu, dass es ihm nach dem epischen Kampf mit Juan Martin Del Potro in der Runde zuvor an geistiger Frische gemangelt habe. Von einer mentalen Superiorität Murrays zu reden, ist also sehr gewagt.

Der Volley – wirklich ein Problem für Federer?

Erstaunlich ist auch Cashs These zu Federers Angriffsspiel. «Federer hat über die Jahre beim Volley an Technik und Selbstvertrauen eingebüsst. Das bedeutet, dass er keinen Plan B mehr hat, wenn er im hinteren Bereich des Courts Fehler macht», schreibt der einstige Serve-and-Volley-Spezialist. Er lässt dabei ausser Acht, dass es nicht zuletzt der Volley war, der Federer vor einem knappen Monat im Final gegen Murray den Weg zur 17. Grand-Slam-Krone ebnete. Damals suchte die Weltnummer 1 ihr Heil 68-mal am Netz. 53-mal oder in 78 Prozent aller Fälle hatte Federer Erfolg – unter anderem beim wohl wichtigsten Ballwechsel, als er sich mit einem herrlichen Backhand-Volley den zweiten Satz sicherte. Allerdings fand der Match unter dem geschlossenen Dach des Centre Courts statt, was – wie Cash richtig feststellt – natürlich ein Vorteil für den Techniker Federer war.

«Murrays kraftvolle Vorhand hat Federer unter Druck gesetzt», konstatiert Cash weiter. «Federer versucht immer, seine Rückhand zu schützen, indem er in dieser Ecke steht, das bedeutet, dass er unter Druck aus dem Lauf spielen muss. Er kann das, aber nicht mehr so konstant wie in der Vergangenheit.» Hier spricht der Australier einen wunden Punkt an, der den sonst so ökonomisch agierenden Federer Kraft kostet, die ihm am Ende vielleicht fehlt. Zumal es für einen Sportler mit zunehmendem Alter schwieriger wird, sich von einem langen Spiel zu erholen. Am US Open könnte daher viel davon abhängen, wer in wessen Tableauhälfte gelost wird. Gesetzt den Fall, dass Rafael Nadal bis Ende Monat seine Knieprobleme noch nicht überwunden haben wird, würden Federers Aktien natürlich steigen, wenn sein etatmässiger Halbfinalgegner nicht Murray hiesse und der Schotte stattdessen auf Djokovic träfe.

Graf erwartet Boost für Murrays Karriere

Auch wenn Murray noch lange nicht die Nummer 1 ist, eines hat er bereits geschafft: Man redet im Tennis wieder von den grossen vier. Und Steffi Graf, die in ihrer Karriere 22 Majors gewann – 22 mehr als Murray nach aktuellem Stand – erwartet, dass der Olympiasieg dem Weltranglistenvierten einen Boost für seine Karriere verschafft. Dem für einmal geschlagenen Federer rät Graf, bei Spielen gegen Murray künftig möglichst aggressiv in die Bälle zu gehen. Schon wieder so ein Rat für Federer, der doch genau diese Taktik im Wimbledon-Final erfolgreich angewandt hat.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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